Historische Debatte:Freund der Sklaven, Freund der Banken

Lesezeit: 4 min

Obama war drin, Sanders geht demnächst: Ganz Amerika will das Musical "Hamilton" sehen. Aber ist der Titelheld wirklich ein Held?

Von Peter Richter

Jetzt hat "Hamilton" sogar einen eigenen Historikerstreit. Warum auch nicht? Das Erstaunlichste an diesem Musical ist, dass im Zusammenhang damit nichts mehr erstaunt. Nicht einmal die Schlagzeile in der New York Times von Bernie Sanders' "big win" am letzten Wochenende, obwohl die Vorwahlen im Staat New York erst nächste Woche sind. Sanders' "dicker Gewinn" bezieht sich auf zwei Eintrittskarten zum ausverkauftesten Broadway-Musical seit Menschengedenken (also mindestens seit dem Erfolg von "Book of Mormon"). Ein Präsidentschaftsanwärter der Demokraten kann sich offensichtlich nicht leisten, das Stück nicht gesehen zu haben.

Hillary Clinton war letztes Jahr drin. Barack Obama, der sogar schon mehrmals im Publikum gesehen wurde, hat es sich vor ein paar Wochen gleich komplett ins Weiße Haus geholt - für die "folks", die sonst keine Gelegenheit hätten, es zu sehen, wie er sich ausdrückte. Es blieb ein bisschen unklar, ob er mit diesen "Leuten" nicht vor allem seine engeren Mitarbeiter meinte, aber es ist nun einmal seine Lieblingsformulierung, und die klingt immer ein wenig nach "ganz normalen Leuten", um nicht zu sagen "breiten Massen": Das Musical "Hamilton" gilt in diesem Teil des politischen Spektrums als sozialpädagogisch wertvoll wie selten was. Denn Alexander Hamilton (1755 oder 1757 bis 1804) ist selbst vielen Amerikanern nur noch als das Gesicht auf der Zehn-Dollar-Note geläufig.

Dass der Mann nicht nur ein Gründervater der USA und ihr erster Finanzminister war, sondern auch als uneheliches Kind in der Karibik zur Welt kam, später im Leben unter anderem für die Abschaffung der Sklaverei eintrat und schließlich an den Folgen eines Pistolenduells mit seinem schärfsten politischen Widersacher starb: Das lässt sich in Büchern wie der großen Hamilton-Biografie von Ron Chernow nachlesen. Exakt das hatte Lin-Manuel Miranda, ein Schauspieler, Komponist und Rapper aus New York, getan, und er sah das Potenzial für ein Bühnenstück. Ein "good guy", noch dazu Immigrant, der sich ganz nach oben arbeitet, Revolution, Patriotismus, Verfassung, "Black Lives Matter", Intrigen, Drama, Tod - da war alles drin, was Amerika ohnehin immer beschäftigt und im Moment ganz besonders.

Lin-Manuel Miranda stars in ?Hamilton? at the Richard Rodgers Theatre in New York.

Die meisten Amerikaner kennen ihn nur von der Zehn-Dollar-Note: Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda) in New York.

(Foto: Sara Krulwitch/The New York Times/Redux/laif)

Miranda, der selber von Immigranten aus der Karibik abstammt, besetzte die Rolle Hamiltons mit sich selbst und alle anderen überwiegend mit Latinos und Schwarzen. Dass er sie ihre Texte überwiegend rappend vortragen lässt, kann man auch als clever bezeichnen, denn erstens sind es ja vor allem juristische Rededuelle, die auf die Bühne gebracht werden wollen, zweitens ist Rap populär. Als Drittes fügt Miranda gerne hinzu, dass Rap der natürliche Musikstil der Revolution sei. Das kann man zwar auch anders sehen (zum Beispiel als ein oft selbstzufrieden sich an den Eiern kratzendes Marginalisiertheits-Gepose). Aber darum, dass bei Tag vieles anders aussieht als unter Broadway-Scheinwerfern, geht es jetzt ja auch bei den Wortmeldungen aus der Geschichtswissenschaft.

