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Georgien:Europa in Asien

Seit 700 Jahren kämpft Georgien um seine Unabhängigkeit. Ist das nicht ermüdend? Eine Reise ins Gastland der Buchmesse zu der Schriftstellerin Tamar Tandaschwili und dem Dramatiker Davit Gabunia.

Als der deutsche Schriftsteller Stephan Wackwitz einmal die hervorstechendste Eigenschaft von Georgien beschreiben sollte, verglich er das Land mit den frühen Filmen von Federico Fellini: Bei Fellini, schrieb Wackwitz, verbinde sich das Absurde mit dem Poetischen zu einer unverwechselbaren Atmosphäre. Und genau so verhalte es sich auch in Georgien.

Besser kann man es eigentlich nicht sagen. Auf dem Dach eines der berühmten Tifliser Schwefelbäder steht ein Männerchor und singt einem Kamerateam gregorianische Choräle vor, woraufhin der blonde, auffallend aktive Regisseur zwei Mal in die Hände klatscht und auf Österreichisch ruft, dass das "super, super" gewesen sei. Eine frisch geföhnte ältere Dame steht vornübergebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, auf dem Bürgersteig und bellt ohne Eile einen irritierten Labrador an. Und über allem thront auf einem Bergkamm, am höchsten Punkt über der Stadt, ein blinkendes Riesenrad. Es ist tatsächlich alles wie bei Fellini.

Georgien ist ein Land im Südkaukasus mit vier Millionen Einwohnern und drei Instituten für Germanistik

Georgien ist ein Land im Südkaukasus mit vier Millionen Einwohnern und drei Instituten für Germanistik. Eines davon liegt direkt am Meer in Batumi, eines in Kutaissi und das wichtigste findet man hier, in Tiflis. Es besteht aus einem sepiafarbenen Büro, das über eine kleine Bibliothek verfügt, und an dessen Wänden eine politische Karte der BRD und ein Goethe-Porträt hängen. In der Mitte sitzt Koka Bregadze, Professor für deutsche Literatur. Bregadze trägt kurze Hosen und ein T-Shirt der Rolling-Stones-Tour von 1978 und er verhält sich genau so, wie man es von einem Professor für deutsche Literatur erwarten würde: Mit großem Fatalismus beklagt er den pragmatischen Zeitgeist und die Rationalisierung der Welt.

Die meisten Studenten in Georgien, sagt Bregadze, seien heute nicht mehr auf Bildung aus, sondern auf Kompetenz, weshalb sie sich immer häufiger für Internationales Recht und immer seltener für das Studium der Deutschen Literatur entschieden. Beunruhigt wirkt Bregadze deswegen allerdings nicht. Wenn man mit deutscher Literatur zu tun hat, gehört es vermutlich einfach dazu, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Vor Kurzem sind seine georgischen Übersetzungen von Novalis' "Hymnen an die Nacht" herausgekommen, einer Sammlung von Liebeserklärungen an den Tod. "Nach dem Tod", spricht Koka Bregadze dem Journalisten aus Deutschland mit großer Begeisterung ins Aufnahmegerät, "fängt das Leben erst richtig an. Das ist das Prinzip der Romantik." Trotzdem genießt Deutschland in Georgien einen guten Ruf, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Wehrmacht hier nie ein Massaker begangen hat und dass es außerdem nicht Russland ist. Im Universitätsviertel gibt es Stoffbeutel zu sehen mit der Aufschrift "Heinrich Böll Stiftung - Die grüne politische Stiftung" und an den Hauptverkehrsstraßen hängen Plakate, die für deutsches Bier der Marke Oettinger werben.

Von den europäischen Hauptstädten aus gesehen liegt Georgien eigentlich schon in Asien, eingeklemmt zwischen Tschetschenien, der Türkei, Aserbaidschan und Armenien. Trotzdem hat Georgien alle großen Entwicklungen der europäischen Moderne mitgemacht. Georgische Intellektuelle haben Thomas Mann übersetzt, Bücher über Antonin Artaud geschrieben und Grundschulen gegründet, die nach dem Humboldtschen Bildungsideal strebten.

Der größte georgische Modernisierer des 19. Jahrhunderts hieß Ilia Tschawtschawadse: Er übersetzte Shakespeare und Goethe, gründete die Nationalbank und die Universität und führte in einer Zeit, in der wegen der großen Russifizierung georgische Bücher, Schulen, Gebete verboten waren, die nationale Befreiungsbewegung an, beeinflusst vom Vormärz, von Hegel, Kant und Garibaldi. Heute sind nahezu alle wichtigen Institutionen des Landes nach Tschawtschawadse benannt, aber wenn er in seinem Leben eine Sache rückgängig machen könnte, wäre es wahrscheinlich die Entscheidung, in seiner republikanischen Literaturzeitschrift Iweria die ersten Pamphlete des jungen anti-russischen Rebellen Iosif Vissarionovich Dzhugashvili zu drucken. Der junge Nationalist wechselte später auf die Seite der prorussischen Marxisten, schloss sich einer Terror-Einheit an, die das georgische Staatswesen sabotierte, Banken ausraubte und Bombenattentate organisierte, und bekam wegen seiner eisernen Faust bald den Spitznamen Stalin ("Der Stählerne") verpasst.

