Inhalte:Auf der Konzept-Baustelle

Lesezeit: 3 min

Inhalte: Der Schlüterhof im rekonstruierten Berliner Stadtschloss nach dem Entwurf des Architekten Stella. 2019 soll dort das Humboldt-Forum eröffnet werden.

Der Schlüterhof im rekonstruierten Berliner Stadtschloss nach dem Entwurf des Architekten Stella. 2019 soll dort das Humboldt-Forum eröffnet werden.

(Foto: Humboldtforum Foundation/Franco Stella)

In Dahlems reichen Sammlungen liegt die Zukunft des Stadtschlosses.

Von Lothar Müller

Wenn Neil MacGregor an diesem Donnerstag nach Berlin käme, um sich anzuschauen, wofür er in den kommenden zwei Jahren federführend ein Gesamtkonzept entwickeln soll, was fände er vor? Zunächst den Beton-Rohbau der Schloss-Rekonstruktion, an dem der Kuppelaufsatz schon mehr als ahnbar ist und die Fenster nicht mehr lange wie schwarze Löcher herausstechen werden. Man würde ihm nämlich die Sandsteinelemente zeigen, die in der vergangenen Woche angeliefert wurden, damit die Arbeiten an der Fassade beginnen können, und nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass die Sockelsteine und Schmuckelemente der Fassade - wie beim barocken Originalschloss - aus Schlesien und dem Elbsandsteingebirge stammen.

MacGregor würde natürlich wissen, was er in den Schmuckelementen vor sich hat, die über den Fenstern im ersten Obergeschoss angebracht werden: exakt den Schweifgiebeln des Originals nachgebildete Bukranion-Ornamente, stilisierte Stierköpfe. Und vielleicht würde MacGregor gerne ein kleines Gedankenspiel über Ornamente und abstrakte Stierköpfe, denen der Stier abhanden gekommen ist, improvisieren, aber dazu käme er wohl kaum.

"Es ging immer nur um die Fassade. Viel wichtiger ist aber, was im Forum stattfindet."

Denn schon würde jemand dem Gast aus London berichten, was der neue Regierende Bürgermeister Michael Müller am Dienstag der Berliner Zeitung gesagt hat: "Ich war schon als Fraktionsvorsitzender unglücklich, wie die Debatte ums Humboldt-Forum gelaufen ist. Es ging immer nur um die Fassade. Viel wichtiger ist aber, was im Forum stattfindet." Also kein brillantes Feuilleton über Fassaden und Berliner Bukranion-Schmuck. Neil MacGregor würde die Besichtigung der physischen Baustelle möglichst rasch hinter sich bringen müssen, um auf der konzeptionellen Baustelle anzukommen, die das Humboldt-Forum auch nach dem Richtfest am 12. Juni bleiben wird.

Diese konzeptionelle Baustelle wird seine künftige Wirkungsstätte sein. Ein Besuch der "Humboldt-Box" neben dem Rohbau wird nicht ausreichen, sie in Augenschein zu nehmen. Denn da sind die allerneuesten Vorschläge noch nicht eingearbeitet. Für die 4 000 Quadratmeter, die das Land Berlin im Humboldt-Forum bespielen wird, hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller kürzlich einen Luftballon steigen lassen: es soll dort nicht, wie seit Jahren geplant, ein Schaufenster der Stadt- und Landesbibliothek entstehen, sondern ein Schaufenster der Stadt insgesamt unter dem Titel "Welt. Stadt. Berlin". Es ist noch sehr unklar, was dort gezeigt werden soll, das nicht auch im Stadtmuseum oder in einer der zahlreichen Berliner Gedenkstätten gezeigt werden könnte. Aber klar ist, wie der Titel am liebsten gelesen werden will: als modisch interpunktiertes Update der Sehnsuchtsformel "Weltstadt Berlin." Nein, jetzt kein Flughafenscherz. Aber diese Weltstadt hat gerade eine halbherzige Olympiabewerbung sang- und klanglos gegen Hamburg verloren.

MacGregor ist in der "Gründungsintendanz" des Humboldt-Forums nicht alleine. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Hermann Parzinger, Archäologe und Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sitzen an seiner Seite. Und außerdem hat Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien und Repräsentantin des Bauherren, des Bundes, angekündigt, den Chef der Berliner Antikensammlung, Andreas Scholl, als eine Art Generalsekretär für die operative Ebene des Projekts zu berufen.

Die Humboldt-Universität wird mit Exponaten aus ihren zahlreichen Sammlungen auf 700 Quadratmetern wechselnde Ausstellungen zu Wissenschaftsgeschichte und Erkenntnismethoden im Humboldt-Forum zeigen. Horst Bredekamp, zu dessen Forschungsgebieten die Geschichte der frühneuzeitlichen Kunstkammern zählt, hat vor einigen Jahren Ausstellungen aus den Sammlungen seiner Universität mitkuratiert. Mit Bredekamp und diesen Präsentationen ist die Humboldt Universität an der Konzeption für das Forum beteiligt, das dann allerdings insgesamt etwa 40 000 Quadratmeter Nutzfläche zu bespielen haben wird.

Nur wer die Dahlemer Museen einbezieht, wird am Schlossplatz in Berlin-Mitte erfolgreich sein

Hermann Parzinger unterstehen die Museen, die vor allem dazu beitragen sollen, das Humboldt-Forum zu füllen: das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst in Dahlem, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sich das sinnvollerweise in die Planungen einzubeziehende "Museum Europäischer Kulturen" befindet. Die großartigen Dahlemer Bestände sind aber keine Antwort auf die Frage, was im Humboldt-Forum bei der Eröffnung im Jahre 2019 zu sehen sein wird. Sie sind Teil der konzeptionellen Baustelle.

Darum würde MacGregor, entspricht er dem Ruf, der ihm vorauseilt, die physischen Baustelle am Schlossplatz möglichst rasch verlassen und nach Dahlem fahren, um seine Kenntnisse der dortigen Bestände zuvertiefen. Denn er wurde ja nicht nach Berlin gerufen, um das schwerelose Jonglieren mit Begriffen wie "Dialog der Kulturen" oder "Weltgesellschaft" zu choreographieren. Sondern um die Begriffe an die Dinge zu heften, sie in Fragen an die Dinge zu verwandeln.

Schließlich ist MacGregors Ruhm der eines Erzählers der "material culture", der Aufschlüsselung der vielen Geschichten, die in Objekten stecken, die sich in ihnen überlagern. Etwa die, wie aus Dingen und Artefakten außereuropäischer Kulturen in der Epoche des Kolonialismus Exponate wurden. Die Dahlemer Bestände erzählen nicht nur von der Südsee, dem alten Amerika und Ostasien, sie erzählen zugleich von Europa, von Berlin. Nur wenn er die Dahlemer Baustelle in Zusammenarbeit mit den dortigen Direktoren und Kuratoren voranbringt, kann Neil MacGregor am Schlossplatz in Berlins Mitte erfolgreich sein.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB