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Hollywood:Das Ende des Regisseurs

Steinitz, David

Kino-Blockbuster werden heute in Fortsetzungsserien produziert, sensible Autorenfilmer stören da nur. Wer zu störrisch ist, fliegt raus. Bei den Walt Disney Studios wurde innerhalb kurzer Zeit schon der vierte "Star Wars"-Regisseur gefeuert.

Der Beruf des Regisseurs galt in Hollywood mal als kreativer Traumjob - Filme drehen mit üppigen Budgets und großen Stars, vielleicht sogar Filmgeschichte schreiben.

Mittlerweile hat sich der Job aber mehr in Richtung eines besseren Filialleiters entwickelt, der ein bisschen mitorganisieren darf - seinen Nimbus als kreativer Chef einer Filmproduktion hat der Regisseur in vielen Fällen eingebüßt.

Das demonstriert derzeit kein Filmstudio so radikal wie die Walt Disney Company. Disney hat in dieser Woche zum vierten Mal innerhalb kurzer Zeit einen Regisseur von einer laufenden "Star Wars"-Produktion abgezogen, als handele es sich bei dieser Position um einen Posten, den man so einfach austauschen könne wie den Catering-Lieferanten.

Der Grund: Die großen Fortsetzungsreihen der US-Filmstudios sind einfach zu wichtige Gelddruckmaschinen geworden, als dass man sie aus Sicht der Besitzer den kreativen Unwägbarkeiten eines einzelnen Regisseurs aussetzen könnte. "Star Wars" oder die Superheldenfilme von Marvel werden nicht mehr nur im Kino ausgewertet, sondern auch als TV-Serien, Computerspiele, Comichefte und Merchandisingprodukte.

Blockbuster werden heute in Fortsetzungsserien produziert - Autorenfilmer stören da nur

Deshalb werden die großen Hollywoodmarken heute so verwaltet, wie es im Fernsehen bei Fernsehserien schon länger der Fall ist: Ein kreativer Produzent, im TV-Geschäft Showrunner genannt, hat die Oberaufsicht und arbeitet für einzelne Folgen mit Autoren und Regisseuren zusammen, die als Dienstleister an Bord kommen und sich der Gesamtstruktur unterordnen.

Kinofilme wie "Star Wars 8" oder "The Avengers 3" werden wie Folgen einer Fortsetzungsserie behandelt, und für die braucht man keine Autorenfilmer, sondern fähige Handwerker. In der Folge sind Regisseure in Hollywood - zumindest im Blockbustersegment - deutlich weniger kreativ tätig als früher; umgekehrt haben sich die Produzenten zu den eigentlichen kreativen Kräften entwickelt. Menschen wie Kathleen Kennedy also, die das komplette "Star Wars"-Universum verwaltet und in dieser Woche den Regisseur Colin Trevorrow aufgrund künstlerischer Differenzen entließ. Bei einer Fließbandproduktion wie dieser sitzt die Produzentin am längeren Hebel.

Ganz neu ist diese Entwicklung nicht, zur goldenen Hollywoodzeit in den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren waren die Filmstudios ähnlich organisiert. Produzentenurgesteine wie Jack Warner oder Louis B. Mayer organisierten ihre Drehbuchautoren mit der Stechuhr. Die Drehbücher, die dabei herauskamen, sollten von den Regisseuren so schnell und effizient wie möglich verfilmt werden.

Der große Unterschied zu heute ist aber, dass das damalige Studiosystem Regisseure hervorbrachte, die so trickreiche Handwerker waren, dass sie den Filmen trotzdem ihren eigenen Stil aufprägten. Alfred Hitchcock, Howard Hawks und Billy Wilder wussten genau, wie sie die Gesetze des Betriebs für sich nutzen konnten, ohne reine Dienstleistungssklaven zu werden. Deshalb konnten sich die Zuschauer auch ihre Namen merken. "Vertigo" war ein offensichtlicher Hitchcock, und niemand außer Billy Wilder konnte hinter "Das Appartement" stecken. Wer aber außerhalb der Branche kennt heute Bill Condon, F. Gary Gray oder James Gunn? Diese drei Herren haben die bislang erfolgreichsten Realfilme des Jahres 2017 gedreht, weltweit wohlgemerkt. Dass ihre Namen trotzdem nur ein Schulterzucken hervorrufen, erzählt viel über den Anteil, den sie selbst noch an diesem Erfolg haben dürfen.

© SZ vom 09.09.2017

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