Inflation in der Literatur Null bedeutet Tod

Wenn Angela Merkel und Barack Obama über die richtige Reaktion auf die Krise streiten, schauen ihnen dabei die Dämonen über die Schulter, die seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert in Literatur und Film das Krisenbewusstsein bevölkern.

Von L. Müller

Erst ist da die akustische Gitarre, dann gibt die Mundharmonika, wie nur sie es kann, den Blueston vor, und wenn einige Takte später die Stimme von Bruce Springsteen diesem Ton das Pathos der Monotonie hinzufügt, hat der große Exodus seine stille Begleitmusik gefunden: "Men walking' long the railroad tracks / Goin' someplace there's no going back ..." Die Geisterbeschwörung in Springsteens "The Ghost of Tom Joad" (1995) ruft die Welt von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" (1939) herauf, das Epos der großen Depression, der Wanderung der Farmer, die ihr Land verloren haben, nach Westen, ins vermeintlich gelobte Land Kalifornien.

Hans Falladas "Wolf unter Wölfen" spielt im Berlin der Inflation im Jahr 1923 und trägt seine These auf der Stirn: dass in der Krise die Not die Moral kassiert und die Menschen zurück in den brutalen Existenzkampf zwingt.

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Tom Joad, der entlassene Sträfling, ist mehr noch als seine Familie insgesamt der Inbegriff des Entwurzelten, und er ist, worauf John Steinbeck großen Wert gelegt hat, eine Figur der ewigen Wiederkehr. Die Zeilen, in denen der Roman dies klarmacht, hat Springsteen in seinen Song montiert, der keinen Zweifel daran lässt, dass er ein Volkslied sein will. Der Geist, der darin Gestalt gewinnt, ist, ökonomisch betrachtet, der Geist der Deflation. Er ist es, der in Amerika den Ruin der Nation verkörpert.

Er hat die Preise des Korns verfallen lassen, das die Familie Joad angebaut hatte, er hat das drückende Gewicht der Schulden noch drückender werden lassen, er hat das Schicksal der Farmer, die ihre Kredite nicht mehr zahlen konnten, in das Schicksal der Banken gelegt. Aus dem Geist der Deflation geht in Steinbecks Roman, wenn die Agenten die Farmer enteignen, die Mythologie der Monster hervor: "We're sorry. It's not us. It's the monster. The bank isn't like a man ... The bank is something else than men."

Wenn jetzt Angela Merkel und Barack Obama über die richtige Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise streiten, dann schauen ihnen dabei die Dämonen über die Schulter, die in Deutschland und in Amerika seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert in Literatur, Film und auf dem Theater das Krisenbewusstsein bevölkern. In Amerika ist es Tom Joad, der Geist der Deflation. In Deutschland steht ihm warnend die Null gegenüber, der Geist der Inflation.

Zwei Jahre vor Steinbecks Roman erschien in Deutschland Hans Falladas Roman "Wolf unter Wölfen" (1937). Er spielt im Berlin der Inflation im Jahr 1923 und trägt seine These auf der Stirn: dass in der Krise die Not die Moral kassiert und die Menschen zurück in den brutalen Existenzkampf zwingt. Die Null, die in endlosen Kolonnen über immer kurzlebigeres Papiergeld marschiert, hat in Falladas voluminösem Roman eine Hauptrolle inne. Und sie hat ein Gegenüber, einen Maßstab, an dem ihr Wachstum sichtbar wird: den amerikanischen Dollar. Er ist es, um dessentwillen man im Pfandhaus die letzten weißen Hemden versetzt, und wer beim Pfandleiher Pech hat mit seinem Angebot, dem kann es passieren, dass ihm ein Silbertäschchen, weil schon ein wenig demodé, nur "zum gestrigen Dollarkurs" abgenommen wird.

Fallada hat in seinem Inflationspanorama, das im Deutschland des Jahres 1937 erscheinen konnte, weil der Nationalsozialismus auch durch die Ausbeutung der Inflationsangst groß geworden war, die Null zu einer modernen Nachfahrin alter Memento-mori-Figuren gemacht. Der Held des Romans, ein verabschiedeter Leutnant, für den der Roulette-Tisch zum Schauplatz eines zähen Stellungskrieges um das Geld geworden ist, setzt stets auf Rot oder Schwarz. Einmal aber setzt er dreißig Millionen auf Null: "Alles, was wir haben, habe ich auf Null gesetzt - und Null bedeutet Tod."

Wenn jetzt der Geist der Null gegen den Geist von Tom Joad steht, dann wird der Widerstreit von Deflations- und Inflationsbefürchtungen in der Sprache der internationalen Finanzexperten ausgehandelt. Die nationalen Krisenobsessionen bleiben davon unberührt. Denn eines haben Tom Joad und die Null gemeinsam: Beide sind Wiedergänger.

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