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Gitarren-Doku:Holz aus Gold

Jim Jarmusch (rechts) beim Gitarrenshoppen in New York.

(Foto: Real Fiction)

Der Dokumentarfilm "Carmine Street Guitars" porträtiert einen legendären Gitarrenladen im Greenwich Village in New York, in dem viele Prominente ihre Instrumente kaufen.

Von Wolfgang Luef

Jemanden wie ihren Chef Rick habe sie noch nie getroffen, sagt die 25-jährige Cindy Hulej, Auszubildende in der New Yorker Gitarrenwerkstatt "Carmine Street Guitars" im Greenwich Village in New York. Kein Handy, nicht mal einen Internetanschluss habe er zu Hause. Sie schüttelt den Kopf, während sie das Foto einer Gitarre, die Rick gebaut hat, auf Instagram postet, Hashtag #guitarporn, Gitarren-Porno. Rick steht unbewegt am anderen Ende der kleinen Werkstatt, schweigend, vertieft in seine Arbeit, wie jeden Tag. "Du musst mal im 21. Jahrhundert ankommen", ruft Cindy ihrem Chef zu. Der hebt die Gitarre hoch, die er gerade frisch bespannt hat, mustert sie im Gegenlicht und fragt nur: "Warum?"

Es gibt wenig im 21. Jahrhundert, das Rick Kelly interessiert. Im Gegenteil wirkt der Erfolg dieses Mannes wie eine Antithese zur schnelllebigen Gegenwart. "Fast niemand arbeitet mehr wie ich", sagt Kelly in der Dokumentation "Carmine Street Guitars". Rick Kelly baut Gitarren im Design der Fünfzigerjahre und benutzt dafür altes Holz aus New Yorker Abrisshäusern. Von der Auswahl der Holzbalken bis zur letzten Schraube macht er fast alles selbst. Auf den Gitarren von Kelly haben bereits Lou Reed, Bob Dylan und Patti Smith gespielt. Die Doku von Ron Mann über diesen Ort macht den Eindruck, als habe jemand einfach an fünf beliebigen Wochentagen ein paar Kameras in den Laden gestellt und das aufgenommen, was ohnehin passiert wäre: Kunden kommen herein, lassen sich ein Instrument zeigen, spielen ein paar Takte, erzählen. Wenn gerade niemand da ist, zieht sich Kelly in seine Werkstatt zurück, klopft, sägt, hobelt, schleift und schraubt. Der Film vermittelt eine ähnlich meditative Ruhe wie sein Protagonist. Die Musik tritt so fast in den Hintergrund, was dem Film nicht schadet.

Eine Gitarre baut er aus einem zerkratzten Tresen aus New Yorks ältestem Pub

Denn Ron Mann möchte seine Zuschauer nicht davon überzeugen, dass die Carmine-Street-Gitarren besser klingen als andere High-End-Gitarren. Im Film geht es - genau wie in Rick Kellys Geschäft - um andere Dinge: um die Begeisterung für das liebevolle Handwerk in einer Welt, in der immer mehr Arbeit von Maschinen übernommen wird; um die eingeschworene Gemeinschaft seiner Kunden, während sonst jeder im Internet bestellt; um die Erinnerungen, die von der Musik geweckt werden, und um die Geschichten, welche die Instrumente erzählen.

Rick stellt jedem seiner Kunden Fragen, etwa dem Regisseur Jim Jarmusch, Bandmitgliedern von Wilco und The Kills: "Was war deine erste Gitarre?", "Mit welchem Lied hast du spielen gelernt?". Im Gegenzug erzählt Rick selbst ein paar Geschichten aus der guten alten Zeit, in der das Greenwich Village noch den Folkies und Beatniks gehörte und Jimmy Hendrix unter seinem damaligen Bühnennamen Jimmy James hier um die Ecke auftrat. Jede der Gitarren hat bereits eine Geschichte, noch bevor jemand auf ihr spielt. Eine ist aus dem Holz eines Hotels an der Bowery-Straße, Baujahr 1865, eine andere stammt aus einem früheren Bordell, eine dritte ist aus den Überresten einer serbisch-orthodoxen Kirche. Über die Jahre verschwindet das Harz aus dem Holz, erklärt er, es entstehen winzige Hohlräume, ideal für Schall und Vibration. "Altes Holz ist wie Gold", sagt Kelly, "man kann es nicht herstellen, man muss es suchen."

Einmal pilgert er zum ältesten Pub New Yorks, dem McSorley's Old Ale House von 1854, wo er ein Stück Holz aus einem Tresen besorgt. Er baut daraus eine Gitarre im legendären Telecaster-Design von Leo Fender. Am ganzen Körper hat sie abgeschlagene Stellen und krakelige Schnitzereien, die Kunden im Pub hinterlassen haben. Bevor das Stück ins Schaufenster kommt, macht die Auszubildende ein Foto für Instagram, Hashtag #soakedinale, getränkt in Bier.

Carmine Street Guitars, USA 2019 - Regie: Ron Mann. Buch: Len Blum. Real Fiction, 80 Minuten.

© SZ vom 31.08.2019

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