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Horror:Blut aus dem Gartenschlauch

Das japanische Publikum feiert derzeit einen Low-Budget-Zombiefilm. "One Cut of the Dead" entstand in einem Seminar an der Filmhochschule in Tokio und wurde zum Sommerhit in den japanischen Kinos.

Von Christoph Neidhart

Der japanische Horrorfilm "One Cut of the Dead" wurde im Rahmen eines Seminars der Filmhochschule in Tokio gedreht. Alle Mitwirkenden sind Studenten, und wie es sich mit solch kleinen Produktionen oft verhält, wurde der 2017 fertiggestellte Film in Japan zunächst kaum wahrgenommen. Unabhängige Low-Budget-Produktionen haben hier normalerweise keine Chance im Kino. Dann aber lief das Werk beim Filmfestival in Udine. Durch diesen Umweg nach Europa bekam er einen japanischen Verleih, füllt seit dem Sommer erfolgreich die kleinen japanischen Kinos und genießt bereits Kultstatus. Profitabel ist er mittlerweile auch. Die Produktion kostete drei Millionen Yen, etwa 23 000 Euro. Inzwischen hat er bereits mehr als eine Million Euro eingespielt.

Der Film beginnt genregerecht mit einer ordentlichen Portion Blut und Horror. Mit einer Axt geht Ko auf seine Freundin Chinatsu los, die T-Shirts der beiden sind blutgetränkt. Sie zittert, aber ihre Angst wirkt gekünstelt. Da fährt der Filmregisseur Higurashi dazwischen. In 42 Takes habe sie es nicht geschafft, Glaubwürdigkeit rüberzubringen - der Zuschauer hat einen Film im Film gesehen. Eine kleine Crew dreht in einem verlassenen Wasserwerk nördlich von Tokio einen Zombiefilm. Angeblich wurde die verfallende Filterstation einst von der Armee für Medizinversuche verwendet. Während einer Drehpause überfällt ein "richtiger" Zombie die Crew. Die Schauspieler sind schockiert, aber Regisseur Higurashi flippt aus, er fordert sein Team auf weiterzudrehen. "Das ist richtiges Filmen", schreit er begeistert. Eine Orgie der Gewalt beginnt, ein Arm wird abgerissen, ein Kopf abgeschlagen.

"One Cut of the Dead" des 34-jährigen Regisseurs Shinichiro Ueda ist freilich mehr als ein Zombiefilm im Zombiefilm, das verrät schon der Originaltitel "Kamera-o-tomeru-na!" (Stoppt die Kamera nicht!). In einer wilden Kamerafahrt setzt sich die Eingangsszene ohne einen einzigen Schnitt über 37 Minuten fort. Schließlich bleibt Chinatsu erschöpft auf dem Dach des alten Wasserwerks als letzte Überlebende zurück. Erst dann lässt Ueda Filmtitel und Vorspann über die Leinwand rollen. Und der Film beginnt von vorn, diesmal fast wie eine Dokumentation, die allerdings zur Parodie auf das Genre gerät. Ueda, der auch das Skript verfasst und den Film geschnitten hat, erzählt seine Geschichte nun gleichsam von außen ein zweites Mal. Ein neuer, auf Zombiefilme spezialisierter Fernsehkanal sucht einen Regisseur für einen Gruselschocker, der in einem einzigen Take gedreht werden soll. Higurashi, der von sich sagt, er arbeite "schnell, billig, aber durchschnittlich", erhält den Zuschlag. Er rekrutiert Anfänger, Sonderlinge, einen Alkoholiker und für die Crew auch seine Frau und seine launische Teenager-Tochter. Dieses Mal verfolgt man als Zuschauer die atemlosen Dreharbeiten als Zaungast. Wir sehen, wie die Ausstatter dem Schauspieler, dessen Arm ausgerissen wird, in höchster Eile einen blutig zerfaserten Stumpf auf die Schulter montieren und wie eine Puppe geköpft wird. Oder wie eine junge Helferin mit einem Gartenschlauch einem Opfer aus dem Off Blut ins Gesicht pustet, während ein Zombie mit einem Beil auf ihm herumhackt. Mit viel Komik karikiert Ueda die Trickkiste der Low-Tech-Special-Effects.

Aber weil ihm diese zwei Ebenen zwischen Horror und Horrorsatire noch nicht reichen, wendet Ueda sein Werk noch ein drittes Mal. "One Cut of the Dead" wird auch noch ein Familienmelodram, wenn Regisseur Higurashi und seine Frau sich mit ihrer störrischen Teenager-Tochter versöhnen.

© SZ vom 20.09.2018
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