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Innenansichten der alten Bundesrepublik:Ein versunkenes Land

David Wagner

Kind der alten Bundesrepublik und ihrer Hauptstadt. Erzähler, der im Dialog mit dem Vater seiner verschwundenen Herkunftswelt nachspürt: David Wagner im nachtblauen Sakko.

(Foto: Linda Rosa Saal)

In David Wagners Roman "Der vergessliche Riese" berichtet ein Sohn von der fortschreitenden Demenz seines Vaters. Mit dessen Erinnerungen verschwindet eine ganze Welt.

Von Helmut Böttiger

David Wagner hat sich langsam vorgearbeitet. Er hat als Spezialist für altbundesdeutsche Detailwahrnehmungen angefangen und ist dieser Spezialist auch geblieben, aber der Blick hat sich dabei insgeheim immer mehr erweitert. Bekannt wurde Wagner durch Typologisierungen, etwa von Pelikan- und Geha-Füller-Benutzern, die eher verspielt und harmlos waren. Dann wagte er sich irgendwann auch bis in die Feinkartografie eines Supermarkts vor, in dem die Abgründe des Gewöhnlichen kenntlich wurden. Mit der Zeit gelang es ihm, durch kleine alltagssoziologische Beobachtungen so etwas wie ein Bild der gegenwärtigen Gesellschaft zu erstellen, ohne jemals begrifflich-abstrakt und theoretisch zu werden. In seinem sehr erfolgreichen Buch "Leben" versuchte er 2013 zum ersten Mal, mit diesem allgemein oft unterschätzten, mikroskopisch vorgehenden Stil ein großes existenzielles Thema zu verhandeln: seine lebensbedrohliche Krankheit, die mithilfe einer Organspende überwunden werden konnte und deren Dimensionen er ohne pathetische Gesten eindringlich vermittelte.

"Der vergessliche Riese" schließt nun daran an. Mit minimalistisch anmutenden Mitteln beschreibt Wagner die allmählich voranschreitende Demenzerkrankung seines Vaters. Der Autor unterläuft damit alles, was bei einem derart persönlichen Sujet droht. Das bedrängende Thema der Demenz wurde mittlerweile öfter literarisch bearbeitet, und nicht immer sind die Autoren dabei der Gefahr entgangen, die sich aufdrängenden emotionalen Begleitumstände in naheliegende literarische Effekte umzumünzen, das Thema also auf zwiespältige Weise zu benutzen. Davon ist David Wagner weit entfernt. Er spricht fast nie direkt. Aber er registriert minutiös das Geschehen. Durch die Art und Weise, wie der Autor und Ich-Erzähler dabei vorgeht, durch die hochreflektierte, vieles weglassende und geradezu musikalisch wirkende Form entfernt er sich von all den Fallen, die bei autobiografischem Schreiben sonst zwangsläufig auftauchen.

"Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd."

Das Buch besteht in großen Teilen aus Dialogen. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg schildert es die Besuche des Sohns bei dem Vater, und zwar dadurch, dass im Wesentlichen direkt wiedergegeben wird, was und wie die beiden dabei sprechen. Das ist durchaus ein riskantes Unterfangen, so etwas kann sich schnell erschöpfen und belanglos werden. Doch der Autor komponiert diese Dialoge so unaufdringlich, dass durch sie hindurch immer mehr von einem verborgenen, verschwiegenen Geschehen sichtbar wird. Das beginnt bereits mit dem ersten Satz: "Was machst du denn hier, Freund?" Das Wort "Freund" eröffnet einen Bogen, der sich mit dem letzten Satz des Buches schließen wird und den der Leser erst dann in seiner Bedeutung erkennt. Es gibt mehrere solcher Sätze, die das Buch refrainhaft strukturieren: der VW Golf, dessen erster Motor schnell schlappmachte beispielsweise, oder das, was Tante Gretls immer gesagt habe: "die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd". Diesen Satz sagt der Vater oft, in konzentrischen Kreisen scheint er sich damit auf ein Zentrum zuzubewegen, in dem er sich selbst befindet - und die Diagnose, er selber sei bereits so blöd, damit von sich fernhalten möchte.

