Süddeutsche Zeitung

Im Gespräch: Patti Smith:"Es hat einfach nur wehgetan"

Kaum 20 Jahre alt war Patti Smith, als sie 1967 nach New York kam und sich in den Künstler Robert Mapplethorpe verliebte. Dann kamen die Drogen und Mapplethorpe entdeckte seine Liebe zu Männern.

Es ist eines jener kleinen, windschiefen Stadthäuschen im West Village. Ein Mann mit italienischem Akzent öffnet die Tür. Es geht eine knarzende Treppe hoch. Oben, in ihrem Arbeitszimmer, wartet Patti Smith, die "Grandmother of Punkrock", in schwarzen Klamotten und mit einer Wollmütze und sagt, fast ohne Aufzusehen, "Hi". Überall liegen Bücher herum, ihr Laptop ist aufgeklappt, eine ihrer Zeichnungen liegt auf dem Tisch und auf dem Kaminsims steht ein Foto von Charles Baudelaire. Die Heizung ist abgestellt. Kaum haben wir uns an den Bistrotisch gesetzt, springt ihre Katze auf meinen Schoß. Während der nächsten eineinhalb Stunden rührt sie sich nicht mehr von der Stelle. Den Fotografen und Künstler Robert Mapplethorpe lernte Smith gleich nach ihrer Ankunft in New York kennen. Er wurde ihr Liebhaber und war ihr Lebensmensch, bis er 1989 an Aids starb. Ihr Buch "Just Kids: Die Geschichte einer Freundschaft" (Kiepenheuer & Witsch) ist ein beeindruckendes Stück moderne Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.

SZ: Mrs. Smith, als Sie 1967 aus einem Örtchen in New Jersey nach New York kamen, waren Sie kaum 20 Jahre alt.

Patti Smith: Alles, was ich wollte, war frei sein. Und genug Geld verdienen, um die Miete zu zahlen. Die Welt war viel einfacher damals. Heute lebt man von der Kreditkarte, damals besaß man soviel, wie man in der Tasche hatte. Ich war überzeugt, eine besondere Begabung zu haben und wollte etwas Großes und Bleibendes schaffen. Etwas Magisches schreiben wie "Peter Pan"; oder Musik machen wie die von Bob Dylan. Aber ich dachte nicht an Ruhm und Reichtum. Ich wusste: Ohne Job würde ich verhungern.

SZ: "Freiheit" ist ein fadenscheiniger Begriff geworden. Was hieß das damals?

Smith: Nicht wegen meines Aussehens oder wegen meiner schwarzen Freunde belästigt zu werden. Nicht von Nachbarn und nicht von der Polizei. Und genau das fand ich in New York. Deswegen kamen die Drag Queens, die Freaks, die Homosexuellen.

SZ: Wie war die Stadt als Sie kamen?

Smith: New York war bankrott und kaputt. Man fand Wohnungen für 60 Dollar im Monat. Es gab Kakerlaken oder Mäuse, dafür konnte man Theater, Musik, Literatur machen. Die Stadt war arm, deshalb lebten die Armen dort gut.

SZ: Man stellt sich 1968 und 1969 heute vor wie ein aufregendes Fest. In Ihrem Buch spürt man jedoch kaum Euphorie.

Smith: Wir wussten nicht, dass Woodstock stattfand. Wir hätten ohnehin kein Geld, kein Auto und keine Zeit gehabt. Wir waren nur mit uns selbst beschäftigt.

SZ: Als Sie anfingen, war die Popkultur noch jung. Sie hatten freies Feld. Wer heute 20 ist und Musiker oder Künstler werden will, ertrinkt in Referenzen.

Smith: Es wird schon eines Tages jemand kommen und das alles auslöschen. Nach der Renaissance übertünchte man auch die Michelangelos oder baute hinter dem "Letzten Abendmahl" eine Küche ein. Übrigens hieß es, als ich "Horses" aufnahm, die Ära des Rock'n'Roll sei vorbei. Jim Morrison war tot. Jimi Hendrix war tot. Bob Dylan hatte seinen Motorradunfall. Die Beatles trennten sich. Plötzlich tauchten Bands wie Kiss auf, und David Bowie begann mit diesen theatralischen Sachen. Aber ich glaubte an Rock'n'Roll, ich fand, da gab es noch viel zu sagen. Und dann kamen The Clash, Radiohead, REM, Joan Jett.

SZ: Verfolgen Sie die Popmusik heute noch? Kaufen Sie sich ein neues Album von Radiohead?

Smith: Thom (Yorke) schenkt sie mir. Ich mag Radiohead. Ich mag My Bloody Valentine. Ich höre Thee Silver Mt. Zion und The Masters of Jajouka. Aber ich bin 63 Jahre alt. Glenn Gould ist mir näher. Und Waltraud Meier interessiert mich mindestens genauso wie Ornette Coleman. Einmal bin ich nur wegen ihr nach Mailand geflogen. Sie zu erleben ist wie Tina Turner erleben: wahre Größe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Patti Smith es schaffte, sich aus den New Yorker Drogenexzessen herauszuhalten.

"Unsere Verbindung war nicht auf Sex gegründet"

SZ: Sie etablierten sich in New York, als die ersten an den Drogen starben. Sie beschreiben das wie eine Epidemie.

