Imbolo Mbues Roman "Wie schön wir waren":Ein ungleicher Kampf

Lesezeit: 4 min

Imbolo Mbues Roman "Wie schön wir waren": Erhielt für ihren Roman "Das geträumte Land" 2017 den PEN/Faulkner-Award: Imbolo Mbue.

Erhielt für ihren Roman "Das geträumte Land" 2017 den PEN/Faulkner-Award: Imbolo Mbue.

(Foto: THOMAS SAMSON/AFP)

Imbolo Mbue erzählt von den Folgen amerikanischer Ölbohrungen in einem afrikanischen Dorf - differenziert, aber drastisch.

Von Sigrid Löffler

Dann und wann las man in den vergangenen Jahrzehnten vom Kampf eines afrikanischen Dorfes gegen den Mineralölkonzern Shell. Der verursachte seit den 1950er-Jahren mit seinen Bohrungen eine beispiellose Ölpest im Nigerdelta. Das Jahr für Jahr auslaufende Öl aus berstenden Pipelines verseuchte Boden, Wasser und Luft, verwüstete Felder und Fischgründe und zerstörte die Lebensgrundlage der Bauern und Fischer. Nach Jahrzehnten der friedlichen und militanten Proteste, nach Sabotageakten, Massakern der Armee an Umweltaktivisten und endlosen Gerichtsverfahren errangen die klagenden Dörfler in diesem Jahr einen Teilsieg: Ein Gericht in Den Haag verurteilte die nigerianische Shell-Tochter zu Schadenersatzzahlungen an die Kläger - von denen die meisten inzwischen verstorben waren.

Der Stoff verlangt nach literarischer Bearbeitung. In seinem Roman "Öl auf Wasser" griff der nigerianische Autor Helon Habila bereits vor elf Jahren das Thema auf, vermied allerdings die allzu naheliegende David-gegen-Goliath-Deutung, sondern machte das labyrinthische Sumpfland des Nigerdeltas zum eigentlichen Protagonisten. In fantastischen Sprachbildern evozierte er eine apokalyptische Landschaft voll ölschillernder fauliger Sümpfe, schlieriger Flussarme und verwesender Mangrovenwälder, überzogen von Ölschlick und gespenstisch illuminiert von den giftigen Flammen der Abgasfackeln.

US-Ölkonzern und nationaler Diktator beuten das Dorf gemeinsam aus

Ganz anders jetzt Imbolo Mbue in ihrem neuen Roman "Wie schön wir waren". Die in Kamerun geborene afroamerikanische Autorin hebt den Stoff ins Exemplarische und gibt ihm die Form einer universalen Parabel über den ungleichen Kampf zwischen dem übermächtigen Westen und dem unterlegenen ausgebeuteten Afrika. Sie erzählt am Beispiel und aus der Sicht eines fiktiven afrikanischen Dorfes von einer doppelten Invasion im Zeitalter des globalisierten Neokolonialismus: Zur Ausplünderung der afrikanischen Bodenschätze arbeiten ausländische Weltunternehmen - der fiktive, aber leicht entschlüsselbare US-Mineralölkonzern Pexton - Hand in Hand mit einer inländischen Kleptokratie, dem korrupten Gewaltregime "Seiner Exzellenz", eines namenlosen nationalen Diktators.

Getrieben von Ausbeutungsgier und gestützt auf Waffengewalt sowie den Glauben an die legitime westliche Überlegenheit, entreißt Pexton dem Dorf den Boden, auf dem es steht, und entzieht ihm damit die Lebensgrundlage. Das Dorf wird an den Gewinnen nicht beteiligt, es trägt nur den Schaden. Wohin das führen wird, verrät bereits der ominöse erste Satz des Romans: "Wir hätten wissen müssen, dass das Ende nahte." Vielstimmig und abwechselnd legen individuelle Dörfler und Dörflerinnen sowie das Kollektiv der heranwachsenden Dorfjugend Zeugnis ab vom dräuenden Untergang ihrer angestammten Welt.

Imbolo Mbue stattet ihr paradigmatisches Dorf anfangs mit allen Merkmalen einer von der Moderne unberührten, zeitlosen Archaik aus: Die Männer gehen mit Speeren auf die Jagd. Zwei Schamanen, Medizinmann und Dorfmedium, halten Kontakt zur Ahnen- und Geisterwelt und lenken so, auch mithilfe heiliger Nabelschnur-Bündel, die Beschlüsse der Dorfältesten, die auf dem Dorfplatz unterm Mangobaum Rat halten. Die Dörfler glauben an den Großen Geist und vollziehen getreulich ihre althergebrachten Rituale, Trankopfer, Mannbarkeitsriten für die jungen Männer und Menstruationsriten für die jungen Mädchen.

