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Geschichten über China:Das Geheimnis der Libellen

Mit dem reich illustrierten Band "Peking. Verlorene Stadt" vollendet Rainer Kloubert seine Trilogie über Orte in China: Wieder ist ein Füllhorn voller Geschichten entstanden.

Beginnen wir mit einer Frage aus dem Sommer des Jahres 1689. "Haben die Chinesen", fragte der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz in Rom seinen Gewährsmann, den Jesuitenpater Claudio Filippo Grimaldi, "haben die Chinesen denn besondere, wasser- und feuerfeste Mörtelsorten, die auch dazu geeignet sind, Fischteiche abzudichten und das Wasser zurückzuhalten?"

Der geduldige Pater Grimaldi ging auf die Frage nach den Fischteichen nur sehr allgemein ein. In den Kreisen seines Ordens galt der Missionar, der es in Peking zu höchsten Positionen bringen würde, als Skeptiker. Seine Stärke waren die Astronomie und die Mathematik. Die Berechnung der Bahnen des Jupiters, zum Beispiel. Der Blick auf die großen Zusammenhänge. Fischteiche, dürfen wir annehmen, berührten seine Neugier weniger.

Die Neugier von Leibniz hingegen war ein Allesfresser, die Bewegungen der Himmelskörper erregten ihn genauso wie die Beschaffenheit von Porzellanerde. Der deutsche Philosoph stieg nämlich gern, um ein chinesisches Bild zu bemühen "vom Pferd, um Blumen zu betrachten".

Rainer Kloubert, der 1944 geborene Autor einer großen Trilogie, die nach den Bänden über den Ausflugsort Peitaho und den zerstörten Kaiserpalast Yuanmingyuan jetzt Peking, der "Verlorenen Stadt" gewidmet ist, wäre der Gesprächspartner gewesen, den Leibniz sich erträumt haben mag. Vielleicht weniger, um so fundamentale Fragen zu diskutieren wie den universalen Ursprung aller Sprachen oder die Einordnung chinesischer Götter in den christlichen Heiligenkalender. Doch wäre es um Geistermärkte gegangen, um Beizvögel, um Bettler, Diebe, Schnupftabak, um Lohnköche, Gesandtschaften, Wahrsager, um Insektenbefall und raffiniert gezüchtete Tauben . . .

Klouberts emphatische Zuneigung gehört den Orten der Abgeschiedenheit

Auch um Bordelle? Naturgemäß auch um Bordelle, Teehäuser und Konditoreien. Viele Fragen tauchen auf, die Leibniz, der ein wenig zur Prüderie neigen musste, seinem jesuitischen Gewährsmann nicht einmal auf Latein zu stellen wagte. Kloubert geht literarisch auch gern dorthin, wo sich die Türen nur auf geheime Klopfzeichen öffnen. Und so entsteht ein betörendes Mosaik über das Leben einer glanzvollen Metropole, die vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert wichtige Teile ihres traditionellen Geistes aufzugeben begann.

Der Untertitel "Verlorene Stadt" deutet das Alter der Befunde an: Kloubert erteilt virtuos und geschmackssicher Auskunft über Vergangenes: über Bauwerke und kleinere Artefakte über Gebräuche, Rezepte und andere Techniken, die sich aus der letzten Kaiserzeit bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts retten konnten. Kultur- und Sozialgeschichte werden kunstvoll miteinander verflochten, schon die Beschreibung der Pfandhäuser beschwört Geschichten von Balzacschem Format.

Aber Klouberts emphatische Zuneigung gehört auch den verwunschenen Orten der Abgeschiedenheit, stillen Winkeln, in denen die Tänze von Libellen und das rätselhafte Spiel von Kaulquappen den kontemplativen Blick des Betrachters in Beschlag nehmen. Es geht in aller Regel um Unwiederbringliches.

In vielen Fällen ist das bedauerlich. Den alten Stadtwall von Peking wird niemand wiederaufbauen, Ringautobahnen haben den alten Vierteln ihren Zauber restlos ausgetrieben, die Geschichtenerzähler sind aus den Parks verschwunden, an der Stelle der vielen kleinen Straßenlokale mit Gerichten aus allen Teilen des Reiches haben sich die Niederlassungen weltweit erfolgreich tätiger Imbissketten breitgemacht. Verloren gegangen - und nur in diesem Buch noch erinnert - sind die vielen Künste, der Ente, dem Hammel, dem Krebs, dem Schwein oder dem Karpfen jene kulinarischen Glücksmomente zu entlocken, die Augen, Zunge und manchen Magendarmtrakt gleichermaßen verzückten. Auch nach anmutigen oder störrischen Kamelen, dem früheren Rückgrat des innerstädtischen Transportsystems, sucht der Freund dieser Tiere heute vergebens.

War auch die Luft früher besser als heute? Das hing von den Launen des Wetters, den Sandstürmen aus der Gobi und dem Standpunkt des Betrachters ab. Gekocht wurde meist unter freiem Himmel, vornehmlich auf gepressten Kohlescheiben, deren beißender Rauch sich in den engen kleinen Gassen sehr beharrlich zu halten pflegte. Keine uneingeschränkte Freude für Nase und Atemwege waren auch die Gerüche auf den Märkten der Stadt, in denen frühmorgens all jenes zum Himmel stieg, was beim Schlachten, Häuten, Zerlegen, Anbraten, Ankochen von Speisen olfaktorisch wirksam werden kann.

Rainer Kloubert beschreibt seine Szenarien, auch das macht sein Buch so lesenswert, ohne quengelnde Nostalgie. So war es nun einmal, gewiss, würde er vermutlich sagen, hier wird nicht geklagt, es ist die Archäologie und Besitzstandswahrung einer Seele, die sich davongemacht hat. Sich aus einer Stadt entfernte (oder entfernen musste), deren Einwohnerzahl sich in weniger als einem halben Jahrhundert verzehnfacht hat.

Zeitungen wurden damals in China gern gelesen, weil sie so viel "Vermischtes" enthielten

Naturgemäß geht es dabei auch um die Seele eines Autors, der sich dieser Stadt und ihrer Geschichte über die Jahre osmotisch anverwandelt hat. Zu den vielen Facetten der chinesischen Kultur zählt auch die Neugier auf das Außergewöhnliche, das Bizarre, das Zufällige, das Vermischte. Zeitungen wurden weniger der Politik wegen gelesen, sondern weil sie so ausführlich über "Vermischtes" berichteten. Dieselbe Kennzeichnung trägt übrigens eine eigene Literaturgattung.

Der vor gut 70 Jahren in Aachen geborene Rainer Kloubert ist ein Meister dieser Gattung. Er erzählt, ohne zu dozieren, aber auch ohne ins belanglose Plaudern zu geraten, von dem, wohin sein Blick gerade gefallen ist. Das hätte, wie oben angedeutet, dem Philosophen Leibniz gut gefallen. Systematisieren kann man später immer noch, wenn denn das Systematisieren die Erfüllung einer Sehnsucht ist. Rainer Kloubert macht sich da - und die Leser danken es ihm von Herzen - einen flinken und grazilen Fuß. Selbst die Frage nach dem wasserdichten Mörtel bleibt nicht ungelöst.

Rainer Kloubert: Peking. Verlorene Stadt. Mit zahlreichen Abbildungen. Elfenbein Verlag, Berlin 2016. 320 Seiten, 49 Euro.

© SZ vom 04.03.2016

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