Smith: Ich kannte so viele. Sie waren reich wie Edie Sedgwick und verstanden nicht, wie gefährlich es war. Wenn man jung ist, hält man sich für unbesiegbar.

SZ: Wie haben Sie sich rausgehalten?

Smith: Ich bin nicht selbstzerstörerisch und wusste, dass ich nichts vertrage. Außerdem war ich ja Buchhändlerin. Ich konnte nicht bekifft oder verkatert erscheinen. Wenn ich mal was genommen habe, dann habe ich gemalt oder geschrieben. Ich hatte zuviel Respekt vor den Drogen, um mich bei Partys zu bedröhnen. Außerdem war ich zu individualistisch, um Teil eines kollektiven Bewusstseins werden zu wollen.

SZ: Mapplethorpe nahm Drogen, ging auf den Strich, fing sich Gonorrhöe ein.

Smith: Die Gonorrhöe wurde er auch wieder los, und er nahm weniger Drogen, als viele glauben. Robert wollte nur eines: ein großer Künstler werden. Er sah wie die Leute um uns sich ruinierten, das fürchtete er mehr als alles andere.

SZ: Dann wurde Ihnen allmählich klar, dass er sich mehr für Männer interessierte als für Frauen. Heute kennen wir uns aus damit. Sie tappten völlig im Nebel. Es ist sehr bewegend, das zu lesen.

Smith: Es hat einfach nur wehgetan. Ich hatte es nicht erwartet und wusste nicht, was ich machen sollte. Unsere Verbindung war aber nicht auf Sex gegründet. Sie wurzelte in einer tiefen gegenseitigen Wertschätzung.

SZ: Es gab die Welt von Andy Warhol und die Welt der Hippies. Sie standen dazwischen.

Smith: Ich fand beide interessant. In der Hippie-Welt war Dennis Hopper zu Hause, die Beats, meine Freunde. Aber auch in Warhols High-Society-Welt gab es interessante Menschen: die Sammler und Mäzene. Wer wie Robert als Künstler etwas werden wollte, musste diese Leute kennen. Deshalb nahm er mich mit zu Henry Geldzahler vom Metropolitan Museum oder dem Mäzen Sam Wagstaff.

SZ: Warum haben Sie sich dort so unwohl gefühlt?

Smith: Ich kam aus der unteren Mittelschicht, hatte keine Tischmanieren und kümmerte mich nicht um mein Äußeres. Gegen die Leute hatte ich nichts. Ich fühlte mich nur beengt, so wie zu Hause, wenn die Verwandten zu Thanksgiving kamen. Oft floh ich in die fantastischen Bibliotheken, die diese Leute hatten, und vertiefte mich in eine Erstausgabe.

SZ: Wie hat sich New York seitdem verändert?

Smith: Vieles von dem, was ich gemocht habe, ist weg. Michael Bloomberg hat die Stadt zugerichtet, als kämen die Olympischen Spiele. Es ist kriminell. Am Times Square sieht es aus wie in "Blade Runner". 42nd Street ist wie Disneyland. Die kleinen Cafés, in denen vielleicht schon Dylan Thomas geschrieben hat, werden von Leuten mit viel Geld aufgekauft, dann kommt ein Designershop, dann ein Fastfood-Laden. Das CBGBs ist jetzt eine Boutique für Herrenmode! Wir sind ein junges Land, wir könnten es uns nicht erlauben, unsere Geschichte mit Glas und Stahl wegzuwischen.

SZ: Was ist noch übrig von der Szene, der Sie angehörten?

Smith: Viele meiner alten Freunde sind tot. Viele Leute, mit denen ich arbeite, können sich die Stadt nicht mehr leisten. Unseren Übungsraum an der 28. Straße hat eine Galerie übernommen. Auch mein Atelier habe ich verloren. Nachts laufe ich durch die Straßen und frage mich, wer die Leute sind, die aufgedonnert vor den klinischen japanischen Restaurants Schlange stehen und vor Clubs, aus denen diese tiefen Bässe kommen. Es ist nicht meine Welt. Aber jede Generation muss sich selbst finden.

SZ: Dabei träumen Tausende von Hipstern in der Lower East Side von einem Leben wie dem Ihren. Ihre Generation ist das Vorbild für alle, die danach kamen.

Smith: Tja, und wir träumten vom 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wir sehnten uns nach dem Paris von Picasso, nach dem Berlin der Zwanziger, sogar nach dem New York der Vierziger.

SZ: Was raten Sie heute einem, der 23 ist?

Smith: Geh dorthin, wo Du dich frei fühlst und werde Du selbst.

SZ: Das klingt wie Werbung für italienischen Espresso.

Smith: Abgesehen davon, dass ich italienischen Espresso mag: An dem Ziel hat sich nichts geändert. Mach, was du tust, so gut du kannst. Egal ob als Künstler, Gärtner oder Mutter: Wer nicht hart arbeitet, wird es nie zu etwas bringen. Dass Warhol nur mit Rumstehen Warhol wurde, ist ein Mythos. Er hat hart gearbeitet. Und die Leute um ihn, die verwöhnten Kinder und die Junkies: Sie arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.19788
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.03.2010/kar
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.