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Graphic Novel:Schlüssel zur Menschlichkeit

Wenn alles verloren ist, bleibt nur die Ethik: In der postapokalyptischen Graphic Novel "Die Welt der Söhne" des italienischen Autors Gipi suchen zwei Brüder nach dem Sinn des Ganzen.

Von Thomas von Steinaecker

Marodierende Banden! Entvölkerte, verseuchte Landschaften! Apokalypse jetzt! Obwohl das Inventar von dystopischen Erzählungen überschaubar ist, hält ihre Popularität unvermindert an. So wird man, möchte man in der Zukunft uns Heutige über unsere Vorlieben definieren, nicht umhinkommen, neben der Begeisterung für Koch- und Talkshows, Ökoprodukte und Smartphones auch unsere neu erwachte Lust am Untergang näher zu untersuchen. Gilt doch nach wie vor der Satz: Gelungene Science-Fiction ist der beste Spiegel der Gegenwart. In der Zuspitzung erscheinen in diesem Genre die Gefühlslagen und Ideengebäude einer Epoche griffiger als in vielen anderen, man denke nur an "1984" oder "Schöne neue Welt".

Nahm man jedoch an, die Zukunft könne eigentlich nicht schwärzer werden als in diesen Werken, dann wurde man in den vergangenen Jahren eines Besseren belehrt. Gerade im Vergleich zu solchen Staatsdystopien zeichnet die aktuellen Postapokalypsen aus, dass es in ihnen überhaupt keine ideologischen Systeme mehr gibt, vor denen gewarnt werden könnte. In der Postapokalypse ist alles immer schon zu spät. Jede Form von Staat, ja, die Zivilisation an sich ist längst Vergangenheit. Es geht nur mehr um eines: das nackte Überleben.

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Nach dem Tod des Vaters sind die Söhne auf sich allein gestellt. Der italienische Zeichner Gipi hat in seiner neuen Graphic Novel seine poetischen Aquarelle – bislang sein Markenzeichen – zugunsten von fein gestrichelten Schwarz-Weiß-Zeichnungen aufgegeben. Die Welt der Söhne ist düster erbarmungslos. Abb.: Gipi/Avant verlag

Erstaunlicherweise macht allerdings gerade diese an Simplizität kaum zu überbietende Ausgangssituation viele Postapokalypsen als Fragen nach den letzten Dingen zu eminent philosophischen, ja ethischen Gedankenexperimenten. Gibt es vielleicht doch etwas außer dem eigenen Leben, das es zu verteidigen lohnt? Und warum?

Jugendliche weiße Männer in ärmlichen Milieus, die sich gegenseitig anschweigen

Das Werk Gipis, eine der wichtigsten Stimmen Italiens im internationalen Graphic-Novel-Bereich, stand schon immer im Zeichen der Apokalypse - bezeichnenderweise beschränkt er sich hierbei aber nicht auf die Zukunft.

Ob sich der Vater des Autors in "S." an seine Jugend im Zweiten Weltkrieg erinnert, ob in "5 Songs" eine junge Band ihren Traum vom Rockstar-Leben zu verwirklichen versucht oder ob sich in "Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte" drei Freunde vor dem Hintergrund eines fiktiven Krieges als Kriminelle durchschlagen - immer geht es um jugendliche weiße Männer in ärmlichen Milieus, in denen die zwischenmenschliche Kälte genauso groß ist wie die sprachlose Sehnsucht nach ihrer Überwindung.

Gipi: Die Welt der Söhne. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Avant Verlag, Berlin 2018. 288 Seiten, 30 Euro.

Und obwohl Gipis aktuelles Buch eine Fortschreibung dieses Projektes ist - so konsequent in seiner körperlichen und emotionalen Brutalität wie hier war er noch nie. Dazu passt, dass er eines seiner Markenzeichen, seine poetisch verschwommenen Aquarelle, zugunsten feinstrichiger Schwarz-Weiß-Zeichnungen aufgegeben hat.