Derlei Gesprächsmuster und Formulierungen wiederholen sich, in immer kürzeren Abständen. Durch diese leitmotivartige Technik verdichtet sich der Text und bekommt eine Eigendynamik. Zu den Leitmotiven gehört raffinierterweise auch die Vorliebe des Vaters für die Opern Richard Wagners. Zunächst finden die Besuche des Sohnes noch im Wohnhaus des Vaters statt, danach in einem Alten- und Pflegeheim. Durch die Dialoge und die kurzen, skizzenhaften Zwischensätze des Ich-Erzählers setzen sich einzelne Puzzleteile der Familiengeschichte zusammen. Der Vater war ein umtriebiger Mann, der lange wie ein Riese wirkte und in Bonn einer Tätigkeit nachging, die gegen Ende konkret benannt wird: "Interkulturelles Management und Verhandlungstraining für Autokonzerne und für den Deutschen Entwicklungsdienst".

Woglinde, Wellgunde und Floßhilde heißen die Schwestern des Vaters, wie die Rheintöchter

Der Ich-Erzähler stellt keinen direkten Bezug zwischen diesem programmatisch für eine unbedingte Gegenwart stehenden Beruf und dem aktuellen Zustand des Vaters her. Aber durch den Schauplatz der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn entsteht das Bild eines versunkenen Landes, das der Vater immer noch verkörpert. Der Erzähler gleitet eher misstrauisch durch Siedlungsstraßen, "die hier eigentlich nur lang gestreckte Parkplätze mit Randbebauung sind". Das mit großen Glasfenstern versehene Wohnhaus in den Ausläufern von Bonn kündet von Wohlstand. Im Keller sammeln sich Objekte, die im Lauf der Jahrzehnte von den sich zunehmend ausdifferenzierenden Konsumgewohnheiten zeugen. Die Nachtspeicherheizung, der Wasserzähler und die Gartenschlauchrequisiten erzählen eine Alltagsgeschichte, die im Rückblick mit einem gewissen Schaudern wahrgenommen wird, zumal sie mit den überlieferten Familienwerten korrespondiert. Der Erzähler zieht ein Fazit, das den infrastrukturellen Eigenheiten Westdeutschlands generell gilt: "Ich frage mich, wie ein Land so reich und zugleich so hässlich sein kann."

Im Laufe der erzählten Zeit vergisst der Vater immer mehr, es ist ein Prozess, der durch die mitstenografierten Besuchsdialoge wie organisch vermittelt wird. Doch es wird nichts kommentiert, die Gefühle des Erzählers scheinen konsequent ausgespart zu werden. Dadurch agiert der Text in einer sehr genau ausgeleuchteten Halbdistanz und hält zwischen Tragik und Komik eine bemerkenswerte Balance. Manchmal gibt es eine selbstverständliche Vertrautheit mit dem Vater. Ab und zu hat er äußerst helle Momente, und es blitzt etwas aus der Vergangenheit so klar auf, wie er es in den Zeiten seiner praktischen Berufstätigkeit wohl nicht formuliert hätte. Da sieht er in Bonn plötzlich ein Foto des ehemaligen Bundeskanzlers "Kurt Georg Kiesinger von der NSDAP", das Torgebäude eines Outlet-Centers kommentiert er mit: "Ist das ein Lager? Architektonisch erinnert es an das KZ Mauthausen", und nicht nur, dass er Schwestern hat, die nach den drei Rheintöchtern Woglinde, Wellgunde und Floßhilde heißen, verweist darauf, wie aktiv der Großvater am Nationalsozialismus beteiligt war.

Zum Schluss geht der Erzähler ein wenig aus der Deckung und fragt den Vater, dessen Zustand alles möglich macht, nach einigen wunden Punkten. Es ging im Verhältnis zwischen dem Sohn und dem Vater über weite Strecken nicht sehr innig zu. Vor allem dessen zweite Frau Claire führte zu einer starken Entfremdung. Die hier sorgsam wiedergegebenen Besuchsfragmente spielen vor einem Hintergrund, der ein durch die Sonnenuntergänge Hollywoods vertrautes und abrufbereites Familien-Happy-End als unmöglich erscheinen lässt. Dennoch bleibt die Gewissheit zurück, dass das, was hier auf diese Weise erzählt worden ist, für eine bessere Option steht: Unmerklich hat man eine Bestandsaufnahme der bundesdeutschen Geschichte gelesen, in der Perspektive einer als wohlsituiert zu definierenden Familie. Und der Sohn gehört dazu. In manchen Dialogen wird klar, auf welch merkwürdige Weise Vater und Sohn doch zusammenpassen: "Du baust dir halt deine eigene Wirklichkeit", sagt der Vater einmal plötzlich: "Hast du schon immer gemacht."

David Wagner: Der vergessliche Riese. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 269 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 31.08.2019

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