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Im Kino: "Waltz With Bashir":Höllenhunde, jede Nacht

Glühendes Plädoyer gegen das Vergessen: Ari Folmans Werk über ein israelisches Kriegstrauma ist unterhaltender Spielfilm mit Comicsequenzen - und bittere Doku zugleich.

Wie Wiedergänger entsteigen die jungen Männer dem Meer. Nackt, am Hals ihre Erkennungsmarke, ein Gewehr in der Hand. Sie schlüpfen in Kleidung und waten an Land. Im schwefelgelben Licht des Krieges sind der Strand mit den Palmen zu sehen und die zerschossenen Häuser der Stadt, zwischen denen den Männern klagende Frauen begegnen.

Filmszene Waltz With Bashir

Vom Trauma des Krieges Gezeichnete: Die Comic-Alter-Egos von Regisseur Ari Folman und seinen Kumpanen.

(Foto: Foto: ddp)

Ein Traum? Eine von bösen Erinnerungen gespeiste Phantasie? Die von Leuchtraketen illuminierte Szene, die Geburt und Tod zugleich enthält, ist eines von vielen Seelenbildern in diesem Film, die gerade deshalb so wahr, so "dokumentarisch" wirken, weil sie halluziniert sind.

Einen "animierten Dokumentarfilm" hat Ari Folman "Waltz with Bashir" genannt; diese Methode ermöglicht etwas Unglaubliches - eine Dokumentation der menschlichen Seele. "Waltz with Bashir" ist nicht nur der Höhepunkt einer neuen Welle des israelischen Kinos, er bringt auch Spiel- und Dokumentarfilm auf nie gesehene Weise zusammen.

Apocalypse now. Ein alter Freund des Regisseurs wird Nacht für Nacht von exakt 26 Höllenhunden verfolgt. Er fragt Folman um Rat, hält den Regisseur für einen Experten - Film sei schließlich "auch eine Art Psychotherapie". Damit ist der Auftrag zur Erinnerungsarbeit formuliert, so comichaft schlicht, wie auch der Look des Films anmutet. Denn der Traum des Freundes lässt sich aus dessen Einsatz im Libanon-Krieg erklären, und er macht dem Regisseur schlagartig klar, dass er selbst seine Zeit als Soldat komplett vergessen hatte.

Ein Hobby-Psychologe erklärt ihm und uns, wie Erinnerung stets den innersten Wünschen des Erinnernden gehorcht. Das wird so treuherzig vorgetragen, als spräche er in der "Sendung mit der Maus". Die Folgen für den Film sind allerdings radikal. "Waltz with Bashir" ist ein glühendes Plädoyer gegen das Vergessen, aufregend neu, eigenwillig, originell und verführerisch.

Subjektive Wahrheiten in Comic-Form

Das Trauma, dem sich Folman darin annähert, ist das Massaker von Sabra und Shatila, bei dem die christlichen Phalangisten im September 1982 in den palästinensischen Flüchtlingslagern rund um Beirut Rache nahmen für das Attentat auf ihren Präsidenten. Dabei wurden unter den Augen der israelischen Armee Hunderte, wenn nicht Tausende Zivilisten ermordet - Folman und seine Kameraden taten nichts, um das Morden zu stoppen.

Auf der Suche nach dieser verdrängten Erinnerung hat Folman zunächst alte Kriegskameraden besucht und interviewt. Die Geschichten, die sie ihm erzählten, ließ er von Schauspielern im Studio nachspielen. Auch die Interviews hat er noch einmal nachinszeniert, sieben von neun Gesprächspartnern stellten sich dabei selbst dar.

Die so entstandenen Filmsequenzen waren dann aber nur Vorlagen - sie wurden von den Zeichnern in Folmans eigenem Animationsstudio umgewandelt in einen animierten Comicstrip mit irren Details: fiebrig grell, mit harten Linien und kranken Farben.

An die Stelle der Filmbilder, deren scheinbarer Objektivität längst jedermann misstraut, ist die subjektive Wahrheit autobiographisch inspirierter Zeichnungen getreten. Und alles sieht gleich "real" aus: die Gespräche, die Porträts von Folmans Freunden, die wuchtig surrealen Traumsequenzen. Erst der Animationsfilm kann die vermeintliche Grenze zwischen real und fiktiv aufheben.

Den Männern dagegen, von denen Folman erzählt, gelingt es nicht, ihre Erinnerungen in ihr Leben zu integrieren - das ist die politisch brisante Diagnose des Films. Die Veteranen haben es in bürgerliche Existenzen geschafft, im Hintergrund vieler Einstellungen sind Fotos ihrer Kinder zu sehen. Wie unwirkliche Fremdkörper stecken die Kriegserinnerungen jedoch in ihrem Leben, voller Zerstörungskraft, als Bürde für kommende Generationen.

Schutzmauer des Verdrängens durchbrochen

Carmi etwa, einer der Jungs aus dem Strand-Traum, erinnert sich, wie er mit einem als "Love Boat" getarnten rosa angemalten Kommandoschiff in den Krieg fuhr. Er wurde seekrank und träumte von einer riesigen Frau mit Pin-up-Formen, die ihn auf ihre Scham bettete und mit ihm davonpaddelte, während hinter ihm das Schiff in Flammen aufging. "Schon mit zwanzig", sagt Carmi, "konnte nichts mehr aus mir werden."

Der Regisseur besucht den einst vielversprechenden, begabten Schulfreund in Holland. Wenn die beiden dann vor einer Frühlingslandschaft auf der Bank sitzen, wirkt der Hintergrund falsch wie eine Rückprojektion, und Carmis Auswanderung erscheint als die Flucht, die sie unausgesprochen wohl war. Geballert wird aber auch hier: Carmis Sohn feuert aus einem Spielzeuggewehr.

Mit jedem Kameraden, den Folman besucht, nähert er sich der eigenen Schuld. Die Episodenstruktur des Films und die anekdotenhaften Erzählstücke entsprechen der versehrten Identität der Männer und sind wohl auch eine Antwort auf eine als brüchig empfundene Realität.

Viele Filme des neuen israelischen Kinos erzählen ähnlich. Und wenn ganz am Ende von "Waltz with Bashir" Realbilder zur Oberfläche des Films durchdringen, die Toten in den Flüchtlingslagern tatsächlich zu sehen sind, gibt dieser Kunstgriff dem klassisch dokumentarisch gefundenem Material die Beweiskraft zurück. So überwinden die Bilder die Schutzmauer des Verdrängens, in der sich Folman eingesperrt hatte, die auch der israelischen Gesellschaft zunehmend die Luft zum Atmen raubt - das zentrale Thema derzeit im israelischen Film.

Das Ende passt zu diesem so leidenschaftlichen und engagierten wie smarten Film, der trotz seines bitteren Themas darauf besteht, zu unterhalten. Folman hat auch deshalb die Form des Zeichenfilms gewählt, weil er die sprechenden Köpfe des Dokumentarfilms zu langweilig fand. Sein Film entwickelt eine enorme visuelle Kraft und viel Drive durch die Musik - den Tanz trägt er schließlich schon im Titel. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen: Der Walzer mit Bashir findet nicht im Ballsaal statt. Es ist das Tänzeln eines wild um sich schießenden, von allen Seiten beschossenen Mannes auf einer Beiruter Front-Straße.

Waltz With Bashir, Israel/D/F 2008 - Regie, Buch, Produktion: Ari Folman. Animation: Bridgit Folman Film Gang. Art Director, Illustrator: David Polonsky. Verleih: Pandora, 87 Min.

© SZ vom 6.11.2008/jb
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