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Gespräche:Das bernsteinfarbene Licht und die BundesApp

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Alexander Kluge trifft Ferdinand von Schirach, den Strafverteidiger und Schriftsteller, zu einem Gespräch über Volkssouveränität, die Kälte des Kosmos und Gründe für Herzenswärme.

Von Fritz Göttler

Er gehört noch zu einer Wunderkammer-Generation, einer der letzten. Ferdinand von Schirach ist aufgewachsen mit der "unerklärlichen Fülle der Welt", in einem Eltern- und Großelternhaus, das mit nachgerade grotesker Neugier Sammelstücke von überall unter seinem Dach zusammenbrachte. "In der Eingangshalle standen Schirmständer aus Elefantenfüßen, mittelalterliche Saufedern hingen an der Wand, zwei ausgestopfte Krokodile lagen im Flur des ersten Stocks, ineinander verbissen, eines hatte ein Glasauge verloren, dem anderen fehlte ein Teil des Schwanzes ...".

Alexander Kluges Wunderkammern sind dagegen imaginär, er bestückt seine unerschöpflichen Diskurse - im TV, in Begegnungen, Büchern, Chroniken - mit Gelesenem und Geschautem, Geschichten und Fakten aus aller Welt, allen Wissenschaften, allen Zeiten. Manchmal lässt er sein Gesprächsgegenüber auflaufen mit seiner kundigen Belesenheit. Anselm Kiefer etwa, der plastische Künstler, der wie ein monolithischer Klotz wirkt, kommt in den Gesprächen (auf der Doppel-DVD "Der mit den Bildern tanzt/Dancing with Pictures", filmedition suhrkamp) mit Kluges Dialektik gar nicht zurecht.

Ferdinand von Schirach, der ein Strafverteidiger und ein Erzähler ist (und dem beide Professionen eng verwandt vorkommen), hat da keine Probleme, er ist dem Gedankenspringer Kluge ebenbürtig, und der kommt auch, selber ein Jurist, mit Schirach gut aus. Sie fordern sich gegenseitig. "Die Herzlichkeit der Vernunft" heißt das gemeinsame Gesprächsbuch, das versucht, die beiden Begriffe miteinander zu amalgamieren. Es beginnt mit Sokrates und Voltaire, zwei großen Figuren der Aufklärung, da geht es um Beharrlichkeit und um Mut, auch um den Auftritt in der Öffentlichkeit und vertrackte Dialogführung. Ziemlich lehrbuchhaft wird die politische Vernunft durchgenommen - wie funktioniert Gesellschaft, die demokratische zumal, heute zumal, in der digitalen Realität, wie wird Meinung gebildet und welche Rolle bleibt dem Einzelnen dabei. Wer entscheidet über Leben und Tod, wann ist das Zivilisation, Kultur.

Die viel gerühmte athenische Demokratie mit ihren Volksentscheiden ist so einfach nicht auf die moderne Gesellschaft zu übertragen - ein wenig salopp bringt Schirach eine mögliche BundesApp ins Spiel - "der Bürger stimmt abends nach der Tagesschau über die Politik ab".

Ein Kernstück des Gesprächs bildet "Terror", das Stück Schirachs, das einen Prozess simuliert und am Ende die Theaterzuschauer über das Urteil abstimmen lässt. Der Fall eines Piloten wird da verhandelt, der ein Flugzeug, das von Terroristen auf ein voll besetztes Stadion gelenkt wird, abschießt und die Passagiere darin opfert. Das Stück hat heftige Diskussionen ausgelöst, besonders in seiner TV-Version. Der generelle Wille, der spontane Volksentscheid ist im Theater ein Konstrukt. "Das Volk als Souverän war nach langer Dunkelheit eine strahlende, eine ganz und gar menschenfreundliche Idee. Sie ist das Beste, was wir haben ... Rousseau glaubte, der Volkswille würde stets die richtige Entscheidung treffen. Seine Souveränität, schrieb er, könne nicht vertreten werden." Kluge merkt an, pathetisch und lakonisch und also subversiv: "Das Volk muss zu sich kommen."

Rousseau ist nicht wirklich das Ding der beiden, für sie kommt die Logik nicht aus ohne das Imaginäre. "Ich denke an die Menschen, die ich verteidigt habe, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit, und ihr Erschrecken über sich selbst." Ein weiterer Autor drängt sich ein, Heinrich von Kleist, mit seinen Erzählungen - "Der Findling" - und vor allem mit seinen tollen Geschichten aus den Berliner Abendblättern, die kühl und emotional zugleich sind in ihrer Dichte im Detail. Moderne Literatur, erklärt Schirach. "Erkenntnis in der Strafjustiz entsteht nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Zeit, durch viel Zeit. Tatsächlich ist dem Strafverfahren der Begriff das Böse fremd. Dort werden Tat und Täter untersucht, nicht Gut und Böse."

Wichtiger als die Unterscheidung, wer gerade spricht von den beiden, ist es in diesem Buch, die Sprünge zu registrieren, in den einzelnen Gedanken und im Austausch zwischen den beiden Erzählern. Ferdinand von Schirach erzählt Kluge von Voyager 1, die 1977 startete, die erste Sonde, die unser Sonnensystem verließ. 1990 schickte sie letzte Fotos zur Erde, sechs oder sieben Milliarden Kilometer entfernt, Bilder von unserem Sonnensystem, links unten ein kleiner hellblauer Punkt, nicht mal eine Stecknadel groß. "Das ist die Erde, dort ist alles, was wir waren und was wir sind. Das Foto hängt über meinem Schreibtisch. Wenn Sie es ansehen, wird Ihnen klar, wie verrückt wir sind, dass wir Kriege führen und uns töten."

In der Kälte des Kosmos könnte ein Grund für Herzenswärme liegen

Eine Toleranz, die aus der Kälte kommt, von ganz weit draußen - Kluge liebt diese kosmische Dimension des Denkens, die Versuche, das Weiträumige und Entfernte mit dem Minimalen und Intimen zusammenbringen. "Das ist eine starke Begründung der Toleranz", erwidert er, "die aus der Gravitation des Gefühls entsteht. Wir wohnen auf einem Planeten zusammen. Doch der Kosmos ist kalt und uns gegenüber vermutlich gleichgültig. Das ist der Grund für Herzenswärme."

Beide Gesprächspartner haben Interessantes aus ihrem Leben zu erzählen, die Geschichte ihrer Jugend, ihrer Familie. Einer der Vorfahren von Ferdinand von Schirach - er erträgt den militaristischen Preußenstaat nicht - wandert nach Amerika aus. Ein paar Generationen später die Rückkehr. Der Urgroßvater wird Intendant des Weimarer Theaters, die Urgroßmutter ist aus einer Familie von Plantagenbesitzern in South Carolina. "Sie ist so stolz auf ihre Herkunft, dass sie sich weigert, mit dem Kaiser Deutsch zu sprechen." Und dann der Großvater, Baldur von Schirach, der an vorderster Stelle steht im Nazi-Staat. "Heute gibt es diese Welt meiner Kindheit nicht mehr, die Haushalte wurden aufgelöst, die Häuser und der Park verkauft. Das bernsteinfarbene Licht ist verschwunden. Unsere Zeit scheint weniger geheimnisvoll, aber oft verstehe ich nicht, warum."

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft. Luchterhand Verlag, München 2017. 191 Seiten, 10 Euro. E-Book 9,99 Euro.

© SZ vom 09.01.2018

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