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George Steiner im Gespräch:Überall zu Hause sein

"Ein langer Samstag" heißt das Gesprächsbuch, in dem George Steiner vom Eros des Lesens, Liebens und Schreibens erzählt. Und fordert, dass wir uns als Gäste und Gastgeber begegnen.

Von Volker Breidecker

Der jüdische Witz, von dem George Steiner sagt, dass er ihn sich selbst jeden Morgen von Neuem erzählen muss, um trotz der Nachrichten im Radio "durch den Tag zu kommen", geht so: Gott hat endgültig genug von uns und verkündet das Kommen einer neuen Sintflut binnen zehn Tagen. Keine Arche werde diesmal auf den Weg gebracht. Aus. Schluss. Feierabend. Aus Rom ruft der Papst die Katholiken auf, sich Gottes Willen zu fügen und das Ende im Gebet zu erwarten. Die Protestanten sagen: Lasset uns beten, zuvor aber unsere Bankkonten ordnen, die Bilanzen müssen stimmen. Der Rabbi hingegen ruft aus: Zehn Tage? Aber das reicht völlig, um das Atmen unter Wasser zu erlernen. George Steiner, der sein zufälliges Glück, der Vernichtung der europäischen Juden mit knapper Not entkommen zu sein, bis heute nicht begreifen kann, hat die Lektion des Rabbi freilich gelernt: "Diese wunderbare Anekdote", sagt noch der bald 87-Jährige, "gibt mir jeden Tag das Glück und die Kraft weiterzuleben. Und ich glaube fest daran: Zehn Tage, das ist sehr viel."

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