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Im Kino: "Willkommen bei den Sch'tis":Das Glück ist eine Fritte

Triumph über "Titanic" und "Star Wars": Der erfolgreichste französische Film aller Zeiten kommt ohne Spezialeffekte aus und spielt ausgerechnet in der unbeliebten französischen Nord-Provinz.

Was mit der Komödie "Bienvenue chez les ch'tis" in diesem Jahr in Frankreich passierte, das war nicht einfach ein Leinwanderfolg, sondern ein allgegenwärtiges Massenphänomen. Man musste nur in ein Taxi einsteigen und "cha va?" fragen, leise "merchi" raunen, schon brach der kollektive Frohsinn aus.

Fröhliche Postboten-Freunde: Philippe (Kad Merad, rechts) und Antoine (Dany Boon).

(Foto: Foto: ap)

"Willkommen bei den Sch'tis", wie der Film bei uns nun heißt, von und mit dem Nordfranzosen Dany Boon, ist in Frankreich der erfolgreichste Film aller Zeiten und machte den spöttisch "ch'ti" genannten Dialekt Picard salonfähig.

Als der Film Ende Juli die magische Grenze überquerte - er schaffte mehr als 20 Millionen Zuschauer und entthronte so "Titanic" -, war in Frankreich längst sportlicher Ehrgeiz entbrannt, der Reiz, einen französischen Film an die Spitze der ewigen Bestenliste zu hieven, hat den Reiz des Films an sich noch einmal verstärkt.

Und das Phänomenale an dieser ganzen Geschichte ist, was für eine Sorte Film sich die Franzosen erwählt haben als Triumph über "Titanic", "Star Wars" und "Herr der Ringe": Keine Action. Keine Effekte. Keine Erotik. Nicht mal Stars. In "Willkommen bei den Sch'tis" geht es um einen Haufen Postler, die bei schlechtem Wetter Freundschaft schließen - das ist selbst für französische Verhältnis eine ungewöhnliche Wahl für einen erfolgreichsten Film aller Zeiten.

Kad Merad, ein Meister der genervten Ruhe, spielt Philippe, einen Familienvater aus Salon-de-Provence am Rande des ehelichen Abgrunds - seine schicke, unzufriedene Gattin wünscht Versetzung ans Meer, aber Philippe zieht den Kürzeren, weil der Mitbewerber eine Behinderung vorweisen kann.

Vorbildlich vorurteilsmäßiges Benehmen

Er versucht sich also, als das nächste Küstenpostamt einen neuen Chef sucht, als Rollstuhlfahrer - und scheitert kläglich. Die Strafe seines Arbeitgebers ist grausamer als er und seine Frau es sich haben vorstellen können: Philippe muss ins Nord-Pas-de-Calais, an die belgische Grenze. Allein - denn seine Frau hat weder auf das trunksüchtige Volk mit dem unverständlichen Akzent noch auf die klimatischen Besonderheiten der Nordsee Lust, ist das falsche Meer.

Philippe findet einen neuen besten Freund, Antoine (Dany Boon), auf den er sich besser verlassen kann als auf den, der er vorher hatte; und überhaupt wird er da oben richtig glücklich. Das darf nur seine Frau nicht erfahren, die das Mitleid milde stimmt.

Die Ch'tis in Dany Boons Film begegnen der Verachtung, die ihnen vom Süden her begegnet, mit komisch-tapsiger Gelassenheit und benehmen sich mit Fleiß vorurteilsgemäß: sie trinken, essen zur Unterlage fettige Dinge und sprechen eine Sprache, die nur zur Kommunikation untereinander taugt.

Der Norden hat tatsächlich keinen besonders guten Ruf in Frankreich, auch im Kino nicht - in der Achtziger-Erfolgskomödie "Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss" oder in Bruno Dumonts "Flandres" von 2006 kommt der Norden, vorsichtig formuliert, als eher unwirtlich rüber, und seine Bewohner nicht gerade als die Zierde Frankreichs.

Die Revolution mag Frankreich vom Klassensystem befreit haben, aber so durchlässig die französische Gesellschaft in mancher Hinsicht auch sein mag - oben ist, wo Paris ist. Die Menschen am nördlichen Rand existieren nicht, und die am südlichen existieren nur, damit man bei ihnen Urlaub machen kann.

Paris ist out

Philippe ist so ein Südländer, womit der Film sozusagen noch gleich einen zweiten Minderwertigkeitskomplex mitbedient. Es sind die Parisiens, die nicht existieren. Die Pariser Arroganz ist out, das hat dem Film sicher geholfen: Jeder entdeckte seinen inneren Sch'ti - als die Fans des Pariser Fußballclubs Saint-Germain den Gegner aus Lens mit den üblichen Ch'ti-Beschimpfungen bedachten, gab's Proteststürme. Vielleicht ist der Film sogar in jene aufgeladene Stimmung hineingeschliddert, die Sarkozy mit seinen Yachtausflügen erst so richtig befeuert hat.

Christoph Maria Herbst hat für die deutsche Fassung Dany Boon seine Stimme geliehen und einen Kunst-Dialekt. Herbst und die Kunstsprache sind die beste vorstellbare Lösung, auch wenn manches aus dem Original nicht transportabel ist. Bergues, der Name des Kaffs, in dem der Film spielt, hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit dem Laut, den die Franzosen von sich geben, wenn sie "bäh" sagen wollen, immer wieder gibt es Wortspiele mit Missverständnissen - eine Synchronisation, die versucht, sich ein wenig Würde zu bewahren, kann über solche Stellen nur diskret hinweggehen, alles andere würde verkrampft und albern wirken.

Was ist nun also reizvoller an diesem Film als an "Herr der Ringe"? Man tut dem Film keinen Gefallen, wenn man ihn mit soziologischen Interpretationen überfrachtet. "Willkommen bei den Sch'tis" ist vor ein Unterhaltungsfilm und nicht gemacht, um bierernst genommen zu werden - man müsste sonst fragen, ob der eine oder andere Scherz nicht doch frauenfeindlich ist oder homophob.

Aber so etwas wie der Erfolg der "Sch'tis" kommt dann doch immer nur zustande, wenn ein kollektives Gefühl, eine Sehnsucht, die alle verspüren, zum Tragen kommt. Es gehört zu den Eigenheiten der Provinz, dass die Neuerungen der Großstadt Jahrzehnte brauchen, um dort anzukommen - und im feuchten, ärmlichen Bergues scheint die Zeit lange stillgestanden zu haben. So erzählt der Film, wie kuschelig das Gestern ohne Designermöbel, Aktienfondsanteile und Glaspaläste war.

Der Wortwitz der Ch'tis mag nicht immer übersetzbar sein, aber dafür nennt man im Deutschen die Kleinstadt ein Nest; und der Wunsch nach einer Welt, die Fortschritt und Luxus freiwillig entsagt und stattdessen das traute Beisammensein bei einer Tüte Fritten zum Ziel aller Träume erklärt - der ist vielleicht zeitgemäßer, als uns lieb ist.

Bienvenue chez les ch'tis, F 2008 - Regie: Dany Boon. Buch: D. Boon, Alexandre Charlot, Franck Magnier. Kamera: Pierre Aïm. Mit: Kad Merad, Dany Boon, Anne Marivin. Prokino, 106 Min.