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Identitätspolitik:Ausverkauf

Der Roman "American Dirt" war als Bestseller geplant. Jetzt ist in den USA eine Kontroverse darum entbrannt: Wer darf warum von wessen Leid erzählen?

Eigentlich war der Migrationsthriller "American Dirt" der Schriftstellerin Jeanine Cummins in den USA als Highlight der Saison eingeplant. Die New York Times brachte einen Vorabdruck, die Startauflage lag bei 500 000 Exemplaren, und auch die wichtigste Bestsellermacherin des Landes, die Talkshow-Queen Oprah Winfrey, nahm den Roman ins Programm.

Das Buch handelt von einer Mutter und ihrem Sohn, die in Mexiko ein weitgehend sorgloses Mittelstandsleben führen, bis ihre Familie von einem Drogenkartell brutal ermordet wird und die beiden gezwungenermaßen die Reise in die USA antreten. Von einem Tag auf den anderen finden sie sich mitten in den Trecks der Mittellosen wieder, die das Land Richtung Norden durchwandern, und von denen sie sich bislang genauso weit entfernt wähnten wie jede amerikanische oder europäische Mittelstandsfamilie auch.

Weil die Autorin des Romans aber keinen lateinamerikanischen Hintergrund hat, sondern eine weiße Amerikanerin ist, und ihr Buch von einer überwiegend weißen Verlagsbranche für ein überwiegend weißes Publikum in Position gebracht wurde, häuften sich kurz nach Erscheinen des Buches identitätspolitische Einwände. Die Autorin Myriam Gurba fasste die Vorwürfe in einer Rezension so zusammen: Cummings habe "den Appetit der Gringos auf mexikanisches Leid" erkannt und einen Weg gefunden, daraus Profit zu schlagen.

Seitdem diskutieren die Autorin, der Verlag, Oprah Winfrey und weite Teile der literarischen Öffentlichkeit in den USA über die Frage, ob und, wenn ja, wie weiße Autoren im Allgemeinen und Jeanine Cummings im Speziellen über die Erfahrungen lateinamerikanischer Migranten schreiben sollten.

Schon Identifikation mit dem Leid der anderen wird heute als gönnerhaft empfunden

Die Autorin verweist in der Debatte auf die fünf Jahre Recherche, die dem Buch vorausgegangen seien. Sie habe das Grenzland bereist, Waisenhäuser und Suppenküchen für Migranten besucht. Der Verlag argumentiert, dass es in "American Dirt" vor allem um die Frage gehe, wie weit eine Mutter für das Wohlergehen ihres Kindes zu gehen bereit sei. Indem er dieses universelle Thema behandele, stelle der Roman Mitgefühl für das Schicksal von Migranten her. Diesem Argument zufolge würde der Roman ähnlich wie etwa Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" oder Kleists "Verlobung in St. Domingo" ein universelles Thema gerade deshalb vor einer exotisierten Kulisse verhandeln, um zu zeigen, dass das Leid der anderen vom eigenen Leid ununterscheidbar ist. Der Beweis wäre die Identifikation des Publikums mit den Figuren.

Allerdings wird schon diese Geste heute oft als gönnerhaft und paternalistisch empfunden: Dass Mexikaner auch Menschen seien, so die Logik, sei überhaupt nur innerhalb kolonialer Denkmuster eine Nachricht. Implizit setze die Geste den weißen Menschen als Normalfall voraus. Die Kehrseite dieser identitätspolitischen Themenbegrenzung besteht wiederum darin, dass es viele nicht-weiße Autoren als beengend empfinden, auf "migrantische Themen" festgelegt zu werden.

Das Publikum scheint von der Kontroverse weitgehend unberührt. Die Lesungen sind gut besucht, das Buch verkauft sich den Erwartungen gemäß hervorragend. Und vieles spricht dafür, dass gerade darin das Problem liegt und sich die Debatte weniger um Ästhetik als um Verteilungsfragen dreht.

Der amerikanisch-mexikanische Essayist Ilan Stavans sagte der New York Times, dass es nicht in erster Linie darum gehe, wer die Geschichte der mexikanischen Migranten erzähle, sondern wer sie verkaufe. In den Achtzigern und Neunzigern seien lateinamerikanische Autoren wie Julia Alvarez oder Junot Diaz auch in den USA zu Stars aufgestiegen, heute kämen sie in den Programmen der großen Verlage wieder seltener vor. Wenn 25 von 100 Titel in den Programmen der großen Verlage von lateinamerikanischen Autoren stammten, würde sich über Cummings niemand beschweren, so Stavans.

© SZ vom 28.01.2020
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