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Günter Grass:Jetzt! Und immerdar

Ausgerechnet "Vonne Endlichkait" sollte das nächste Buch von Günter Grass heißen. Es wird im Sommer erscheinen. Aktuell aber sorgt das letzte Interview des Nobelpreisträgers für Gesprächsstoff...

Ausgerechnet "Vonne Endlichkait" sollte das nächste Buch von Günter Grass heißen. Der Band, an dem Grass bis kurz vor seinem Tod arbeitete, vereint Kurzprosa, Gedichte und Zeichnungen des Autors. "Wir haben das Buch in der letzten Woche buchstäblich fertig gemacht, es ist druckreif", sagte sein Verleger Gerhard Steidl am Montag. Im Ankündigungstext des Verlages heißt es über den gut 180-seitigen Miniaturen-Band, der im Sommer erscheinen soll: "Allen Zumutungen des Alterns und der ,Endlichkait' zum Trotz, plötzlich erscheint erneut fast alles möglich: Liebesbriefe, Selbstgespräche, Eifersuchtsdramen, Schwanengesänge." Eigentlich wollte Grass am 12. Juni bei der Eröffnung des Grass-Archivs in Göttingen das erste Mal Texte aus dem Buch vorstellen. Die Lesung werde nun jemand anderes übernehmen, so Steidl. Wie der Leiter des Lübecker Günter-Grass-Hauses, Jörg-Philipp Thomsa, am Dienstag mitteilte, soll außerdem Anfang Mai eine Gedenkfeier für den Schriftsteller im Lübecker Theater stattfinden.

Derweil sorgt Grass posthum nochmal mit seinen politischen Verlautbarungen für Gesprächsstoff. Am Dienstag veröffentlichte die spanische Zeitung El País ein Interview mit dem Nobelpreisträger, das am 21. März in Lübeck geführt worden war. Das aktuelle Weltgeschehen analysiert Grass darin mit tiefer Skepsis: Angesichts der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen - in der Ukraine, im Irak und in Syrien, im Konflikt zwischen Israel und Palästina - warnt Grass vor einem "dritten großen Krieg". Auch das Verhalten der EU im Russland-Konflikt sieht Grass kritisch. Nach dem Ende der Sowjetunion habe es "keine ernsthaften Versuche" gegeben, Russland in die Gründung einer neuen Sicherheitsallianz miteinzubeziehen. "Der Ukraine wird ein Beitritt in die EU und danach in die Nato versprochen, da ist es nur logisch, dass ein Land wie Russland nervös reagiert", so Grass im Interview.

Harsche Worte, die Grass zu Lebzeiten wohl harsche Kritik eingebracht hätten. So scheint es angebrachter, es bei der an Selbstzweifeln nicht armen Selbstbeschreibung des großen Polemikers Grass zu belassen, die in "Vonne Endlichkait" zu finden sein wird: "Schamlos das Tier von der Leine lassen. Zielstrebig in die Irre gehen. Unter gestrichelten Schatten Zuflucht suchen. Jetzt sagen!"

© SZ vom 15.04.2015

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