Hommage Das Gedächtnis des Kinos

Die französische Regisseurin und Kinolegende Agnès Varda war im Rahmen einer Werkschau ihrer Filme zu Gast im Frankfurter Filmmuseum und erzählte zahlreiche Anekdoten.

Von Volker Breidecker

Die Filmemacherin Agnès Varda begann in Frankreich Kino zu machen, als es die Männerbande der Nouvelle Vague noch gar nicht gab. Und selbst heute - 63 Jahre nach dem Debüt der mittlerweile 88-Jährigen, und nach mehr als dreißig Spiel- und Dokumentarfilmen - ist sie noch aktiv. Mit dem Fotografen und Rapper JR dreht sie zurzeit einen Dokumentarfilm, jüngst kuratierte sie am Museum ihrer Heimatstadt Ixelles bei Brüssel eine Ausstellung mit eigenen Installationen ("Patates & Compagnie, bis 29. Mai).

Varda, die nach ihrem Studium an der Sorbonne (sie hörte beim Philosophen Gaston Bachelard) schon in den Fünfzigern zur gefeierten Fotografin wurde, führt seit Jahren ein Dreifachleben als Fotografin, Filmemacherin und bildende Künstlerin. Letztere zerlegt ihr filmisches Werk selbst wieder in fotografische Einzelbilder, ähnlich jenen, die sie in ihren frühen Jahren zu filmischen Sequenzen montierte - um sie wiederum zu neuen Figurationen zu collagieren. Dabei folgt das Gesamtwerk dieser unermüdlichen Bildermacherin einer Poesie, die an Bachelards "Poetik des Raumes" erinnert, in der "Doppelwirkung" von "Anklang" und "Widerhall". Jedes Bild ist eine Handreichung auf das nächste Bild, und jeder ihrer Filme zugleich der Entwurf des nächsten. Schon zu "Cléo de 5 à 7" und zu "Le Bonheur", ihren großen Erfolgen der Sechzigerjahre, sagte Varda, es seien "Filme, die in der Erwartung eines anderen gedreht wurden".

Umso erfreulicher, dass das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt in einer noch bis zum Sommer laufenden Reihe von "Lectures & Films" eine Wiederbesichtigung des filmischen Universums dieser Künstlerin ermöglicht. Agnès Varda, die kürzlich mit dem Max-Beckmann-Preis ausgezeichnet wurde, war nun zur Vorstellung von "Le Bonheur" (1965) und "Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma" (1995) nach Frankfurt gekommen.

Gestützt auf einen knallbunten Gehstock, spazierte sie in ein vollbesetztes Haus und sprach über das Farbvokabular ihrer Filme. Für die Rätsel, die diese aufgäben, wüsste sie allerdings selbst keine Lösung. Dabei ist es ihr umso ernster mit dem Eigenleben der Figuren und Objekte ihrer Filme, die voller Einbrüche der Realität in die Fiktion sind. Hinreißende Anekdoten erzählte sie von den Dreharbeiten zu "Les Cent et Une Nuits", ihrer persönlichen Hommage zum 100. Geburtstag des Mediums Film. Das Werk wurde, wie sie es nennt, ein "großer Flop" - trotz eines Staraufgebots mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni. Beide verkörpern darin im Dialog das Gedächtnis des Films, sind aber aufgrund altersbedingter Vergesslichkeit auf juvenile Erinnerungshilfen angewiesen. Gegen Ende gibt es eine entzückende Szene mit Catherine Deneuve und Robert De Niro. Beide fahren auf einer Art Schwanengefährt und tauschen darin zweisprachiges Liebesgeflüster aus, während Doris Days Lied "Sentimental Journey" läuft. Eine Szene, die Varda in Frankfurt als ironische Essenz ihres filmischen Kosmos bezeichnete.