Im Interview: Klaus Lemke:Exakt seit letzten Sonntag finde ich Deutschland nicht mehr uncool"

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SZaW: Würden Sie nicht doch mal gerne mit richtigen Schauspielern drehen?

Lemke: Die Antwort ist: nein.

SZaW: Wieso nicht?

Lemke: Schauspieler sind irre langweilig, finden Sie nicht? Das ganze System dahinter ist so entsetzlich langweilig. Dass die sich da einen Stoff überstülpen, der nicht ihrer ist, sich zum Sklaven eines Regisseurs machen und dann über ihre Figur schwätzen, wie sie die angelegt haben, wie sie sich da in was reingelesen und sich was angeeignet haben. Sinnlos und prätentiös. Ich interessiere mich nicht für Schauspieler. Ich brauche richtige Menschen. Menschen mit Geschichten.

SZaW: Sie haben früher mitunter mit berühmten Schauspielern gedreht. Und einige auch entdeckt, Iris Berben und . . .

Lemke: . . . aber es war schon immer ein Problem für mich. Ich erinnere mich noch an diese Sachen, "Negresco", mit Ira von Fürstenberg, 1967, da stand man da stundenlang am Set 'rum, bis die Beleuchtung stimmte und so ein Scheiß, und eigentlich habe ich mich für die kleinen süßen Mädchen mit den aufgeweckten Gesichtern, die uns da begafften, ich hab' mich für die mehr interessiert als dafür, ob Ira von Fürstenberg meinen Anweisungen folgt oder nicht. Dieses Film- und Schauspielergetue ist peinlich prätentiös.

SZaW: Werden Sie sich den neuen Film von Wim Wenders anschauen?

Lemke: Weiß ich gerade überhaupt nicht. Wendersfilme muss man ja überstehen . . .

SZaW: Überstehen?

Lemke: Wie die Masern.

SZaW: Warum wollten Sie als junger Mensch Filmregisseur werden?

Lemke: Amerika natürlich! Geschichten erzählen wie die Amerikaner. Ich fand Amerika so derartig cool, dass ich gerne in Vietnam einmarschiert und gleichzeitig dagegen protestiert hätte. Ja, ich wollte Geschichten erzählen wie die Amerikaner.

SZaW: Und wie geht das?

Lemke: Indem man cool ist.

SZaW: Wie ist man cool?

Lemke: Indem man ein Junge ist, und indem man wie alle Jungs ist: unironisch.

SZaW: Haben Sie Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek unironisch geliebt?

Lemke: Ironie ist furchtbar. Nicht alles, was komisch ist oder sein kann, ist ironisch, verstehen Sie? Komik ist was anderes.

SZaW: Ist Deutschland uncool?

Lemke: Da kriegen Sie jetzt eine knappe Antwort: Exakt seit letzten Sonntag finde ich Deutschland nicht mehr uncool.

SZaW: Wieso nicht?

Lemke: Na hört mal! Wie der Schröder mal eben mit der Winchester die Tauben vom Dach schießt, das war schon eine große Nummer! Der lässt die Merkel da falsch 'rumstehen. Die wusste ja erst mal nicht, was sie sagen soll, liest da das alte Zeug vom Zettel ab, die Rede von vorgestern. Sie hätte nur sagen müssen: "Herr Schröder, danke, Neuwahlen, darauf haben wir nur gewartet!" Wär' sie die Größte gewesen . . . Aber er war größer.

SZaW: Mögen Sie Schröder?

Lemke: Er ist ein Supermacho, ich finde das phantastisch. Das war ja seine ureigene Idee, der ganze Wahnsinn mit Vertrauensfrage und Neuwahlen. Was für ein Schrei der Begeisterung durch das Land ging. Alles wird den Leuten heute so untergejubelt - von den einen Langweilern wie von den anderen Langweilern -, plötzlich geht der Häuptling hin und sagt: "Guten Abend, ich hab' die Schnauze übrigens genau so voll wie ihr, ihr dürft nochmal abstimmen, aber diesmal ist wirklich High Noon!" Groß, finde ich.

SZaW: Er wird im Herbst untergehen.

Lemke: Aber mit Sexappeal.

SZaW: Was ist Coolness?

Lemke: Cool ist ganz klar, was ein Mann an seinen schlechten Tagen macht.

SZaW: Wo ist die Coolness?

Lemke: Die Coolness ist in der Sprache. Ich meine das ohne jede Underground-Attitüde oder so etwas. Ich hasse Underground und unbequem sein und diesen akademischen Mist. Es geht um Sprache, dass wir endlich ein Deutsch haben, das dem Ungefähren des Englischen gleichkommt.

SZaW: Deutsch ist erstmal keine coole Sprache.

Lemke: Deutsch ist alles mögliche, aber nicht cool. Es sei denn: Du gehst ins Milieu. Das Schwabing der sechziger Jahre war so ein Millieu. Die Mädchen und Jungs sind auch heute cool, die unstudierten.

SZaW: Es muss doch ein paar coole Schriftsteller aus Deutschland geben . . .

Lemke: Das ist schlimmes Kunstgewerbe, wenn man das mal durchdekliniert, oder? Immer so im Preisträgerstil. Bei den Schriftstellerinnen geht's um Mami, Migräne und Magersucht. Bei den Jungs um die neue Nation, diese gekämmten Jungs da heute im Feuilletonbetrieb, das sind so ganz besonders rebellische Klappstühle. Aber der frühe Wondratschek war cool, der Peter F.Brinkmann war cool, großartig - aber er war mir auch zu depressiv, ich möchte da nicht immer dieses Gejammer um mich haben. Das Milieu in Hamburg ist cool. Der Kiez. Die Rocker. Das hat sich seit Ewigkeiten nicht verändert.

SZaW: Woran liegt das?

Lemke: Hamburg ist eine Stadt am Hafen. Richtige Jungs gibt es nur in einer Hafenstadt.

SZaW: Zur Schule gingen Sie in Düsseldorf . . .

Lemke: . . . hat auch einen Hafen.

SZaW: Also, die Sprache des Kiez . . .

Lemke: . . . die Mädchen und Jungs in Hamburg sprechen dieses sehr feine Rockerdeutsch, das sind nur so ein paar Strichcodes, die blendend schön klingen!

SZaW: Das hafenlose München hatten wir . . .

. Lemke: . . München ist immer noch sexy, natürlich, aber ich hab' die Stadt jetzt 40 Jahre lang abgefilmt, da geht nichts mehr. Die Frauen in München sind natürlich immer noch absolut hochgefährlich.

SZaW: Inwiefern?

Lemke: Sie sind schön. Sie sind Risikomaterial. Und sie sind im Streubesitz.

SZaW: Was ist mit Berlin?

Lemke: Berlin?

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