Im Gespräch: Patti Smith "Unsere Verbindung war nicht auf Sex gegründet"

SZ: Sie etablierten sich in New York, als die ersten an den Drogen starben. Sie beschreiben das wie eine Epidemie.

Smith: Ich kannte so viele. Sie waren reich wie Edie Sedgwick und verstanden nicht, wie gefährlich es war. Wenn man jung ist, hält man sich für unbesiegbar.

SZ: Wie haben Sie sich rausgehalten?

Smith: Ich bin nicht selbstzerstörerisch und wusste, dass ich nichts vertrage. Außerdem war ich ja Buchhändlerin. Ich konnte nicht bekifft oder verkatert erscheinen. Wenn ich mal was genommen habe, dann habe ich gemalt oder geschrieben. Ich hatte zuviel Respekt vor den Drogen, um mich bei Partys zu bedröhnen. Außerdem war ich zu individualistisch, um Teil eines kollektiven Bewusstseins werden zu wollen.

SZ: Mapplethorpe nahm Drogen, ging auf den Strich, fing sich Gonorrhöe ein.

Smith: Die Gonorrhöe wurde er auch wieder los, und er nahm weniger Drogen, als viele glauben. Robert wollte nur eines: ein großer Künstler werden. Er sah wie die Leute um uns sich ruinierten, das fürchtete er mehr als alles andere.

SZ: Dann wurde Ihnen allmählich klar, dass er sich mehr für Männer interessierte als für Frauen. Heute kennen wir uns aus damit. Sie tappten völlig im Nebel. Es ist sehr bewegend, das zu lesen.

Smith: Es hat einfach nur wehgetan. Ich hatte es nicht erwartet und wusste nicht, was ich machen sollte. Unsere Verbindung war aber nicht auf Sex gegründet. Sie wurzelte in einer tiefen gegenseitigen Wertschätzung.

SZ: Es gab die Welt von Andy Warhol und die Welt der Hippies. Sie standen dazwischen.

Smith: Ich fand beide interessant. In der Hippie-Welt war Dennis Hopper zu Hause, die Beats, meine Freunde. Aber auch in Warhols High-Society-Welt gab es interessante Menschen: die Sammler und Mäzene. Wer wie Robert als Künstler etwas werden wollte, musste diese Leute kennen. Deshalb nahm er mich mit zu Henry Geldzahler vom Metropolitan Museum oder dem Mäzen Sam Wagstaff.

SZ: Warum haben Sie sich dort so unwohl gefühlt?

Smith: Ich kam aus der unteren Mittelschicht, hatte keine Tischmanieren und kümmerte mich nicht um mein Äußeres. Gegen die Leute hatte ich nichts. Ich fühlte mich nur beengt, so wie zu Hause, wenn die Verwandten zu Thanksgiving kamen. Oft floh ich in die fantastischen Bibliotheken, die diese Leute hatten, und vertiefte mich in eine Erstausgabe.

SZ: Wie hat sich New York seitdem verändert?

Smith: Vieles von dem, was ich gemocht habe, ist weg. Michael Bloomberg hat die Stadt zugerichtet, als kämen die Olympischen Spiele. Es ist kriminell. Am Times Square sieht es aus wie in "Blade Runner". 42nd Street ist wie Disneyland. Die kleinen Cafés, in denen vielleicht schon Dylan Thomas geschrieben hat, werden von Leuten mit viel Geld aufgekauft, dann kommt ein Designershop, dann ein Fastfood-Laden. Das CBGBs ist jetzt eine Boutique für Herrenmode! Wir sind ein junges Land, wir könnten es uns nicht erlauben, unsere Geschichte mit Glas und Stahl wegzuwischen.

SZ: Was ist noch übrig von der Szene, der Sie angehörten?

Smith: Viele meiner alten Freunde sind tot. Viele Leute, mit denen ich arbeite, können sich die Stadt nicht mehr leisten. Unseren Übungsraum an der 28. Straße hat eine Galerie übernommen. Auch mein Atelier habe ich verloren. Nachts laufe ich durch die Straßen und frage mich, wer die Leute sind, die aufgedonnert vor den klinischen japanischen Restaurants Schlange stehen und vor Clubs, aus denen diese tiefen Bässe kommen. Es ist nicht meine Welt. Aber jede Generation muss sich selbst finden.

SZ: Dabei träumen Tausende von Hipstern in der Lower East Side von einem Leben wie dem Ihren. Ihre Generation ist das Vorbild für alle, die danach kamen.

Smith: Tja, und wir träumten vom 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wir sehnten uns nach dem Paris von Picasso, nach dem Berlin der Zwanziger, sogar nach dem New York der Vierziger.

SZ: Was raten Sie heute einem, der 23 ist?

Smith: Geh dorthin, wo Du dich frei fühlst und werde Du selbst.

SZ: Das klingt wie Werbung für italienischen Espresso.

Smith: Abgesehen davon, dass ich italienischen Espresso mag: An dem Ziel hat sich nichts geändert. Mach, was du tust, so gut du kannst. Egal ob als Künstler, Gärtner oder Mutter: Wer nicht hart arbeitet, wird es nie zu etwas bringen. Dass Warhol nur mit Rumstehen Warhol wurde, ist ein Mythos. Er hat hart gearbeitet. Und die Leute um ihn, die verwöhnten Kinder und die Junkies: Sie arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten.