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Grammy-Verleihung:Wir kommen in Frieden, aber meinen es ernst

Politisch aufgeladen: Wie im New Yorker Madison Square Garden zum 60. Mal die wichtigsten Popmusik-Preise der Welt verliehen wurden - unter anderem mit einer Lesung von Hillary Clinton.

Die große Gala zur Verleihung der Grammy Awards, der wichtigsten Popmusik-Preise der Welt, hatte es in sich: Kendrick Lamar eröffnete die 60. Grammy-Verleihung im Madison Square Garden in New York mit einem politisch aufgeladenen Auftritt und forderte am Ende sogar seinen musikalischen Rivalen Jay-Z als kommenden amerikanischen Präsidenten. Die Sängerin Kesha weinte, während sie ihre Ballade "Praying", in der es um sexuelle Gewalt, Rache und Vergebung geht, an ihrer Seite waren dabei Cyndi Lauper, Camila Cabello und Julia Michaels. Und die Countrysänger Eric Church, Maren Morris und Brothers Osborne gedachten mit einer Version von Claptons "Tears In Heaven" der Opfer des Massakers in Las Vegas.

Dass Hillary Clinton aus dem Enthüllungsbuch "Fire and Fury: Inside the Trump White House" vorlas und sich damit augenzwinkernd um einen Preis bei der nächsten Veranstaltung bewarb, war dagegen eher eine nicht so gute Idee.

"Gesegnet seien die Rabauken. Mögen sie einst von ihresgleichen gerichtet werden."

Es stellt sich ja bei Preisverleihungen immer die Frage, ob man nicht vielleicht doch etwas wirklich Aufregendes bekommt. Also ein bisschen mehr als stolze Preisträger und Antworten auf die Frage, wer besonders schön gesungen (diesmal zum Beispiel Lady Gaga oder Sam Smith) oder wer auf dem roten Teppich das schickste Outfit präsentierte (in diesem Jahr eindeutig Elton John). Es darf allerdings auch nicht allzu bedeutungsschwer dahergeredet werden, wie es die Gewinner der Oscars immer wieder gerne tun, obwohl sie nicht viel zu sagen haben - was dann entweder ein kleines bisschen verlogen wirkt oder völlig daneben. Es ist eben doch nur ein Abend der Unterhaltungsbranche.

60th Annual Grammy Awards âē Show âē New York

Acht Nominierungen, kein Preis, aber ein Triumph: Rap-Superstar Kendrick Lamar bei seinem Grammy-Auftritt am Sonntagabend in New York.

(Foto: Lucas Jackson/Reuters)

Was bedeutet es also, wenn Nikki Haley, von Trump ernannte amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, nach der Veranstaltung beim Kurznachrichtendienst Twitter schreibt: "Ich habe die Grammy-Verleihung immer geliebt, aber Künstler aus "Fire and Fury" vorlesen zu lassen, hat es für mich kaputt gemacht. Zerstöre großartige Musik nicht mit Müll. Einige von uns mögen Musik, ohne dass es politisch werden muss."

Nicht nur Clinton hat aus dem Buch gelesen, sondern auch einige der bekanntesten Musikstars der Welt stellten den Präsidenten in dem Einspieler gegen Ende des Abends bloß. John Legend lästerte über die kurze Aufmerksamkeitsspanne von Trump, Cher über seine Frisur, Snoop Dogg über die Amtseinführung. Cardi B unterbrach sich sogar und sagte: "Warum muss ich diesen Mist lesen?" Es war ein Frontalangriff auf Trump, der überhaupt nicht nötig gewesen wäre, weil die Musiker ihre Botschaften bis dahin subtiler, aber wirksamer untergebracht hatten.

Zum Beispiel U2. Die irische Rockband beteiligte sich am eindrucksvollen Auftritt von Lamar mit dem gemeinsamen Lied "American Soul" und der Zeile: "Dieses Land ist kein Ort, es ist ein Geräusch." Später waren U2 unter der Freiheitsstatue zu sehen (der Auftritt war zwei Tage zuvor aufgezeichnet worden), Sänger Bono hielt ein Megafon in den Farben der amerikanischen Flagge in der Hand und sang eine Hymne auf die Immigranten: "Das Gesicht der Freiheit beginnt zu bröckeln. Sie hatte einen Plan, bevor ihr ins Gesicht geschlagen wurde." Am Ende rief er: "Gesegnet seien die Rabauken. Mögen sie eines Tages von ihresgleichen zur Rechenschaft gezogen werden."

Oder all die Frauen, Lady Gaga, Kesha oder Kelly Clarkson, die eine weiße Rose trugen als Symbol der Unterstützung für die Initiative "Time's Up", die sich gegen sexuelle Gewalt und für Gleichberechtigung einsetzt. Die Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe sagte: "Wir kommen in Frieden, aber wir meinen es ernst. Es geht nicht nur um Hollywood, es geht nicht nur um Washington. Wir haben die Macht, die Gesellschaft zu verändern - und wir haben die Möglichkeit, eine Kultur zu stürzen, die uns nicht guttut."

Oder Camila Cabello. Die mexikanisch-kubanische Sängerin hielt eine berührende Rede auf jene sogenannten Dreamers, deren Einwanderungsstatus Präsident Trump als Verhandlungspfand für die Finanzierung der Mauer an der amerikanisch-mexikanischen Grenze verwendet: "Meine Eltern haben mich in dieses Land gebracht mit nichts in ihren Taschen außer Hoffnung. Diese Kinder dürfen nicht vergessen werden, sie sind es wert, dass man um sie kämpft."

Allein was die Preis-Entscheidungen betrifft, war man am Ende etwas enttäuscht. Mit Bruno Mars gewann ein würdiger, wenn auch etwas langweiliger und wieder einmal männlicher Popsänger alle wichtigen Grammys, also den für das Album ("24K Magic"), den Song und die Aufnahme des Jahres ("That's What I Like"). Immerhin die viertwichtigste Kategorie ging an eine Frau: Den Grammy für die beste Newcomerin bekam die kanadische Sängerin Alessia Cara.

© SZ vom 30.01.2018
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