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Intellektuelle am Strand:Ach, das Meer ist aus blauem Glas

Die "Zeitschrift für Ideengeschichte" widmet ihr aktuelles Heft dem "Intelligenzbad Ahrenshoop". Der Kurort an der Ostseeküste der DDR wurde in der Nachkriegszeit zum Ziel für Dichter und Denker.

Von Peter Richter

Auch ein Jahr nach dem Krieg gab es wieder einen Sommer, auch in der Sowjetischen Besatzungszone schien, manchmal, die Sonne, und auch sozialistische Kulturschaffende gingen dann, manchmal, ins Wasser: Es gibt Dinge, die kann man sich zwar denken, aber um sie wirklich zu glauben, muss man sie sehen. Deshalb ist es so wundervoll, dass die Münchner Zeitschrift für Ideengeschichte in ihrem diesjährigen Sommerheft zum Thema "Intelligenzbad Ahrenshoop" nicht nur Texte abdruckt, sondern auch "Urlaubsfotos vom Ostseestrand" (Verlag C.H. Beck, 127 S., 14 Euro).

Das sonst so seriöse Aufsatzheft hat angesichts der Temperaturen mit anderen Worten mal deutlich den Hemdkragen gelockert. Schon auf dem Titel sieht man Johannes R. Becher nur mit Badehose, Brille und Baskenmütze am Strand hocken - damals immerhin der Kulturminister der DDR und Chef des Kulturbundes. Wir sehen die Schauspielerin Inge Keller mit dem Sohn von Karl-Eduard von Schnitzler spielen. Brecht steht mürrisch in den Dünen, Victor Klemperer winkt freundlich, obwohl er die Dorfbewohner im Verdacht hat, verstockte Nazis zu sein. Ernst Busch und Herbert Ihering teilen sich in einen Strandkorb. Franz Fühmann wühlt im Sand. Hanns Eisler trägt einen gehäkelten Hut gegen die Sonne. Der Regisseur Heiner Carow geht mit Aktentasche an den Strand, Heiner Müller mit Zigarre. Christa Wolf mag den Wind, und Sarah Kirsch lässt sich 1961 von Rainer Kirsch einbuddeln. Bei diesem oder einem der folgenden Aufenthalte wird sie das Gedicht "Ahrenshooper Sommer" tippen. "Ach das Meer ist aus blauem Glas", heißt es darin. "Hervorströmts unterm Scheinwerferlid / Ach die Soldaten leuchten so schön / daß niemand nach Dänemark zieht."

Ach, Ahrenshoop. Man kann ja heute noch sehen, warum sie damals ausgerechnet dieses Dorf auf dem Darß ausgesucht haben, es ist einfach noch schöner als der Rest, mehr Reetdächer, mehr Idylle. Eine sogenannte Künstlerkolonie war es vorher schon, sogar schon vor der Jahrhundertwende. Und so wundert es jedenfalls nicht, dass der im Sommer 1945 gegründete "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" unter seinem Präsidenten Becher Ahrenshoop in den Blick nimmt, um nach dem Vorbild von Peredelkino bei Moskau ein Urlaubsdorf für hofierte Dichter und Denker zu schaffen. Annett Gröschner schildert in ihrem Beitrag über das "Bonzen-Aquarium", wie erbittert der Wettstreit um Kurhäuser und Hotels damals zwischen Kulturbund, Freiem Deutschen Gewerkschaftsbund und den Betrieben geführt wurde und wie zur Not auch halsstarrige Hotelbesitzer aus ihren Häusern gedrängt wurden, um die eigene Klientel zu versorgen.

Die Klientel des Kulturbundes bestand in diesem Fall aus Schriftstellern, Schauspielern, Komponisten, denen man so kurz nach dem Krieg das Privileg eines Urlaubsplatzes bieten wollte, um sie so ans System zu binden. Anfangs galt das Angebot auch noch gesamtdeutsch, nach dem Verbot des Kulturbundes in den Westsektoren blieben die Besucher von dort allerdings lieber fern. In der vom Kulturbund jährlich veranstalteten "Sommerakademie" ging es 1947 sogar noch um Ernst Jünger. Ulrich von Bülow präsentiert in seinem Beitrag darüber in voller Länge einen Brief, den Ernst Niekisch darüber an Jünger schrieb: Wie Becher ihn angegriffen und wie er, Niekisch, ihn verteidigt habe.

Allerdings bittet er abschließend Jünger um zurückhaltende Behandlung seines Berichts. "Becher wird sich wohl denken, daß ich Ihnen die Vorgänge darstelle, aber ich möchte nicht allzu stark mich dem Vorwurf aussetzen, indiskret zu sein." Es liest sich ein bisschen, als wolle er sich den Zugang nach Ahrenshoop für die Zukunft nicht vollends verbauen. Verständlich wäre das. Man will sofort hinfahren, und den Rest des Heftes sachangemessen in einem Strandkorb lesen.

© SZ vom 29.05.2018

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