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Hochbegabte e.V.:Die dunkle Seite der Mensa

Die Amerikanerin Jamie Loftus war Mitglied im Verein für Hochbegabte und traf auf eine dominante rechte Strömung - Hassattacken inklusive.

Von Nora Noll

3D-Puzzles und Physik-Witze. Nerdige Brillenträger und holpriger Small Talk. So in etwa stellt man sich klischeehaft den Verein Mensa für Hochbegabte vor. Jamie Loftus' Erfahrung sieht anders aus. Ein Jahr lang, von 2018 bis 2019, war sie Mitglied der American Mensa. Und traf dort auf eine dominante rechte Strömung. Loftus ist eigentlich Comedian. Die 26-Jährige lebt in Los Angeles, tritt mit Stand-Up-Comedy auf und schreibt für die animierte TV-Show "Robot Chicken". In dem Podcast "My Year in Mensa" hat sie ihre Erlebnisse als Mensa-Mitglied verarbeitet.

Um Mitglied zu werden, müssen Interessierte einen anerkannten IQ-Test machen und unter die besten zwei Prozent fallen. Loftus meldet sich aus Jux bei einem Test an - und besteht. Sie hält sich deswegen nicht für ein Genie: "Ich bin aufgewachsen mit standardisierten Testformaten, die für Menschen wie mich designt sind." Mit Menschen wie sich meint sie gebildete Weiße. In ihrem Podcast geht sie auf die Geschichte von IQ-Tests ein: Gegen die Intention des Erfinders Alfred Binet wurden die Tests von Eugenikern genutzt, um damit ihre "Rassenkunde" pseudowissenschaftlich zu belegen.

Nach ihrem Eintritt in die Mensa im Juni 2018 erfährt Loftus vom Firehouse. Die American Mensa hat zwei offizielle Facebookgruppen, für die sie auf ihrer Website wirbt. Die erste heißt Hospitality. Hier gebieten Forumsregeln die Einhaltung der üblichen Etikette. Die zweite heißt Firehouse. Dieses Forum ist unmoderiert, es gibt keine Regeln.

Im Firehouse stößt Loftus auf den typischen Pro-Trump-Content: Sexismus gegen die demokratische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez, Hetze gegen mexikanische Migranten, Diskriminierung von Transmenschen. Die Mitglieder schrecken nicht vor Mobbing zurück. Für einen satirischen Artikel über ihre neue Mensa-Mitgliedschaft erhält Loftus zahlreiche beleidigende Kommentare. Als sie davon Screenshots veröffentlicht, droht ihr ein Mensa-Mitglied mit dem Tod. Im Telefoninterview mit der SZ sagt Loftus rückblickend, sie hätte zwar schon früher Hass im Netz erfahren, aber das sei "von einer anderen Qualität" gewesen: "Die Leute stürzten sich auf jeden Aspekt meiner Person."

Die American Mensa weist die Vorwürfe zurück. "Obwohl wir gute Debatten lieben, ist es wichtig zu betonen, dass Mensa keine Gewalt oder Gewaltandrohungen hinnimmt", schreibt die Vorsitzende LaRae Bakerink auf SZ-Anfrage. Wie man Mitglieder vor Hass aus der Firehouse-Gruppe schützen wolle, auf diese Frage antwortet sie nicht.

Die Firehouse-Gruppe gibt es seit 2015, seit dem Wahlkampf von Donald Trump

Nach den Hass-Nachrichten im Herbst 2018 ist Loftus' Recherche kein Witz mehr. Sie trifft sich mit Vorstandsmitgliedern, die von der Existenz der Firehouse-Gruppe wissen, zum Teil selber Mitglied sind. Sie stellt fest, dass die Gruppe, obwohl sie nach ihrer Schätzung nur fünf Prozent der US-Mensianer umfasst, von der Mensa-Leitung finanziell unterstützt wird. Sie hört als Rechtfertigung immer wieder: "Meinungsfreiheit!"

Im Sommer 2019 fährt sie schließlich zum Mensa-Jahrestreffen in Arizona. Dort merkt sie, wie freundlich die meisten Mitglieder tatsächlich sind. "Ich hatte nicht erwartet, mich mit jemandem wirklich gut zu verstehen", sagt sie, aber sie sei heute immer noch mit einigen Mensianern befreundet. In ihrem Podcast berichtet sie, mit welcher Ablehnung und Feindseligkeit ihr größtenteils die Firehouse-Anhänger begegneten. Wie im Internet nahmen sie auch im analogen Raum der Konferenz viel Platz ein, mit eigenen Vorträgen und eigenen Partys. Eine moderierende Instanz, als zum Beispiel bei einem Workshop Sklaverei verharmlost wurde oder sich ein betrunkener Mann öffentlich als Hitler-Fan outete, fehlte komplett.

Loftus' Schilderungen zeugen von einem gespaltenen Verein. Die Firehouse-Gruppe existiert seit 2015. Während des Wahlkampfs von Donald Trump wurden aus der offizielle Mensa-Gruppe zwei, weil sich die Mitglieder nicht auf eine gemeinsame Debattenkultur einigen konnten. "Das spiegelt ziemlich genau die politische Lage in den USA wieder", sagt Loftus. Bedenklich findet sie auch, wie einige der Mensa-Trolls ihr Mobbing damit rechtfertigen, selbst Außenseiter zu sein. Dass Mensa Menschen anzieht, die nach einer Gemeinschaft suchen, kann Loftus nachvollziehen, "aber in einer unmoderierten Facebookgruppe wie Firehouse können sie sich schnell radikalisieren". Und schließlich fragt sich Loftus auch, ob ein Verein, der Mitglieder nach ihrem IQ rekrutiert, nicht ohnehin fragwürdig ist. "Es ist doch gefährlich, schon Kindern zu sagen, dass sie intelligenter und besser als andere sind."

Loftus ist nicht mehr Teil der Mensa. Aber Bekannte berichten ihr von den internen Vorgängen. Vor einem Monat sei demnach in einer Versammlung darüber abgestimmt worden, ob die Firehouse-Gruppe weiterhin unter dem Mensa-Logo stehen solle. Loftus hält das für einen PR-Stunt. Immerhin habe die Mehrheit für die Delegitimierung des Firehouse gestimmt, erzählt sie. "Aber es wird intern weiterhin viel gekämpft."

© SZ vom 11.08.2020

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