Warum zum Beispiel soll man den Händler nicht einfach überfallen und töten?

Schwarz, entvölkert und erbarmungslos ist diese Welt: Auf einem Schiff in einer weitverzweigten Seenlandschaft wohnt ein wortkarger Vater mit seinen beiden Söhnen. Er führt ein strenges Regiment, gegen das die Jugendlichen immer offener aufbegehren. Warum etwa soll man die halb verwesten Toten, auf die sie auf ihren Erkundungstouren stoßen, begraben und nicht bestehlen? Ja, ist das überhaupt "Stehlen"? Warum soll man den miesepetrigen Händler Arigo, der tief im Schilf wohnt, nicht einfach überfallen und töten? Und warum darf man den See nicht verlassen? Bald erfahren wir den Grund für die auffallende Herzlosigkeit des Vaters gegenüber seinen Kindern: Er will sie abhärten, oder, wie er gegenüber seiner geheimnisvollen Freundin, die "Hexe" genannt wird und am Ufer lebt, sagt: "Keine Zärtlichkeit. Sie müssen hart sein. Stärker als wir."

Doch alles ändert sich, als der Vater eines Nachts nicht mehr aufwacht. Die Söhne sind endlich frei zu tun, was sie wollen - wäre da nicht eine Sache. Ihr Vater schrieb jeden Abend stundenlang in ein Heft, das nun zwar vor ihnen liegt, dessen Schrift für sie, die Analphabeten, aber nicht zu entziffern ist.

So wollen sie nicht nur die Welt jenseits des Teichs erkunden; sie müssen jemanden finden, der lesen kann und ihnen somit etwas über den Vater offenbart, von dem sie ahnen, dass es entscheidend für ihr Leben ist. Und natürlich dauert es nicht lange, da begegnen die beiden all den perversen Auswüchsen, die in postapokalyptischen Abenteuern dieser Art eben so auf die armen Protagonisten lauern: von den widerlichen Großkopfzwillingen (nomen est omen), eine Art sadistische Teletubbys, die sich in einer schwer erträglichen Babysprache unterhalten, bis hin zu einer perversen Sex-Sekte, die auf einem alten Fabrikgelände dem "geilen Gott" Opfer darbringt.

Wir befinden uns mitten im hinlänglich bekannten postapokalyptischen Terrain: der Todesmarsch oberflächlich abgestumpfter, aber im Herzen sensibel gebliebener Protagonisten auf der Suche nach dem Sinn dieses Scheißlebens. Und doch gelingt es Gipi auf bemerkenswerte Weise, dem bekannten Genre faszinierende Facetten abzugewinnen.

Nicht so sehr, weil er sein Handwerk ganz offensichtlich vollendet beherrscht, die Handlung geradezu lehrbuchhaft mit langsamen Steigerungen äußerst effektvoll vorantreibt und in einen klassischen Action-Showdown münden lässt; auch nicht, weil Gipi einfach ein grandioser Zeichner ist, dessen einzigartiger zwischen Abstraktion und Anschaulichkeit changierender Stil perfekt zu den leeren Landschaften passt. Nein: Gipi riskiert es, auf ganzen zehn Seiten Ausschnitte aus dem Tagebuch des Vaters, dem Dreh- und Angelpunkt des Buches, zu zeigen: unleserliche, absurde Fremdkörper der Kultur. Und doch enthalten sie für die Kinder den Schlüssel zum Menschsein, wenn sich am Ende Rebusse in Wörter verwandeln. Das macht das Buch zu einer ebenso unaufdringlichen wie zwingenden Meditation über das Text-Bild-Verhältnis und "Die Welt der Söhne" zu einem in seiner brutalen Konsequenz schwer erträglichen, aber brillant gezeichneten und vor allem zutiefst berührenden Comic.

© SZ vom 19.06.2018
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