Hilsenrath zum 90. Nach der Nacht

Seinen Roman "Der Nazi und der Friseur" hatten 1971 alle deutschen Verlage abgelehnt, er erschien nur auf Englisch. Nun wird der große Erzähler Edgar Hilsenrath neunzig.

Von Helmut Böttiger

Edgar Hilsenrath hatte immer Schwierigkeiten mit seinen Verlagen. Wenn es bei seinen Veröffentlichungen in Deutschland nicht so oft unerfreuliche Begleiterscheinungen gegeben hätte, würde dieser herausragende Autor heute wohl auch allgemein bekannter sein. Als 1964 sein Debütroman "Nacht" in den USA erschien, war er dort ein großer Erfolg, das Buch wurde in etliche Sprachen übersetzt - das deutschsprachige Original stieß im Kindler-Verlag aber auf eine verlagsinterne Opposition, wurde in nur 1250 Exemplaren verbreitet und ging unter. 1971 erschien der epochale Roman "Der Nazi und der Friseur" zunächst auf Englisch in den USA und erlebte vielerorts eine starke Resonanz - in Deutschland lehnten alle Verlage das Manuskript ab, bevor es 1977 schließlich der kleine "Literarische Verlag Braun" in Leverkusen veröffentlichte. In den Feuilletons fand dieses Werk enorme Beachtung und erlebte schnell zwei weitere Auflagen, bevor der Verlag Pleite ging. Danach erschienen mehrere Bücher im Piper-Verlag, bis 2003 Hilsenraths früherer Verleger Helmut Braun im Berliner Dittrich-Verlag als Herausgeber der "Gesammelten Werke" in zehn Bänden fungierte. 2012 kam es jedoch zu einem Gerichtsverfahren, bei dem Hilsenrath die Rechte zurück erhielt.

Hilsenrath, als Sohn eines jüdischen Kaufmanns am 2. April 1926 in Leipzig geboren, wuchs in Halle auf und floh mit Teilen der Familie 1938 nach Rumänien, wo er im Städtchen Sereth in der Bukowina die glücklichsten Jahre seiner Jugend verbrachte. Von dort wurde er in das ukrainische Arbeitslager Moghilew-Podolsk deportiert. Nach der Befreiung durch die Rote Armee schlug er sich zu Fuß nach Czernowitz und schließlich nach Bukarest durch, wo Zionisten die illegale Ausreise nach Palästina organisierten. 1947 siedelte er von dort über nach Lyon, wo sein Vater überlebt hatte, stieß auf Erich Maria Remarques "Arc de Triomphe" und schrieb unter diesem Eindruck im Bistro die ersten dreißig Seiten von "Nacht". Hier werden autobiografische Erlebnisse hautnah realistisch verarbeitet. Schauplatz ist ein Nachtasyl im jüdischen Ghetto in der Ukraine, und im Zentrum stehen Übergriffe der jüdischen Ghettopolizei sowie der mörderische Kampf der Ghettoinsassen untereinander. Die historischen Täter, die Nazis und ihre Verbündeten werden hingegen ausgeblendet. Hilsenrath zeigt auf drastische Weise die Barbarisierung der Juden in den Lagern. Diese sind bei ihm keineswegs jene "Seelenveredlungsanstalten", wie es die vorherrschende Lesart einer moralisierenden Literatur nach 1945 suggerierte und wie er es sarkastisch benennt.

In "Der Nazi und der Friseur" wird die Provokation noch gesteigert: der NS-Massenmörder Max Schulz schlüpft nach 1945 in die Identität des von ihm ermordeten Juden Itzig Finkelstein und gibt in Palästina den überzeugten Zionisten. Hilsenraths sprachlich avancierter, mit allen Mitteln der Groteske und der Verfremdung geführter Angriff auf die in der Bundesrepublik plötzlich tonangebenden Philosemiten ist hochpolitisch - der Autor wehrt sich vehement gegen ihre Zuweisung, die Juden hätten "gefälligst so Martin-Buber-haft zu sein, wie sie's gern hätten". Hilsenrath schrieb diesen Roman, der zweifellos zu den wichtigsten in der Geschichte der Bundesrepublik gehört, wie schon zuvor "Nacht" in den USA. 1951 befand er sich während der Überfahrt auf demselben Schiff wie Rita Hayworth, was eine Skizze aus dem bereits archivierten Vorlass schildert. In New York hielt er sich als Kellner über Wasser und arbeitete in einer bestimmten Cafeteria am Broadway an seinen Büchern.

Seit 1974 lebt Hilsenrath in Berlin-Friedenau. Er wird am Samstag 90 Jahre alt. Für seinen Roman "Das Märchen vom letzten Gedanken", der den türkischen Völkermord an den Armeniern beschreibt, erhielt er 2006 den Armenischen Nationalpreis für Literatur. Er hat zwar einige weitere Preise bekommen, aber nicht die höchsten in Deutschland, die er allemal verdient hätte. Und "Der Nazi und der Friseur" wäre als wahrhaft literarische Schullektüre vielem vorzuziehen, was als kanonisch gehandelt wird.