Er sympathisierte mit eher aristokratischen Verhältnissen und einer Erbpräsidentschaft

Nachdem nämlich "Hamilton", die Musical-Figur, zum Superhelden der Progressivität und der ethnischen "Diversity" emporgewachsen ist, wird jetzt überwiegend im Internet debattiert, ob es nicht ein klitzekleines bisschen übertrieben sei, sich Hamilton, den Politiker, als eine Art Obama mit Zopfperücke vorzustellen. Hamiltons Kampf gegen die Sklaverei werde aufgeblasen, die Tatsache, dass er in eine Sklavenhalterfamilie eingeheiratet habe, heruntergespielt, heißt es da.

Dass Historiker Einwände erheben, wenn historische Biografien auf die Bühne gebracht werden, ist normal. Andrew Lloyd-Webber hat mit "Evita" auch nicht nur für Jubel gesorgt. Von Spielbergs Historienkino ganz zu schweigen.

Bemerkenswert an der Debatte um "Hamilton" ist, dass gar nicht bei allen wirklich "Hamilton" in der Kritik steht, also das Stück. Lyra Monteiro, eine Historikerin von der Rutgers University, hatte zwar eingewendet, dass die vielen Schwarzen, die in dem Stück die Rollen von weißen Figuren einnehmen, den Blick darauf verstellten, wie viele historisch belegte schwarze Figuren in dem Stück gar nicht vorkämen. Aber über die Feststellung, dass sich das Stück den Sklavenbefreier zurechtfantasiert, als den wir den Mann heute gern hätten (Annette Gordon-Reed aus Harvard) hat sich der Tenor allmählich zu einer Kritik an Hamilton, dem Politiker, verschoben. Und diesem wird nun zur Last gelegt, dem Hamilton aus "Hamilton" an Progressivität hinterherzuhinken. Der historische Hamilton muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seiner Zeit nicht 210 Jahre voraus gewesen zu sein, sondern nur ungefähr 60.

Dass unter den Gründervätern der USA überproportional viele weiße Männer waren, ist aus dieser Perspektive dann nur einer der Missstände, die eine Glorifizierung durch Broadway-Musicals fragwürdig machen. Gegen Hamilton sprechen dann auch diejenigen unter seinen politischen Überzeugungen, mit denen ein demokratischer Präsidentschaftskandidat heute bei der Generation, die eben erst "Occupy Wall Street!" gerufen hat, weniger gut punkten kann: Hamilton als Gründer und Freund von Großbanken mit Sympathien für eher aristokratische Verhältnisse in der Politik, eine Erbpräsidentschaft, Senatorenwürde auf Lebenszeit und so. Hamilton sei eher ein Mann für die "ein Prozent" gewesen, klagt Sean Wilentz, der in Princeton lehrt. In der politischen Rhetorik der USA ist das die aktuelle Formulierung für das, was früher mal "die oberen Zehntausend" hieß.

Es ist auffällig, dass solche geradezu jakobinischen Formen rückwirkender Eliten-Fresserei gerade an Amerikas Elite-Universitäten gedeihen. Kann sein, dass diese Historiker ihren Studenten anhand von "Hamilton" zeigen wollen, dass Geschichte nicht einfach ist, sondern immer wieder gemacht wird, und zwar durchaus nach Maßgaben der politischen Opportunität.

Dass es aber ausgerechnet der Präsidentschaftswahlkampf 2016 sein soll, der Amerikas Blick auf Alexander Hamilton konditioniert, lässt einen Grundwiderspruch unaufgelöst: Wenn Bernie Sanders wirklich so ein volkstümlicher Typ aus Brooklyn wäre, wie er einen ganzen Wahlkampftag in New York beteuert hat, hätte er hinterher eigentlich nicht in die Aufführung von "Hamilton" gehen dürfen. Die Karten sind auf Monate hin ausverkauft. Wie die New York Times mit süffisanter Genauigkeit ermittelte, wurden Sanders und seiner Frau von seinem Wahlkampfteam zum Vorzugspreis von nur jeweils 167 Dollar sogenannte House Seats besorgt. Das sind Karten, die sie am Broadway für besondere Fälle bereit halten, für Ehrengäste aus der Politik zum Beispiel, man könnte auch sagen: Eliten.

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