Imbolo Mbues Roman "Wie schön wir waren": Imbolo Mbue: Wie schön wir waren. Roman. Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 444 Seiten, 23 Euro.

Imbolo Mbue: Wie schön wir waren. Roman. Aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 444 Seiten, 23 Euro.

Diese ursprüngliche Dorfwelt wird von den Pexton-Leuten angebohrt, unterminiert und vergiftet. Es beginnt damit, dass es Säure vom Himmel regnet und der Giftmüll die Flüsse grün färbt. Die ständigen Öl-Lecks aus schlecht gewarteten Pipelines ruinieren Boden, Wasser und Luft. Vor allem die Kinder sterben am Gift im Brunnenwasser und in der Luft und an verpestetem Gemüse und Obst.

Die Dörfler beginnen sich zu wehren, zunächst in einem spontanen Ausbruch wilden anarchischen Aufbegehrens. Sie nehmen eine Abordnung von Pexton-Männern gefangen, um den Konzern zu Zugeständnissen zu zwingen, provozieren damit aber nur ein blutiges Massaker - angerichtet von Soldaten des Diktators, der sich in Komplizenschaft mit Pexton die Lizenz zur ungehinderten Ausbeutung der Ölreserven des Landes üppig bezahlen lässt.

Über vier Jahrzehnte hinweg verändern sich die Fronten und Methoden des Kampfes

Im Laufe der Zeit - der Roman umfasst vier Jahrzehnte des Ringens zwischen dem Dorf und dem Konzern - verändern sich die Fronten und Methoden des Kampfs, die Strategien der Konfliktparteien sowie die Denkweisen der Kombattanten selbst. Pexton setzt auf eine Doppelstrategie aus hinhaltenden Versprechungen von Wohlstand und Entwicklung für die Dörfler bei gleichzeitigem "Weiter so" der schmutzigen Öl-Förderung. Das Dorf hingegen modernisiert sich, entwickelt vielfältige Taktiken des Widerstands und gewinnt unverhoffte Unterstützer: einen US-Journalisten, dessen Reportagen über die Umweltkatastrophe die Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit wecken und in der Folge wohlmeinende amerikanische Umweltaktivisten auf den Plan rufen.

Der langjährige zähe Kampf wirkt auf die inzwischen herangewachsene junge Generation, die nun im Dorf das Sagen hat, weniger zermürbend als vielmehr radikalisierend. Ironischerweise erwirbt sich die profilierteste Aktivistin des Dorfes, das kluge Mädchen Thula, das ideologisch-politische Rüstzeug für den militanten Widerstand im Lande des Widersachers selbst. Als Stipendiatin an amerikanischen Colleges nimmt sie sich an Black Power und radikalen linken Denkern ein Beispiel.

Imbolo Mbue bemüht sich erkennbar um eine differenzierte und vielschichtige Entfaltung dieses exemplarischen Konflikts, unter Vermeidung ideologischer Kurzschlüsse. Das ändert nichts am klaräugigen fundamentalen Pessimismus des Romans: "Die Amerikaner, die Europäer, jede einzelne Überseeperson, die je einen Fuß auf unseren Boden gesetzt hat - alle wollen das Gleiche", stellt einer der Dörfler fest. "Zwischen denen, die kamen, um uns zu töten, und jenen, die jetzt zu unserer Rettung eilen, gibt es keinen Unterschied. Ganz egal, was sie vorgeben, sie alle sind überzeugt, dass sie die Macht besitzen, uns das zu nehmen oder zu geben, was ihr unendliches Bedürfnis stillt."

Dass es der Dorf-Tölpel ist, dem die Autorin diese bitteren Sätze in den Mund legt, tut deren Wahrheit keinen Abbruch.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusAdele "30"
:Die Axt für das gefrorene Meer der Pandemieseelen

Pünktlich zur Lockdown-Stimmung und Weihnachtszeit erscheint Adeles neues Album "30". Wie sie damit ein Stück Spotify-Geschichte schrieb und warum sie ein australisches Exklusivinterview platzen ließ.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB