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Gerhard und Christa Wolf:Mann im Hintergrund

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Christa und Gerhard Wolf im Jahr 1996.

(Foto: imago)

Gelegenheitstexte von Gerhard Wolf, der sechzig Jahre mit Christa Wolf verheiratet war. Rückblicke auf ein intellektuelles Umfeld.

Von Jörg Magenau

Es gibt keinen äußeren Anlass für diese "Herzenssache". Zwar hat der Aufbau Verlag gerade sein 75. Jubiläum gefeiert, doch die Sammlung mit Texten Gerhard Wolfs, der im Oktober 92 Jahre alt geworden ist, gehört nicht zum kleinen Festprogramm des Verlages. Dieser Band mit Erinnerungen an "unvergessliche Begegnungen", an Freunde, Wegbegleiter, Dichter und Maler aus dem Umkreis von Christa und Gerhard Wolf, war einfach fällig. Denn darin, im unaufdringlichen und nie ganz unkritischen Lobpreisen, besteht das Lebenswerk dieses bescheidenen, gebildeten Mannes.

60 Jahre, bis zum Tod Christa Wolfs 2010, waren die beiden verheiratet und ohne einander gar nicht denkbar. Ihr Leben ist über den Untergang der DDR hinaus an den sozialistischen Staat gekoppelt, ist verbunden mit all den Illusionen und Hoffnungen, die den Sozialismus am Leben hielten, bis daraus ein bloßes Ausharren geworden war. Christa und Gerhard Wolf bewegten sich stets auf dem schmalen Grad zwischen Loyalität und Dissidenz, Identifikation und Widerstand. Als der Mann im Hintergrund, als Verleger, Lektor, Literaturwissenschaftler und Kunstinteressierter bot Gerhard Wolf vielen jungen Künstlern Zuflucht, Zuspruch und Unterstützung.

Der Sammelband mit größtenteils unveröffentlichten Gelegenheitstexten - Ausstellungseröffnungen, Buchvorstellungen, Nachrufen, Geburtstagsgrüßen - legt davon Zeugnis ab. Er lenkt den Blick zurück in eine versunkene, fern gerückte Welt, in eine imaginäre, bessere DDR, die nicht von Dogmatikern, sondern von wirklichen Künstlern bevölkert wurde. Die Wolfs wirkten darin als ein Zentrum, als Gesprächsangebot für Freunde. So gehen die Beiträge Gerhard Wolfs stets aus dem Gespräch mit Christa Wolf hervor, auch dann, wenn sie nicht - wie die Porträts der Freunde Stephan Hermlin und Volker Braun - direkt in Gesprächsform gehalten sind.

Gerhard Wolf ist kein schmeichelnder Lobredner gewesen

Zu den Porträtierten gehören Christa Wolf-Freundinnen wie Brigitte Reimann, Irmtraut Morgner oder Nuria Quevedo. Daneben gibt es Würdigungen von Johannes Bobrowski, Walter Jens, Stefan Heym oder der Künstlerfreunde Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus und Otl Aicher. Ein intimer Essay widmet sich dem deutsch-tschechischen Dichter und Komponisten Louis Fürnberg, über den Gerhard Wolf 1956 an der Berliner Humboldt-Universität seine Examensarbeit schrieb. Wie wichtig der tschechische Einfluss dann vor allem in der Zeit des Prager Frühlings gewesen ist, belegt der ganz persönliche biographische Abriss "Memorial für Franci Faktorová", einer jüdischen Lebensfreundin, die mit ihrer Mutter und Schwester Auschwitz überlebt hatte.

Dass Gerhard Wolf kein schmeichelnder Lobredner gewesen ist, beweist der Beitrag über Günter de Bruyn aus den 90er Jahren, als beide - einst gemeinsame Herausgeber brandenburgischer Literatur - sich politisch voneinander entfernten und de Bruyn für Wolfs Geschmack etwas zu sehr die neuen Machtverhältnisse begrüßte. Da zeigt Gerhard Wolf, wie man Kritik höflich formulieren und sie in einer Laudatio unterbringen kann, ohne zu verletzen.

Neben der jungen Avantgarde- und Untergrunddichtung der DDR und der Wendezeit - Bert Papenfuß, Detlef Opitz, Andreas Reimann oder Gino Hahnemann wären da zu nennen - gibt es bei Gerhard Wolf immer auch eine Linie, die zurück zu Hölderlin und zu Rilke führt. Er berichtet, wie Fürnberg als junger Mann Rilke besuchte und erzählt die schöne Anekdote, wie er von Heinz Zöger, seinem Chef beim MDR in den 50er Jahren, gerügt wurde, ein Rilkegedicht gesendet zu haben, weil das doch spätbürgerlich und also unerwünscht sei. Zöger gestand ihm jedoch, dass er Rilke abends zu Hause durchaus gerne lese. Das wurde wiederum einem höheren Funktionär zugetragen: "Wie finden Sie das, verbietet es für die Sendung, liest es aber privat gerne!" Der Funktionär stutzte und fragte zurück: "Das kommt darauf an: Liest er Rilke nur, um sich weiterzubilden - oder hat er Genuss dabei?" Dieser Satz wurde im Hause Wolf zum geflügelten Wort. Für Gerhard Wolfs freundschaftliche "Memorials" lässt sich sagen: Man liest sie, um sich zu bilden, und Genuss ist sehr wohl auch dabei.

Gerhard Wolf: Herzenssache. Memorial. Unvergessliche Begegnungen. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 286 Seiten, 22 Euro.

© SZ/masc
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