Großformat Die größte kleine Insel

St. Kilda, Süd-Thule, die Bäreninsel - alle hatten Platz in Judith Schalanskys Atlas. Nur Guadalupe nicht. Jetzt kommt auch diese zu ihrem Recht.

Von Lothar Müller

St. Kilda, Süd-Thule, die Bäreninsel - alle hatten Platz in Judith Schalanskys Insel-Atlas. Nur Guadalupe nicht. Jetzt kommt auch diese zu ihrem Recht.

Das erste Buch der Schriftstellerin Judith Schalansky war kein Roman und kein Erzählungsband. Es war ein Kompendium, die Liebeserklärung einer Typografin an die "gebrochenen Schriften" unter dem Titel "Fraktur mon Amour" (2006). Die Autorin hatte es selbst gestaltet und gesetzt. So hielt sie es bisher bei allen ihren Büchern, auch beim "Atlas der abgelegenen Inseln" (2009), einem der heimlichen Longseller der deutschen Gegenwartsliteratur. Mit feinem Strich zeichnete sie Süd-Thule und die Himmelfahrtsinsel, St. Kilda, die Bäreninsel und viele andere. Gebirgszüge und Gipfel versah sie mit Höhenangaben, Buchten und Siedlungen mit ihren Namen, zudem enthielt der Atlas Angaben zum Längen- und Breitengrad, Entfernungs- und Datenleisten, die Ersterwähnungen der Inseln und bemerkenswerte Ereignisse verzeichneten, die auf ihnen stattgefunden hatten.

Alle diese Inseln gibt es auch in der Wirklichkeit. Aber in den Atlanten führen viele von ihnen ein Schattendasein, sie sind zu weit von ihrem Mutterland entfernt, um auf den nationalen Karten erfasst werden zu können, und werden deshalb meist in gerahmten Kästen irgendwo am Rand einer Seite platziert. In Judith Schalanskys Atlas ist es umgekehrt, hier stehen die Inseln im Zentrum, das Mutterland scheint ihnen abhandengekommen zu sein. Jede beansprucht eine ganze Buchseite, jeweils die rechte, die linke ist den Texten vorbehalten, Chroniken, Anekdoten von Entdeckern, Untergehern und Verbannten. Das Vorwort beginnt so: "Ich bin mit dem Atlas groß geworden. Und als Atlas-Kind war ich natürlich nie im Ausland." Judith Schalansky wurde 1980 geboren, in ihrem literarischen Debüt "Blau steht dir nicht. Matrosenroman" (2008) erzählt sie von ihrer Kindheit in einem nicht sehr reisefreundlichen Land.

Guadalupe hat es in den Atlas nicht geschafft. Nicht, weil diese Insel westlich der mexikanischen Baja California zu wenig abgelegen war, sondern aus Gründen der Buchgestaltung. Alle Inseln zeigt der Atlas im selben Maßstab. Diese erwies sich als zu groß, um auf die Buchseite zu passen. Mit ihrer Legende wird sie hier erstmals publiziert.