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Im Kino: "Das Fremde in mir":Verzweifelte Rabenmutter

Ungreifbarer Horror: Emily Atef zerschlägt die Illusion von der seligen Mutterschaft. Dennoch präsentiert sie eine ehrliche Vorstellung von Familie.

Ein raffiniertes Belohnungssystem garantiert das Überleben unserer Spezies: Das sogenannte Mutterglück, begründet in der Mutterliebe, entschädigt für all die objektiven Belastungen und Unzumutbarkeiten, die einer Frau durchs Kinderkriegen entstehen.

Flucht in den Wald: Der Film beginnt am Tiefpunkt von Rebeccas (gespielt von Susanne Wolff) Verzweiflung.

(Foto: Foto: Ventura)

Natur und Gesellschaft fahren schwerste Geschütze auf, damit der Tauschhandel funktioniert, vom Liebeshormon Oxytocin, das künstlich erzeugt sicherlich verboten wäre wegen seiner Nebenwirkungen, bis zur Idealisierung der Mutterrolle, wie es in diesen unsicheren Zeiten gerade wieder verstärkt geschieht.

Emily Atef erzählt in ihrem Film von einer Frau, bei der der hormonelle Teil dieses Belohnungssystems ausfällt. Postpartale (oder auch postnatale) Depression heißt der Fachbegriff für das Befremden, mit dem Rebecca (Susanne Wolff) auf ihr neugeborenes Baby reagiert.

Bis der Begriff fällt und ihre Gefühllosigkeit als Ausdruck einer Krankheit wahrgenommen werden kann, bleibt viel Zeit, andere Gründe für ihre Abwehr gegenüber dem Baby zu erwägen: Ihr Mann lässt sie viel allein, der Alltag mit dem Säugling ist öde. Und warum schließlich soll man einen Menschen lieben, den man nicht einmal kennt!

Die Offenheit für solche Überlegungen, auch für den ungreifbaren Horror des Thrillers, macht "Das Fremde in mir" so beunruhigend - und so erfrischend in dieser Zeit, in der Mutterschaft wieder in den modischsten Farben ausgemalt wird.

Sprachloses Unglück

Auch Rebecca hatte sich auf ihr Kind gefreut, hatte mit ihrem Mann Julian (Johann von Bülow) noch schnell die neue Wohnung geschmackvoll eingerichtet und ihr Blumengeschäft aufgegeben, um ganz für ihr Kind da zu sein.

Julian wird als Architekt schließlich genug für drei verdienen. Wenn die hochschwangere Rebecca mit ihm bei Kerzenlicht in der Badewanne liegt, scheint sich die Geborgenheit des Babys im Uterus auf die komplette Familie auszudehnen.

Das ist mit der Geburt schlagartig vorbei. Missmutig blickt die Wöchnerin im Krankenhaus auf das schlafende Häufchen, das sie nun lieben soll. Dass ihr Befremden nicht "normal" ist, macht auch die überschwängliche Freude deutlich, mit der ihre Schwägerin Elise Mutter und Kind übergießt.

Die Schere zwischen Rebeccas Gefühlen und dem, was von ihr erwartet wird, öffnet sich immer weiter. Julian arbeitet für drei, während Rebecca in der Wohnung zurückbleibt, an der demütigenden Prozedur des Milchabpumpens verzweifelt, sich einsam fühlt, langweilt und durch keine Mutterliebe entschädigt wird.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie realistisch Emily Atef Rebeccas Weg aus der Krise schildert

Verzweifelte Rabenmutter

Susanne Wolff, eine bekannte Theaterschauspielerin, die im Kino noch wenig aufgefallen war, vermag Rebeccas sprachloses Unglück präzise auszuleuchten, dafür wurde sie unter anderem beim Münchner Filmfest als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Es sind ihre Blicke, die ins Leere gehen oder mürrisch den schreienden Säugling mustern, ihre abwehrenden, nervösen Gesten, das mechanische Rütteln, mit dem sie das Baby in den Schlaf wiegen will, die mehr als alle Erklärungen den Abgrund ahnen lassen, vor dem Rebecca steht. Dass sie ihr Kind nur lästig findet, kann sie niemandem sagen, auch Julian nicht, der beruflich zudem so überlastet ist, dass er die Hinweise auf Rebeccas Verzweiflung übersieht.

Die Krankheitsgeschichte wird sorgfältig nachempfunden. Vermutlich hat die franko-iranische Regisseurin, die mit ihrem ersten langen Spielfilm "Molly's Way" bereits zahlreiche Preise gewonnen hat, ausführlich recherchiert. Dass Emily Atef ihre junge Mutter Rebecca genannt hat - ein ungewöhnlicher Name vor allem neben dem modischen Julian -, lässt jedoch auch an Hitchcocks "Rebecca" denken, die Verzweiflung der "zweiten Mrs. de Winter".

Thriller- und Meloelemente sorgen in der ersten Hälfte des Films für Spannung. Erzählt wird nicht chronologisch, der Film beginnt am Tiefpunkt von Rebeccas Verzweiflung, mit ihrer Flucht in den Wald. Etwas Schreckliches ist geschehen, suggerieren diese Bilder und beschwören mit dem Wald auch die Stiefmütter und Rabeneltern des Märchens herauf.

Aufklärerisch

Wenn die Erzählung dort ankommt, ist die Illusion der seligen Mutterschaft zerschlagen. Die besondere Qualität des Films aber ist, dass er an ihrer Stelle etwas anderes aufbaut, eine Vorstellung von Familie, die ehrlicher ist und mehr aushält.

Es ist eine im Kino ganz ungewohnte menschliche, aufklärerische Haltung, die daraus spricht. Aufmunternd realistisch schildert Emily Atef Rebeccas Weg aus der Krise, mit der Hilfe von Profis, die der Film aufmerksam skizziert: Da sind eine Krankenschwester, die sich Zeit nimmt; ein Psychologe, der das Richtige sagt; oder eine Hebamme, die der Mutter hilft, ihr Baby zu halten, es zu wickeln, zu massieren.

Dem berechtigten Fremdheitsgefühl zwischen Eltern und Kindern stellt schließlich Maren Kroymann mit einem so kurzen wie eindrucksvollen Auftritt als Rebeccas Mutter Lore eine geglückte Familienbeziehung entgegen. Ihre Liebe und Hilfe in allen Lebenslagen sind der Grund, warum Elternschaft sich lohnt.

Das Fremde in mir, D 2008 - Regie: Emily Atef. Buch: E. Atef, Esther Bernstorff. Kamera: Henner Besuch. Schnitt: Beatrice Babin. Musik: Manfred Eicher. Mit: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Hans Diehl, Judith Engel. Ventura, 99 Minuten.