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Harald Schmidt in "Hamlet"-Musical:Bimmel und Bommel in Helsingör

Schunkelselige Mausefalle: Harald Schmidt lässt in seiner Stuttgarter "Hamlet"-Sause keinen Platz für Experimente. Das Ergebnis ist eine pappsüße Klangsoße.

Von wegen Dirty Harry: Lieb und lustig und eben allzu clean ging Harald Schmidts "Hamlet"-Musical "Der Prinz von Dänemark" bei der Premiere über die Showbühne im Stuttgarter Staatsschauspiel. Keine durchgeknallte Shakespeare-Dekonstruktion mit geschliffenen Pointen oder dem anarchischen Aberwitz der Monty Pythons, sondern nur der harmlose Schabernack einer Strumpfhosen-Sause für die ganze Familie. Schunkelige Schmunzelparade und Knallchargen-Karaoke mit Party-Krachern der siebziger und achtziger Jahre - Hits, die auch beim Gewerkschaftsschwof das Dach abheben.

Entertainer Harald Schmidt im Hamlet-Musical "Der Prinz von Dänemark" am Stuttgarter Staatsschauspiel.

(Foto: Foto: dpa)

Denn es sind vor allem die Songs der Band Fort'n'Brass, die hier das Haus rocken, weniger die Spielszenen, die sich einer schülerulkigen Texttreue verschrieben haben und die Bildungs-Böller all der geflügelten Worte aus dem Stück parodistisch abfackeln. Doch die Persiflage auf das Pathos der Knattermimen alter Schule verpufft schnell - obwohl es naturgemäß immer ein Brüller ist, wenn Burgfräuleins im Discobeat zucken und Ritter Rost die Luftgitarre zupft. Pomp goes Pop. Und funny bones haben die Stuttgarter Schauspieler sowieso; das konnten sie schon vor einem Jahr beweisen, als Harald Schmidt mit ihnen den bunten Liederabend "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" steigen ließ.

Verstopfte Luftlöcher

Mittlerweile ist das Elvis-Memorial durch ganz Deutschland getourt und hat die Erwartungen an den neuen Bühnen-Schmidt hochgeschraubt. Die nächste Stufe von Schmidts Ensemble-Integration ist auch schon annonciert. Im Lessing-Jahr 2009 plant man ein Nathan-Musical, Arbeitstitel "Bart ab! Beim Herrn der Ringe". Harald Schmidt bleibt also seinem volkspädagogischen Ethos der tiefer gelegten Hochkultur treu und orientiert sich weiterhin am klassischen Kanon, obwohl sich beim "Hamlet"-Musical gerade die geschlossene Form als Hauptproblem des Abends entpuppt.

Anders als bei "Elvis lebt", dessen aufgerissenes, viel loseres Konzept erst den anarchischen Witz zum Zünden brachte, verstopfen Kostümschlacht und ausgefeilte Showdramaturgie hier sämtliche Luftlöcher. Und auch der riesige Totenkopf, der zu Beginn über der Bühne prangt und später, in Anspielung auf Damien Hirsts Diamanten-Schädel, mit Strass besetzt wiederkehrt, erweist sich als leeres Versprechen. Denn um wenigstens ein bisschen gothic zu sein, hätte man den "Hamlet" ins Säurebad der Satire tauchen müssen und nicht in den fondantbunten Zuckerguss der Klamotte.

Wenn der Nebel über Schloss Helsingör sich lichtet, Möwengeschrei, AC/DC-Akkorde und Brandungsrauschen verhallt sind, enthüllt sich das klassische Setting in der Pappmaché- und Alufolien-Variante: hinten die nächtlichen Wachtposten auf dem Söller, vorne Prinz Hamlet, wächsern bleich und mit grämlicher Miene. Benjamin Grüter spielt diesen Modellathleten der Innerlichkeit hinreißend als höfische Oberzicke, angetan mit wallenden Fledermausärmeln, Minirock und Schnabelschuhen zum hautengen Catsuit. Statt des Rapiers steckt ein Mikro in seinem Portepee. Ein schwarzer Märchenprinz, leicht effeminiert, weshalb ihm sein Freund Horatio (Thomas Eisen) in pinkfarbenem Wams und Glitzer-Ballerinas stets liebeskrank hinterherdackelt, ein gestammeltes "Ich liebe Dich!" auf den geschminkten Lippen.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Harald Schmidt unter "touristenkompatiblen Ranschmeißtheater" versteht - und was Josef Ackermann mit Hamlet zu tun hat.

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