Slowenische Literatur Schlaflos in Ljubljana

Der Feigenbaum widersetzt sich den nationalistischen Narrheiten, die alle Menschen ergreifen: Goran Vojnović erzählt eine weitverzweigte Familiengeschichte.

Von Volker Breidecker

In den Städten und Provinzen des zerfallenen Vielvölkerstaats Jugoslawien wird noch immer "naški" gesprochen, ein allverständlicher Slang, eine grenzüberschreitend improvisierte Behelfssprache aus der Vereinigung slowenischer, kroatischer, serbischer, bosnischer, montenegrinischer Elemente mit dialektalen Varianten. Auf Deutsch würde "naški" so viel wie "unsrich" bedeuten.

"Čefur" ist ein rüdes "naški"-Wort in der Bedeutung von "Kanake". Geschmäht werden damit Einwanderer, Migranten. Woher sie stammen, spielt keine Rolle, solange sie nur von woanders, von irgendwoher "da unten" kommen. Da oder "dort unten" soll der "Balkan" liegen, und tatsächlich lassen die Bewohner Mitteleuropas, je weiter man nach Norden kommt, den "Balkan" oder den "Süden" gewöhnlich schon da beginnen, wo er noch lange nicht ist.

Allein unter ex-jugoslawischen Rappern wird der Soziotypus "Čefur" geadelt: "Kanaken", merkwürdige Hybride, sind wir schließlich alle. Gleichwohl wird im slowenischen Norden der Halbinsel der nächstbenachbarte Südeuropäer als "Balkanese" oder "Bosniake" tituliert und als "Čefur" beschimpft.

"Čefuri raus!" ist der Titel des Romandebüts, mit dem der 1980 in Ljubljana geborene Autor und Regisseur Goran Vojnović in die erste Liga slowenischer Schriftsteller fand, die sich wie Boris Pahor, Drago Jančar, Florjan Lipuš oder Aleš Šteger mit dem Schlüsselthema der Region befassen: dem Schicksal von Binnenmigranten und ethnischen Minoritäten unter den unbewältigten Hinterlassenschaften von Krieg und Bürgerkrieg. Vojnović' zweiter Roman "Vaters Land" (Deutsch 2016) erzählte von der Suche eines Nachgeborenen nach dem verschollenen Vater, einem vormaligen Offizier der jugoslawischen Bundesarmee, der wegen begangener Kriegsverbrechen untergetaucht war.

Auch in seinem Roman "Unter dem Feigenbaum", von Klaus Detlef Olof flüssig übersetzt, zertrümmert Vojnović wieder die nationalistische Legende vermeintlich homogener ethnischer Identitäten und strikt verschiedener Volks- und Sprachgruppen. Diesmal aber erweitert er das Feld um die tabuisierten Zonen von Familienbanden, wie sie in der Abfolge gleich mehrerer Generationen geknüpft und gelöst wurden.

Eine Familiensaga mit solch divergenten Schicksalen verträgt kein lineares Erzählen. Mit enormer Vielstimmigkeit hat der Autor sich auf eine hochkomplexe epische Form eingelassen, die geradezu mimetisch die changierenden Muster jener Flickenteppiche reproduziert, welche die Landschaften des zerborstenen multiethnischen Gebildes namens Jugoslawien prägten und deren Mosaik von Ort zu Ort anders zusammengesetzt war. Nostalgie nach dem verflossenen Einheitsstaat ist dennoch nicht Vojnović' Sache; sein Anliegen ist die Wiedereinholung von Gedächtnisverlusten.

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Das Haus des aus Ljubljana nach Istrien verzogenen Großvaters wurde mitten auf der heutigen kroatisch-slowenischen Grenze errichtet, auch der Hausherr, Aleksandr Dordević, stand schon immer auf beiden Seiten vorhandener Grenzen: Im serbischen Novi Sad von einem verschollenen Ukrainer gezeugt, wird er von einer jüdischen Mutter geboren. Ester Aljehin heiratet einen serbischen Zahnarzt namens Dordević bloß, um ihren angstbesetzten jüdischen Namen ablegen und mit ihrem Kind vor den deutschen Besatzern und der kroatisch-faschistischen Ustascha unter das mildere Regime des italienisch-faschistisch besetzten Laibachs zu fliehen, wo sie vor Angst stirbt, als die Deutschen im Jahr 1944 auch dort ihre Gewaltherrschaft errichten.

Als gebranntes jüdisches Kind mit serbischem Namen weigert sich Aleksandr in der Nachkriegszeit, das ihm zugewiesene Haus in Istrien zu beziehen, dessen vormals italienische Bewohner daraus vertrieben worden waren, und baut sich lieber sein eigenes Haus an der Grenze. Ganz sesshaft vermag auch er nicht zu werden, noch weniger aber sein Schwiegersohn, ein bosnischer "Čefur": Safet Dizdar hatte es nach der slowenischen Sezession unterlassen, sich dort neu einbürgern zu lassen. Der Deportation kommt er zuvor, indem er bei Beginn des Bosnienkriegs Frau und Kind verlässt, um in seine Heimatstadt Bosanska Otoka zurückzukehren, wo - außer einem leeren Haus - nichts und niemand mehr auf ihn wartet.

Nach Kriegsende bricht auch der Sohn dahin auf. Eingeheiratet in eine Familie aus der postsozialistischen Nomenklatura, erfährt auch er seinen bosnischen Namen als Stigma, fühlt sich verlassen und wird es auch. Seinen Vater findet er wieder, aber als einen Fremden, der fremd auch für seine slowenische Frau geworden ist.

Am Ende behauptet auf dem istrischen Flecken des verstorbenen Großvaters nur ein Feigenbaum seine überkommene Gestalt. In seinem Schatten versammelt sich die versprengte Familie zu Hochzeiten und Beerdigungen. Allein der Feigenbaum, heißt es, habe "sich der Narrheit widersetzt, die in wenigen Jahren alles verändert hatte, von der Landschaft bis zu den Menschen. Vor allem die Menschen."

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Souverän hält Vojnović die verzweigten Fäden seines Romangewebes zusammen und meistert dies sprachlich mit verblüffender Sensibilität und Sensitivität. Die Balance der unterschiedlichen Stimmlagen und Stilhöhen gelingt ihm zwar nicht immer mit derselben Intensität. An Stellen, die einen nicht wirklich romanadäquaten Kammerspielton anschlagen, spürt man doch etwas zu deutlich die Verbundenheit des Autors mit der Sprechbühne. Doch dann werden solche melodischen Störungen wieder aufgewogen durch famose innere Monologe, die - ohne dass man beim Lesen ins Stocken geriete - die Beschreibung einer Empfindung oder die Schilderung eines Liebesakts in einem einzigen gelungenen Satz über eine ganze Seitenlänge ausbreiten.

Und es finden sich wunderbar erfühlte Gedanken, mit denen Jadran Dizdar, der Ich-Erzähler, der seiner Heimatstadt Ljubljana immer auch als Fremdling begegnet, sich zum Beispiel fragt, "was das Fehlen von Lächeln über eine Stadt und ihre Menschen aussagt". Man wagte es kaum, einmal so auch über deutsche Städte und ihre Bewohner nachzudenken. Vielleicht sind die Deutschen noch keine "Čefuri" genug.