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Geschichte der Popmusik:Sachgerechte Erniedrigung

Rihanna In Concert At Staples Center, Los Angeles

Wer bin ich, wer wollte ich sein? Der Pop der Gegenwart handelt für Jens Balzer von der Suche nach einem immer neuen Verhältnis zwischen Ich und restlicher Welt: Rihanna in Los Angeles.

(Foto: FilmMagic/Getty Images)

Die jüngere und jüngste Vergangenheit ist meist der blinde Fleck noch der besten Bücher zur Geschichte der Popmusik. Jens Balzer hat sich ins Getümmel der Gegenwart gewagt - und gewonnen!

Von Jens-Christian Rabe

Die Popmusik ist ein mächtiger Strom, der unaufhörlich breiter wird. Es ist ja fast alles Alte immer noch da oder regelmäßig unterwegs, die Rolling Stones, Paul McCartney, Eric Clapton, sogar Jerry Lee Lewis, und Madonna natürlich und wie sie alle heißen, die tatsächlich noch leben oder wenigstens noch nicht gestorben sind. Gleichzeitig kommt so viel neue Popmusik dazu wie nie zuvor, weil die Produktionsmittel, also das Studio-Equipment, das noch vor kaum 20 Jahren ein kleines bis mittleres Vermögen gekostet hat, längst für ein paar tausend Euro Aufnahmen in bester Qualität möglich macht. Es lebe die Digitalisierung.

In heftigem Kontrast zum immer breiter werdenden Strom der Popmusik, stand allerdings in den großen - und übrigens auf ganz unterschiedliche Arten sehr, sehr lesenswerten - Popgeschichten der jüngsten Vergangenheit von Autoren wie Diedrich Diederichsen ("Über Pop-Musik"), Karl Bruckmaier ("The Story of Pop") oder Bob Stanley ("Yeah Yeah Yeah - The Story of Modern Pop") die spärliche Präsenz der Pop-Phänomene der Gegenwart. Der britisch-amerikanische Journalist Nik Cohn verstand sich in seiner 1969 erstmals erschienenen und bis heute beispielhaft frischen Popgeschichte "Awopbopaloobop Alopbamboom - The Golden Age of Rock" noch vor allem als Chronist der laufenden Ereignisse. In neueren deutschen und englischsprachigen Popgeschichten ist die Gegenwart dagegen im Grunde ein blinder Fleck. Den Autoren hier Versäumnisse vorzuhalten, ist natürlich nicht ganz fair. Wer die mehrere Jahrzehnte umfassende Popgeschichte eine gute Weile verfolgt hat, der hat notwendigerweise eine Menge Manöver schon gesehen und darf die dann auch mal in Ruhe kanonisieren. Einerseits.

Andererseits fehlte bislang ein Buch sehr, für das ein Autor nicht nur mit seiner enzyklopädischen Plattensammlung spielt, sondern sich zur Abwechslung mal ins ungleich unübersichtlichere Getümmel des Neueren und Neuesten wirft, für das noch nicht alle Schubladen gezimmert und alle Urteile gefällt sind. Weil ja trotz all dem unseligen Retromania-Gerede der letzten Jahre doch immer etwas ist im Pop und nie nichts. Sogar Neues.

Man muss es nur sehen wollen und nicht immer nur darauf achten, was man schon kennt. Alte Kritikerkrankheit. Und nicht immer nur nach demselben Gefühl suchen, dass man damals hatte bei dieser einen Band, als man noch jung war. Alte Volkskrankheit.

Man ist nämlich leider immer nur einmal jung. Wobei es schon erlaubt ist, einfach keine Musik mehr zu hören, weil es so famos wie damals ohnehin nicht mehr wird. Pop sagt schließlich immer ja. Sogar dazu, abgelehnt zu werden. Nur sollte man dann das eigene Desinteresse nicht mit dem Tod einer ganzen Kunst verwechseln. Es ist schließlich nie verkehrt, sich die Frage ganz ehrlich zu beantworten, ob die Welt so langweilig geworden ist - oder man selbst Buddhist? Zumal ja gerade jetzt das fehlende Buch zur Musik der Gegenwart erscheint: "Pop - Ein Panorama der Gegenwart"!

Geschrieben hat es der 47-jährige Autor und stellvertretende Feuilletonchef der Berliner Zeitung Jens Balzer. Zufall ist das nicht, Balzer ist mit Ehrfurcht gebietender Konstanz seit vielen Jahren einer der drei oder vier besten Popkritiker des Landes und unter diesen womöglich der quecksilbrigste. Sein Buch liefert in 20 Kapiteln auf 255 Seiten eine eindrucksvolle Bilanz sowohl des regierenden Mainstream-Pop, als auch der in Sub- und Subsubgenres extrem zersplitterten avancierteren Pop-Musik der vergangenen gut fünfzehn Jahre.