Stalin zog zum Studium nach Moskau und als er zurückkehrte, so geht ein beliebter Witz, hatte er die Rote Armee dabei. Danach war Georgien, das traditionsreiche, christliche Kulturland, von der inneren Landkarte der Europäer weitgehend verschwunden. In diesem Jahr aber ist Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse, weshalb in Deutschland in diesen Tagen ganze Regalmeter georgischer Literatur erscheinen, und wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel das tatsächlich ist, kommt es einem so vor, es sei gerade ein Damm gebrochen.

Illustrationen für die Literaturbeilage vom ET 9.10.2018

Links: Ein Album zur langfristigen, schonenden Aufbewahrung von Fotos, 1992. Die Bilder sind von zwei Seiten einsehbar und durch Klarsichtfolie geschützt. Rechts: Ein Fotodrucker, der ganze Albumseiten druckt, damit man die Fotos nicht mehr einzeln abheften muss.

Sein goldenes Zeitalter erlebte Georgien im 11., 12 und 13. Jahrhundert, danach befand es sich den größten Teil der Zeit unter fremder Herrschaft: im 18. Jahrhundert abwechselnd und teilweise gleichzeitig unter der Herrschaft Persiens und des Osmanischen Reiches, im 19. Jahrhundert war es Teil des zaristischen Russlands und im 20. Jahrhundert, nach einer vierjährigen, glücklosen republikanischen Phase, gehörte es zur Sowjetunion.

Als Georgien im Jahr 1990 endlich unabhängig wurde, wirkte das Land dann relativ schlecht vorbereitet und auch ein wenig überfordert. Die Neunzigerjahre sind vielen heute vor allem als "das dunkle Jahrzehnt" in Erinnerung, was metaphorisch gemeint ist, sich zum Teil aber auch auf die häufigen Stromausfälle bezieht. Im Jahr 2008 leistete sich das Land einen Krieg gegen Russland, den heute viele für wenig durchdacht und insgesamt eher vermeidbar halten und der darin mündete, dass Russland heute wieder zwanzig Prozent des Landes besetzt hält. Entlang der neuen Grenze haben russische Soldaten Stacheldraht verlegt, den sie mehrmals im Jahr ein paar Meter Richtung Georgien schieben, vermutlich einfach deshalb, um den Georgiern damit auf die Nerven zu gehen.

Besuch bei Davit Gabunia, dem 36-jährigen Dramaturgen des Tifliser Art District Theatre. An diesem Wochenende läuft hier ein Stück, das Gabunia für das Badische Staatstheater Karlsruhe geschrieben hat und das im Jahr 1937 spielt, während der stalinistischen Säuberungen. Die Geschichte handelt von einem georgischen Schriftsteller, der von den Stalinisten verhaftet und erschossen wird, woraufhin die Frau des Schriftstellers bei einem sowjetischen Beamten um Auskunft über den Verbleib ihres Mannes bittet. Der Beamte aber will im Gegenzug für seine Unterstützung Sex, und am Ende des Stückes zwingt er die Tochter des erschossenen Schriftstellers, ihn zu heiraten. Auf das Tifliser Theaterpublikum übt das Stück eine sehr unmittelbare Wirkung aus. Ein Viertel der Zuschauer, vor allem das ältere, sitzt in den Theatersesseln und weint.

Als er mit ein paar Freunden das Theater gegründet habe, sagt Gabunia, habe es in dieser verlassenen Kirche weder Licht noch Heizung gegeben und bei den Proben hätten sich "die Frauen die Eierstöcke abgefroren". Dann gelang ihnen das Erfolgsstück "Frauen von Troja", mit dem sie zu Festivals in ganz Europa eingeladen wurden. Seitdem kommt regelmäßig Unterstützung von Georgien und der EU und das Art District Theater in Tiflis ist heute ein vollwertiger Off-Space. 111 Mal hätten sie das Stück bislang gespielt, auf allen wichtigen europäischen Festivals. Nur die Einladungen aus Russland hätten sie ausgeschlagen, was ihnen nicht leicht gefallen sei, weil Einladungen der irrsinnig renommierten Tschechow- und Stanislawski-Festivals darunter gewesen seien. Aber wegen der Besatzung kam es eben nicht in Frage. Eine Einladung aus Iran haben sie auch zurückgewiesen, weil die Schauspielerinnen Kopftücher und langärmlige Shirts hätten tragen und außerdem die Knöchel verbergen müssen, was ebenfalls nicht infrage kam, schließlich gehe es in dem Stück, so Gabunia, "buchstäblich um die Unterdrückung der Frau".

