Amerikanische Literatur Parodie der Unsterblichkeit

Auf einem Südsee-Atoll glaubt in Hanya Yanagiharas Debütroman „Das Volk der Bäume“ der Arzt Norton Perina ein Mittel gegen den Tod gefunden zu haben. Aber auf den Helden wartet nicht der Ruhm, sondern der Absturz.

(Foto: imago stock&people)

Hanya Yanagiharas Debütroman "Das Volk der Bäume"

Von Christoph Bartmann

Daniel Carleton Gajdusek wurde 1976 der Medizin-Nobelpreis für seine Erforschung der Kuru-Krankheit zuerkannt. Beim Volk der Fore auf Papua-Neuguinea war er in den Fünfzigerjahren auf den Erreger der dort verbreiteten transmissiblen spongiformen Enzephalopathie (TSE) gestoßen, die Ähnlichkeiten mit der bekannteren Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aufweist. Übertragen wurde die Infektion, so Gajduseks Entdeckung, durch bestimmte Stammesrituale, bei denen sich die Kore mit der Gehirnmasse ihrer verstorbenen Vorfahren einrieben. Bei den Angesteckten fand nach langer Inkubation ein unaufhaltsamer geistiger Verfall bei ansonsten stabiler Physis statt.

Von seinen Pazifikreisen brachte Gajdusek insgesamt 56 Kinder, vornehmlich Jungen, mit in die USA, ermöglichte vielen eine Ausbildung und lebte mit ihnen lange Zeit unter einem Dach. Nachdem ihn einer der Jungen wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte, wurde Gajdusek zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nach deren Verbüßung er die USA verließ und sich dann an wechselnden Orten in Europa aufhielt. Dieses beklemmende Kapitel ethno-medizinischer Forschung und moralischer Verfehlung bildet die Vorlage für Hanya Yanagiharas ersten Roman "Das Volk der Bäume" ("The People in the Trees"), den 2013 erschienenen Vorgänger ihres Welterfolgs "Ein wenig Leben".

Aus Gajdusek ist bei ihr ein Mann namens A. Norton Perina geworden, Papua-Neuguinea hat sich in ein fiktives mikronesisches Atoll namens U'ivu verwandelt und statt der Gehirne ihrer Ahnen verzehren die Einheimischen auf der Nebeninsel Ivu'ivu das Fleisch einer nur dort vorkommenden Schildkröte. Auch bei ihnen schwinden die geistigen Kräfte rapide, aber zugleich können ihre Körper nicht mehr altern. Ausgestoßen aus der Dorfgemeinschaft, wandeln die sogenannten "Träumer" als Untote durch die Wälder und Fluren von Ivu'ivu und erinnern nur noch entfernt an lebendige Menschen. Doktor Perina, Juniormitglied einer ethnologischen Expedition, wittert die Forscherchance seines Lebens. Er wird dann einige der Träumer und ausreichend Schildkrötenfleisch in die USA mitnehmen und dort seine Hypothese durch diverse Versuchsreihen weiter erhärten.

Mit viel Liebe zum Detail malt sich Yanagihara eine komplette Wissenschaftlerbiografie aus

Im Alter hat Perina, die Romanfigur, anders als der reale Gajdusek, seinen Lebensbericht, seine Lebensbeichte zu Papier gebracht. Yanagihara hat sich hierfür einen Herausgeber ausgedacht, der als Kollege und Vertrauter des gestrauchelten Mannes dessen Vermächtnis der Nachwelt erhalten will. Ronald Kubodera, M.D., begleitet die Lebensgeschichte seines Idols mit zahlreichen, meist übereifrigen Anmerkungen. Mit viel Liebe zum Detail malt sich Yanagihara eine komplette Wissenschaftlerbiografie samt fiktiver Veröffentlichungen aus.

Nicht der reale Gajdusek habe dafür Pate gestanden, hat die Autorin hierzu bemerkt, eher habe sie der Typus des "mad scientist" interessiert, mit dem sie durch ihren Vater, der wie Gajdusek an den "National Institutes of Health" in Bethesda forschte, früh Bekanntschaft machte. Eine fiktionale Forscherbiografie also, vom frühen Ruhm bis zum Totalschaden, außerdem die tragische Geschichte der medizinisch-pharmazeutischen Ausbeutung einer Südseeinsel. Das Problematische dieser Figur und ihres Wirkens liegt auf der Hand, aber es wird nicht richtig klar, auf die Klärung oder Erhellung welcher Fragen der immense erzählerische Aufwand des Romans hinsteuert.

