bedeckt München 16°

Im Kino: "Die Welle":Der Faschist in uns

"Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft": Der Jugendroman "Die Welle" beschwört den heimlichen Faschisten in uns - der Film mit Jürgen Vogel versucht das Gleiche.

Die Schulvorstellungen sind längst gebucht. Ein Traum, wenn man als Sozialkundelehrer mal wieder die "Aktionswoche Demokratie" bestreiten muss, oder den "Projekttag Faschismus", oder wie solche Sachen im Lehrplan eben heißen. Der Jugendroman "Die Welle" von Morton Rhue ist da seit Jahrzehnten eine probate Geheimwaffe, dieser ewige Bestseller aus den Lektüreempfehlungen der Sekundarstufe - mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland.

Ein reales Schulexperiment aus den Sixties in Amerika wird darin Fiktion: Wie man Individualität ausschaltet, Andersdenkende fertigmacht, Führerglauben sät und Faschismus propagiert, hier und heute bei uns im Klassenzimmer. Wäre das möglich? Na klar, sagt "Die Welle". Wenn wir nicht wachsam sind, und wenn wir nicht viele Aktionswochen dagegen machen.

Jetzt kommt der deutsche Film dazu: In die Gegenwart geholt, mit MySpace drin und Paris-Hilton-Witzen und Jürgen Vogel in der Hauptrolle, der sowieso schon so etwas wie der Vertrauenslehrer des Kinos ist. Keiner hat nettere Zahnlücken, nennen wir ihn "den Jürgen". Lässiger und lehrreicher als mit dem Jürgen kann man 107 Minuten Stundenplanzeit ja kaum füllen.

"Hanni und Nanni besiegen den Faschismus"

So oder so ähnlich haben sich das auch der Regisseur Dennis Gansel und die Constantin Film gedacht, als sie das Ding in Angriff nahmen: Wenn das mal kein Selbstläufer wird! Die Faszination des Faschismus, auf die dann das böse Erwachen folgt, das Kino nicht nur als moralische, sondern auch als pädagogische Anstalt - das hat Gansel auch schon in seinem Elite-für-den-Führer-Drama "Napola" durchexerziert. Filmpreisjurys und Festivals fanden's prima, also: Weiterrrrmachen!

Was gegen eine Verfilmung der "Welle" sprach, war dann allerdings erst einmal das Buch selbst. Nicht nur unsagbar erfolgreich, sondern leider auch unsagbar schlecht, eine Art "Hanni und Nanni besiegen den Faschismus" - und dieser Vergleich tut Enid Blyton noch Unrecht.

Egal, fanden Gansel und sein Ko-Autor Peter Thorwart, wir sind sowieso viel hipper, wir nehmen den Mythos des realen Experiments jetzt mal mit und erfinden den Rest dann einfach dazu. So hat diese neue "Welle" zwar mit ihren Vorläufern wenig zu tun - aber noch viel weniger damit, was sich im April 1967 an der Cubberley High School in Palo Alto, Kalifornien, tatsächlich zugetragen hat. Dass der reale Lehrer von damals, Ron Jones, jetzt mit Gansel & Co. auf Werbetour geht, sagt gar nichts - er ist, wie seine Website zeigt, inzwischen Handlungsreisender in Sachen Selbstvermarktung.

Um es also klar zu sagen: In der Wirklichkeit kam es nicht zu einem Highschool-Massaker mit Toten und Verwundeten, Schusswaffen waren nicht im Spiel, auch andere Formen von Gewalt sind nicht glaubwürdig überliefert. Der Lehrer, der das Experiment begonnen hatte, wurde nicht in Handschellen abgeführt, während ein jugendliches Liebespaar sich erleichtert in die Armen fallen durfte. Das, liebe Sozialkundelehrer, solltet ihr wissen. Diese Gewalt am Ende, die muss das deutsche Kino 2008 schon auf die eigene Kappe nehmen.

Gefahr ohne Inhalt

Aber warum macht man das, wo es doch tatsächlich um ein psychologisches Experiment ging? Schwer zu sagen. Vielleicht aus dem irren Gefühl heraus, dass man hierzulande nicht einfach Adolf sagen kann, ohne auch B zu sagen. Wer also den Faschismus entfesselt, muss dann schon ein paar Tote nachliefern. Sonst wird die Sache, nun ja, hinten raus nicht rund.

Wobei Gansel und seine Mitstreiter an sich ja nicht dumm sind. Sie machen "den Rainer" (Vogel) zu einem Linken, der mal Hausbesetzer war und jetzt ein Lehrer ist, den alle duzen dürfen. Der ist dann selbst überrascht, wie er beim Thema "Autokratie" plötzlich loslegt: Verlangt militärische Disziplin im Klassenraum, gründet eine Bewegung, die sich "Die Welle" nennt, lässt seine Schüler einen Gruß und ein Symbol erfinden, verordnet ein weißes Hemd als Uniform.

"Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft, Macht durch Handeln", predigt er. Alle machen mit, wer protestiert, muss gehen, gerade der größte Loser ist am eifrigsten dabei, und die Zahl der Mitglieder vervielfacht sich wie von selbst. Das kann man schon sehr bedenklich finden, tatsächlich aber bewegt sich der Film hier noch in einem ganz anderen Genre: dem amerikanischen Motivationsfilm.

Wie ein neuer brillanter Trainer in einer Loser-Mannschaft bisher ungeahnte Kräfte weckt, wie Robin Williams die "Dead Poets" aufrüttelt oder Michelle Pfeiffer im Ghetto "einen Unterschied macht" - das sind alles endlos variierte Pädagogenträume, genährt vom Glauben, dass nur ein Berufener (der Lehrer, der Trainer, Klinsmann) das Potential entfesseln kann, das in allen schlummert. Ist das jetzt schon faschistoid? Ach was.

Der böse Trick ist es, genau diesen Übersprung einfach zu behaupten. Es kommt gar nicht darauf an, wofür man sich zusammenschließt (im Film steht die "Welle" zunächst für gar nichts), allein das Gefühl der Gemeinsamkeit ist schon gefährlich und muss die schlimmsten Kräfte entfesseln. Wer aber ausgerechnet damit vor dem Faschismus warnen will, dass er ihn aller Inhalte beraubt; wer die Gefahr ganz unhistorisch und undifferenziert in Nirgendwo verortet; und wer dann auch noch vorgibt, rettende Wachsamkeit zu verbreiten - der ist doch eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung.

D 2008 - Regie: Dennis Gansel. Buch: Gansel, Peter Thorwarth. Kamera: Torsten Breuer. Schnitt: Ueli Christen. Mit Jürgen Vogel, Christiane Paul, Frederick Lau, Max Riemelt. Constantin, 107 Min.

© SZ vom 12.03.2008/ehr
Zur SZ-Startseite