Georgien hat in fünf Jahren den westlichen Diskurs von fünf Jahrzehnten aufgeholt

Der Kampf gegen Unterdrückung ist vielleicht das dominante Leitmotiv in der georgischen Gegenwartsliteratur. In Davit Gabunias Roman "Farben der Nacht" geht es um einen arbeitslosen Tifliser, der von seinem Fenster aus eine schwule Affäre zwischen einem selbstbewussten Homosexuellen der jungen georgischen Generation und einem hochrangigen Politiker beobachtet. Der Politiker gehört noch der alten Generation an, weshalb er nicht zu seiner Sexualität stehen kann, sondern mit Frau und Kind im Verborgenen lebt. Als der Protagonist den Politiker erpresst, geht dieser auf alle Forderungen ein und erhängt sich dann umgehend. Es ist ein raffiniert gebauter Roman, mit Motiven aus Hitchcocks "Vertigo" und Ibsens "Nora" und er erzählt von einem postsozialistischen Georgien, in dem die junge Generation, die eher Englisch spricht als Russisch, gegen die Traditionalisten noch immer wenig Chancen hat.

Die Psychotherapeutin und Schriftstellerin Tamar Tandaschwili, die auch einen Emanzipationsroman geschrieben hat, nur viel radikaler, sagt: "Wir haben den Diskurs, der im Westen seit Jahrzehnten geführt wird, innerhalb von fünf Jahren aufgeholt." Tandaschwili hat in Europa und den USA studiert. Als sie nach Tiflis zurückkehrte, fing sie an, als psychologische Beraterin für georgische Frauen- und LGBTQ-Organisationen zu arbeiten. So lernte sie eine Welt kennen, von deren Existenz sie keine Ahnung hatte: Leid und Schmerz in allen Schattierungen, Vergewaltigung, Züchtigung, Verzweiflung, Selbstmorde. Das alte, patriarchale Georgien, das ihr, obwohl sie in Tiflis aufgewachsen ist, bis dahin entgangen war.

Nebenbei arbeitete sie an ihrer Dissertation und in den USA hatte sie die Technik gelernt, jeden Tag erst einmal zehn Minuten frei zu schreiben, bevor sie sich der Dissertation zuwandte. Aus den zehn Minuten wurden drei Tage, dann eine Woche, und als sie nach drei Wochen das nächste Mal Luft holte, war der Roman fertig, eine rasende, wütende Gewaltorgie, in der eine degenerierte, maskuline Allianz aus orthodoxer Kirche und konservativen Politikern Frauen und Homosexuelle unterjocht. Der Roman wurde in Georgien unmittelbar zum Skandal und machte Tandaschwili auf einen Schlag berühmt. Vor allem von jungen Frauen habe sie viel Post bekommen. In den Briefen stand, sie habe genau ihre Geschichte erzählt: "Liebe Tamar Tandaschwili, woher kennen Sie mich?"

Eines der interessantesten Wörter in diesem Roman, der auf Deutsch den leicht umständlichen Titel "Löwenzahnwirbelsturm in Orange" trägt, ist das Adjektiv "humanrightisiert". Bei Tandaschwili ist der Westen, von dem sich viele Georgier Großes erhoffen, keinesfalls eine reine Verheißung. Es gebe eine ganze Generation von georgischen Männern, sagt sie, die ausgestattet mit Stipendien im Westen studiert hätten, und mit einem ganzen Paket an Menschenrechtsvokabular zurückgekehrt seien, nur um hier dann einfach genauso weiterzumachen wie ihre Väter.

Einerseits sei es gut, dass Frauen und Homosexuelle endlich auch in Georgien um ihre Rechte kämpften. Andererseits sei es mit der Emanzipation auch so eine Sache. An ihren Patientinnen beobachte sie häufig, dass der Kampf um Unabhängigkeit ihr ganzes Leben bestimme, was dazu führe, dass sie keine Kraft mehr hätten, eine Anführungszeichen normale Abführungszeichen Persönlichkeitsentwicklung zu durchlaufen. "Wenn man Soldat ist und ständig kämpft, kann man nicht gleichzeitig Philosoph sein." In diesem Sinne sei die Emanzipation gleichzeitig auch ein Gefängnis. Ans Aufhören ist natürlich trotzdem nicht zu denken.

In Georgien hört der Kampf für Unabhängigkeit nie auf, er tritt höchstens in neue Phasen ein. Als es kurz vorher im Foyer des Art District Theatre um das beste Buch von Tolstoi gegangen war, hatte sich Davit Gabunia für "Hadschi Murat" ausgesprochen, die Biografie des tapfersten und hartnäckigsten Widerstandskämpfers, den der Kaukasus je gesehen hat.

© SZ vom 09.10.2018
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