Gesellschaftskritik Das Leben ist ein Rollenspiel

Jörg Bernardy: Mann Frau Mensch – Was macht mich aus? Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2018. 160 Seiten, 16,95 Euro.

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Jörg Bernardy diskutiert die Geschlechterordnung unserer Gesellschaft und stellt viele Fragen an den Leser. Wie sich das Rollenverständnis entwickelt, wie man zu der Person wird, die man ist, und ob man andere Möglichkeiten hat.

Von Hubert Filser

Menschen neigen offenbar dazu, ihre Umgebung in Kategorien einzuteilen. Wir sammeln Dinge, um Ordnung zu schaffen und vergleichen zu können. Dabei machen wir auch vor uns selbst nicht halt. "Frau oder Mann, alt oder jung, dick oder dünn, selbstbewusst oder schüchtern - nach diesen und vielen anderen Merkmalen sortieren wir Personen jeden Tag unbewusst ein", schreibt Jörg Bernardy in seinem neuen Buch "Mann, Frau, Mensch - Was macht mich aus?".

Die Unterscheidung männlich/weiblich funktioniert im Alltag besonders gut, wenn aus äußeren Merkmalen Rollenbilder werden. Hier Tarzan, da Jane, hier Romeo, da Julia, hier muskulöser Mann mit tiefer Stimme, da zierliche, kommunikationsfreudige Frau. "Unsere Kulturgeschichte ist voller Beispiele, in denen männlich und weiblich als Gegenpole dargestellt werden", sagt Bernardy. Mit solchen stereotypen Bildern lassen sich dann zum Beispiel prächtig Frauenmagazine oder tiefergelegte Sportwagen verkaufen.

Bernardy wehrt sich gegen diese allzu simplen Zuordnungen. So könnte man dieses Buch als weiteren Beitrag zur aufgeregten Genderdebatte verstehen, gerichtet an Jugendliche. Doch man spürt beim Lesen sehr schnell, dass es weniger urteilen will, als zum Nachdenken anregen soll. In unaufgeregtem Tonfall beschreibt der in Hamburg lebende Autor und Philosoph seine Beobachtungen und stellt ruhig seine Fragen: Was macht uns aus? Was unterscheidet die Geschlechter eigentlich wirklich? Was würde sich für einen ändern, wenn man zum Beispiel ein anderes Geschlecht hätte? Er beobachtet Situationen dabei ganz nah am Alltag: Wie wirkt zum Beispiel ein Junge, der nach dem Rollerfahren den Helm abnimmt und mitten auf der Straße intensiv seine Haare bürstet und mit Haarspray zurechtstylt?

Wenn man über sich und sein Geschlecht nachdenkt, dann geht es um Freiheit und Spielraum unabhängig von der biologischen Festlegung

Das Buch liest sich in Teilen so, als wäre der Autor mit seinem imaginären Leser im direkten Dialog. Bernardy stellt dabei deutlich mehr Fragen, als er Antworten gibt. Das mag man als unbefriedigend empfinden, es ist aber gleichzeitig angenehm zurückhaltend, denn die Fragen sind gut gestellt. "Es ist kein Ratgeber, der einem sagt, wie man schöner, klüger und erfolgreicher wird. Es geht darum zu verstehen, wodurch man die Person wird, die man ist." Bernardy ist mehr an der Entwicklung unserer Identität interessiert als an der reinen Definition von Geschlechterrollen. Dieser geheimnisvollen Identität spürt er nach, einem "Gefühl, das sich meist gar nicht so richtig oder nur schwer in Worte fassen lässt". Er lotet aus, was uns Menschen prägt, er beschäftigt sich dabei mit Themen wie Image, unserem Körper als Ausdrucksmittel, der Sexualität, dem ausgeprägten menschlichen Schamgefühl, das sich in unserer Kultur sehr schnell in Situationen einstellt, die auf unsere animalische Seite hindeuten, - etwa wenn man stark schwitzt, der Körper riecht, oder schon, wenn wir nur im Supermarkt Dinge kaufen wie Kondome oder Tampons, die auf natürliche Dinge wie Sex oder die Monatsblutung hindeuten. Er analysiert die Rollen, die Jungen und Mädchen schon in jungen Jahren zugewiesen werden, und ob diese wirklich so unabänderlich sind, wie sie oft erscheinen.

Dass das Leben dabei oft wie ein Rollenspiel ist, findet Bernardy gar nicht schlimm. Doch die Rollen können und müssen sich ändern, vor allem da, wo sie Druck auf den Einzelnen ausüben und stark normierend wirken. Solche Geschlechter-Stereotype seien letztlich Verallgemeinerungen und Übertreibungen, die allen Mitgliedern eines Geschlechts die gleichen Merkmale zuschreiben, so Bernardy. "Mögliche Unterschiede zwischen einzelnen Personen werden damit vernachlässigt."

Dagegen wehrt sich der Autor. Stereotype seien zwar per se nichts Schlechtes, aber sie könnten eben auch einschränkend wirken. Und kommt dann zu einem wichtigen Fazit: "Wenn man über sich und sein Geschlecht nachdenkt, dann geht es um Freiheit und Spielraum, unabhängig von der biologischen Festlegung auf ein Geschlecht." Er stellt sich ein deutlich bunteres Bild vor, weshalb Bernardy auch neun Künstlerinnen und Künstler eingeladen hat, in Geschichten und Bildern ihre Gefühle und Beobachtungen zu Mann und Frau darzustellen.

So formt sich ein Buch über Möglichkeiten, darüber, wie und wohin sich Menschen entgegen den gesellschaftlichen Geschlechterstereotypen entwickeln können. Es geht im Kern um innere Fragen: Wo will ich hin, wer kann ich sein? Antworten darauf muss noch immer jeder Einzelne für sich finden. Die Gesellschaft muss es nur möglich machen. (ab 14 Jahre und junge Erwachsene)