Eines steht fest: ein angenehmer Umgang wird Doktor Perina kaum gewesen sein. Nicht nur, dass ihm die tropische Inselwelt samt ihren Bewohnern zuwider ist, mit ihrem barocken Überfluss an allem, was nach seinem Empfinden schleimig, matschig und glitschig ist. Er empfindet auch einen generellen Widerwillen gegen weibliche Körper, insbesondere den seiner ethnologischen Reisebegleiterin: "ihr hässlicher Mund klaffend wie der eines gierigen Karpfens, die unstrukturierte Übermäßigkeit ihres Leibes - ihre wuchernden Hüften, ihr gewölbter Bauch, ihre gewellten, höckerigen Schenkel, ihr krauser, löwenzahnartiger Haarschopf" - wenn Beschreibungen töten könnten, hätte der künftige Nobelpreisträger noch mehr Zeit in Haft verbracht. Wie angenehm sich dagegen die "disziplinierte Gepflegtheit" des Körpers des männlichen Expeditionsmitglieds ausnimmt.

"Er hatte schräg geschnittenes Haar in der Farbe von Knochenmark, ein einfältiges Lächeln und riesige, teigige Hände, jeder Finger für sich hefig wie ein Brötchen."

Perina, das wird bald deutlich, nützt seine Arbeit im Feld gerne auch für sexuelle Beutezüge unter Knaben. Yanagihara mutet ihren Lesern mit ihrer übergriffigen und selbstherrlichen Hauptfigur einiges zu, trotzdem aber bleibt der (größere) Teil des Buches, der auf den fernen Inseln spielt, eine packende Lektüre. Die Fabulierlust der Autorin und die Exuberanz der tropischen Natur treiben sich gegenseitig voran und erzeugen Eindrücke und Bilder von großer Dringlichkeit. Kein Wunder, denn Doktor Perina scheint im tiefsten Dschungel die Lösung eines Welträtsels zu gelingen. Ewiges Leben ist möglich, jedenfalls bei richtiger (wenn auch einseitiger) Ernährung, nur leider zu einem hohen Preis. Der Tod ist ausgesetzt, während der Geist verfällt. Der alte Menschheitstraum kehrt wieder als böse "Parodie der Unsterblichkeit".

Das wäre genug Stoff und Gewicht für mehr als einen Roman, aber Yanagihara will weiter, stets dabei dem abschüssigen Lebenslauf ihres Anti-Helden auf der Spur. Dessen ständiger Begleiter, nachdem er sich mit der Welt oder sie sich mit ihm entzweit hat, bleibt der Ekel. Woher kommt der überbordende Abscheu vor allem Lebendigen, sich selbst eingeschlossen, wie er etwa den alten Mann beim Anblick eines Fotos befällt, das ihn zeigt: "Er hatte schräg geschnittenes Haar in der Farbe von Knochenmark, ein einfältiges Lächeln und riesige, teigige Hände, jeder Finger für sich hefig wie ein Brötchen." Teigig und hefig auch der übrige Körper, "als wäre ich aus einem weichen Klotz schwitzenden Schmalzes modelliert worden".

Am eigenen Körper erlebt der alte Perina denselben blühenden Ekel vor allem, was wuchert und quillt, wie er ihn früher angesichts der tropischen Biomasse überkommen hatte. Das ist eindrucksvoll, schauerlich und geradezu wollüstig in Wörter gesetzt, aber man versteht Yanagiharas Motive dennoch nicht ganz. Heilloser und zugleich üppiger ist die Natur, ob Menschennatur, Pflanzennatur, Tiernatur, selten einmal literarisch bebildert worden als hier.

Das ist unheimlich und faszinierend, und bleibt zugleich doch gänzlich in der Immanenz dieser einen, untypischen, ausgefallenen Biografie stecken. Fast gewinnt man den Eindruck, die Autorin habe in ihrem Erstlingsroman vor allem ihr offenkundiges Erzähltalent ausprobieren wollen. Das Ergebnis, nur teilweise gelungen, lässt ihre Leser so mitgenommen wie ratlos zurück.

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2019. 478 S., 25 Euro