Liberale Ethnologie Durchpflügen des fremden Feldes

Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, folgt Aby Warburg zu den Pueblo-Indianern und zurück nach Berlin.

Von Thomas Hauschild

Der Neubau des Berliner Schlosses ist eine der größten architektonischen und kulturellen Baustellen Deutschlands. Ethnographika, seit Jahrhunderten in Berlin angesammelte Kunst und Handwerk aus nichteuropäischen Gesellschaften, sollen im Mittelpunkt der Ausstellungen des Humboldt-Forums stehen und die Weltläufigkeit Deutschlands zeigen. Es ist darum konsequent, dass aus dem Zentrum des Netzwerks der Planer und Gestalter heraus "Erkundungen einer liberalen Ethnologie" angestellt werden. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp widmet ihnen sein neuestes Buch. Unter dem lagerfeuerromantischen Titel "Aby Warburg, der Indianer" bietet es eine lehrreiche Analyse der ethnologischen Interessen des im späten 20. Jahrhundert, lange nach seinem Tode im Jahre 1929, vielleicht einflussreichsten deutschsprachigen Kunsthistorikers. Phasenweise war Warburgs Hang zur Völkerkunde so stark, dass Zeitzeugen wohl "kaum davon ausgegangen wären", dass Warburg eigentlich aus der Kunstgeschichte kam. Er wäre auch als Ethnologe durchgegangen in einer Disziplin, die damals ohnehin keinen zentralen Ausbildungsgang besaß und in erster Linie von ehemaligen Ärzten, Theologen, Philosophen und Philologen betrieben wurde.

Warburg, Erbe einer Hamburger Bankendynastie, der sich nie mit Geldgeschäften abgeben sollte, bereiste nach Aufenthalten in Florenz in den Jahren 1896 und 1897 die USA und wurde dabei von Franz Boas beraten, dem aus Berlin dorthin emigrierten Gründer der amerikanischen "Cultural Anthropology". Boas' wie Warburgs "liberale Ethnologie" äußerte sich im Ernstnehmen des Fremden - in dem von der Erfahrung der Diskriminierung als deutsche Juden grundierten Versuch, tief in Bedeutungsebenen der Kunst und performativen Kultur nichteuropäischer Gesellschaften einzudringen.

Warburgs "Reiseberichte", zumal seine Beschreibungen von Zeremonien der Pueblo-Indianer, sind sensitive, detaillierte und von indigenen wie exogenen Deutungen vielfach durchkreuzte Feldmonografien - das vor allem kann man aus Bredekamps Buch lernen. Sie wirkten auf Warburgs spätere weltweit vergleichende ikonologische Studien zurück und lesen sich heute wie zentrale Stücke aus den Monografien großer ethnologischer Religionsforscher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa Victor Turner oder Mary Douglas.

1895/96 reiste Aby Warburg zu den Pueblo-Indianern von New Mexico und den Hopi in Arizona. Bald fand er Freunde wie Gegner unter den Völkerkundlern. Unser Bild zeigt den Kunsthistoriker im Jahr 1927 in Florenz.

(Foto: picture-alliance / akg-images)

Bredekamp charakterisiert Warburgs ethnologische Symboldeutung als "Durchpflügen des fremden Feldes bis zum Verlust der eigenen Standfläche". Warburg gehört damit zu den nicht wenigen kreativen Berühmtheiten der deutschsprachigen Welt, die eine starke (fach-)ethnologische Saite zum Klingen brachten, ohne dass man deren Anteil am Gesamtkunstwerk ihres Schaffens heute ohne Weiteres (an)erkennt: Georg Simmel, Ludwig Wittgenstein, Wilhelm Reich oder auch Vicki Baum und Hermann Hesse.

Warburg besaß mit seinen Studien über indianische Kunst die "Eintrittskarte in jenen Kreis der Völkerkundler, denen es ernst war". Er fand Freunde im Fach, wie den feinsinnigen Karl von den Steinen, in dessen Werk man abwertende Äußerungen über "die Wilden" vergeblich sucht und der die Untiefen der Einbildungskraft westlicher Rationalisten durch exotische Mythologika vielleicht als erster akribisch auslotete. Feinde stellten sich Warburg entgegen, was auch eine Form der Integration ist, darunter Karl Weule, der in seiner idealistischen Frühphase von der Kindsnatur "des Wilden" überzeugt war, um Jahrzehnte später angesichts der Ingeniosität außereuropäischer materieller Kultur zu differenzierteren Einschätzungen zu gelangen.

"Primitive" und Nichteuropäer als Zeitgenossen zu verstehen lag im ureigensten Interesse aller Völkerkundler - wer widmet sein Leben schon ernsthaft dem mühevollen Sammeln, dem historischen Dechiffrieren und der Feldforschung in Kulturen, die er total verachtet? Typisch für qualitativ hochwertige Anthropologie des späten 19. Jahrhunderts sind nicht koloniales und rassistisches Denken allein, sondern auch der anspruchsvolle und bis heute nicht einfache Versuch, die Begriffe Primitivität und Hochkultur "in Anführungszeichen zu setzen". Widersprüche und Unebenheiten sind bei dieser Übung stets zu beobachten: E. B. Tylor, in den 1870er-Jahren Mitgründer der britischen Anthropologie, wechselt die Tonart immer wieder von der Leier der "niederen Rassen" zu dem Kontrapunkt, dass Kulturmerkmale, die angeblich nur "Wilde" auszeichnen, bei den Briten jener Zeit weit verbreitet waren.

Horst Bredekamp: Aby Warburg, der Indianer. Berliner Erkundungen einer liberalen Ethnologie, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2019. 171 Seiten, 18 Euro.

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Auch im epochemachenden Text des "liberalen Ethnologen" Warburg zum indianischen "Schlangenritual" (1923) findet man die Aussage, "der Indianer" sei ganz anders "zum Tier" eingestellt als "der Europäer". Das mischt sich aber mit einem ernsthaften Ringen darum, bei Pueblo-Indianern denselben "Denkraum" zu erkennen wie bei modernen Bewohnern der westlichen Welt und sie aus der Zuschreibung des reinen "Greifmenschen" zu entlassen.

Wie schwer es ist, diesen Rubikon ethnischer oder rassistischer Selbstbezüglichkeit zu überschreiten, begreift man angesichts der Widersprüche, die in Boas' mittlerweile 120 Jahre alter Kulturanthropologie amerikanischen Typs entstanden sind. Feldforschung wurde von US-amerikanischen Ethnologen in den letzten Jahren krass reduziert zugunsten allgemein gehaltener "Kulturbetrachtungen" im Stil des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts. Vom Warburgschen "Durchpflügen" des Fremden kann da keine Rede mehr sein.

Identitäre Argumente wie die naive Stanze, dass heute nur noch "die Indigenen" für sich selbst sprechen sollten, überwuchern das große komplexe Spiel des Austauschs von Innen- und Außensichten. Zu diesem konflikthaften Erbe, zu Aby Warburg, Bronislaw Malinowski, Claude Lévi-Strauss, Margaret Mead oder Gregory Bateson zurückzufinden, wird die Sisyphusarbeit des Humboldt-Forums sein.

Thomas Hauschild ist Sozial- und Kulturanthropologe und Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.