Wer möchte nicht sofort hören, wie so ein aufrichtig bestürztes MDMA-Backenhörnchen klingt?

Und dann beginnt gleich das erste Kapitel mit den grandiosen Sätzen: "Ich persönlich bin ja ganz glücklich, wenn ich einmal ordentlich erniedrigt werde. In Popkonzerten bietet sich dazu aber nur noch selten Gelegenheit; man findet kaum mehr Künstler, die eine Erniedrigung sachgerecht durchzuführen verstehen - die also derart schön, stark, dominant, schillernd und arrogant sind, dass man sich in ihrem Angesicht schäbig, klein und nichtswürdig fühlen kann." Anders gesagt: Wer sich mit Jens Balzer in den Clubs, Konzertsälen und Mehrzweckhallen Berlins durch den Wahnsinn des zeitgenössischen Pop hindurchstaunt, der hat immer sein Hirn dabei, aber anders als etwa bei Diedrich Diederichsen trägt man es bei ihm meistens ganz locker unter dem Arm, gleich weit entfernt von Bauch und Hüfte.

Seine Qualitäten als Musiksupernerd sind ohnehin unbestritten. "Nicht ohne Grund", schreibt Balzer zum Beispiel im elften Kapitel über die erregende Kraft des endlosen Endens, "stammt der interessanteste Remix von ,Video Games' (von der somnambulen amerikanischen Retropopdiva Lana Del Rey, Anm. d. Red.) im Herbst 2011 von dem Witch-House-Produzenten Balam Acab." Was bitte soll "Witch House" sein, wird sich hier mancher völlig zu Recht fragen? Und wer ist Balam Acab? Ja, nicht nur im Pop, auch in der Popkritik gibt es eine lange Tradition der Erniedrigung der Kundschaft und man findet wenige, die sie so sachgerecht durchzuführen verstehen wie Jens Balzer.

Aber man mache die Probe, klemme sich hinter seinen Computer und höre sich Balam Acabs "Video Games"-Version einmal tatsächlich an, denn dann ist auch sofort klar: Der Mann erzählt keinen Unfug.

Als origineller Musikbeschreiber und so sprachgewaltiger wie vergnügter Spektakelprotokollant liefert Balzer zudem allzeit beste Unterhaltung, und sei der Gegenstand auch noch so abseitig. Über den im Herbst 2014 erschienenen Song "Hey QT" des Produzentenduos QT vermerkt er etwa: "Zu sonderbar farblosen, aber immer noch pompös aufgeplusterten Synthie-Fanfaren und einem zappelnden Kirmes-Techno-Beat singt eine Frau oder ein Mann oder irgendetwas sonst über Zuneigung und Liebe und das Gefühl, dem anderen ganz nah zu sein, auch wenn er oder sie gerade ganz fern ist. Dabei klingt die Stimme allerdings wie die eines Backenhörnchens aus einem Walt-Disney-Film unter MDMA-Einfluss. Mit derart viel Autotune-Zucker ist der Gesang lasiert, dass ständig irgendwelche Schichten abzusplittern scheinen, und zwar im gleichen Zappelzuckrhythmus wie der Rest der Musik. Am Ende wird die Stimme niedergepitcht und stürzt in ächzende Bässe hinab: als verspüre das hermaphroditische Backenhörnchen nicht nur echte Liebe, sondern auch aufrichtige Bestürzung und Verzweiflung."

Nicht ganz voraussetzungslos ist das, natürlich, dicht und anspielungsreich, es geht immerhin um die nervöseste aller Künste. Es ist aber auch unübersehbar ein ironisch-überdrehter großer Spaß. Oder wer möchte nicht sofort hören wie das klingt, so ein aufrichtig bestürztes und von einer Kuscheldroge leicht aufgeputschtes Backenhörnchen?

Und wem das für den Anfang zu weit geht, der kann ja mit dem Zeitdiagnostiker und Chronisten Jens Balzer beginnen, der mit der deutschen Schlagerkönigin Helene Fischer mal eben lege artis die Geburt des nihilistischen Postfeminismus beweist. Yeah, yeah, yeah.

Ein Buch also für alle, jeden und jede, die sich für den Buddhismus dann doch noch nicht bereit fühlen.

Jens Balzer: Pop. Ein Panorama der Gegenwart. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2016. 256 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 21.07.2016

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