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Geisteswissenschaften:Motor für den Systemwandel

The New Institute

Neun Stadthäuser hat der Reeder Erck Rickmers in Hamburg für das New Institute gekauft.

(Foto: The New Institute)

Das New Institute nimmt seine Arbeit auf und lockt die Vordenker des Systemwandels nach Hamburg.

Von Till Briegleb

Wenn ein ehemaliger Reeder einen Think Tank gründet, dann erwartet man nicht gerade, dass dieser sich sehr grundsätzlich mit dem Wachstumsbegriff beschäftigen soll. Schließlich macht auch der Containerverkehr seine Gewinne durch ein System, das ständig auf Kosten der Menschheit und des globalen Ökosystems expandiert. Aber Erck Rickmers, Spross einer sehr traditionsreichen Bremer Seehandelsfamilie, tut genau das sehr Unwahrscheinliche. Er hat ein großes Kolleg in Hamburg gegründet mit einem Namen, der ein wenig an die Zwanzigerjahre erinnert, als jeder leidenschaftliche Intellektuelle sich der Erfindung des "Neuen Menschen" verpflichtet fühlte.

"The New Institute" heißt Rickmers' Impulsanstalt, für die er neun historische Stadtvillen direkt an der Alster gekauft hat, die gerade in eine akademische Agora mit Säulen und Stuck verwandelt werden. Und die Leiterin der Denkabteilung, die jetzt bestellt wurde, lässt wenig Zweifel daran aufkommen, ob es Erck Rickmers ernst ist mit dem Zündeln am Fundament eines Wirtschaftsglaubens, durch den er reich wurde.

Maja Göpel, Autorin des wachstumskritischen Bestsellers "Unsere Welt neu denken", bis jetzt erste Beraterin der Bundesregierung bei Themen der "Globalen Umweltveränderung", und nun eben Wissenschaftliche Direktorin des New Institute, ist eine zentrale Figur des Zukunftsdiskurses. Wenn es um eine wissenschaftliche Kritik der ökonomischen Grundannahmen geht, nach denen der moderne Kapitalismus agiert, sind Göpels Analysen scharf, fundiert und vor allem allgemein verständlich in dem Credo: "Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel."

Nicht zuletzt wegen ihres öffentlichkeitstauglichen Talents, die "Scheinwelt" ökonomischer Glücksversprechen zu zerlegen, die endloses Wachstum und Wohlstand durch Konsum als garantiert erklären, ist Göpel die vermutlich ideale Hauptfigur des neuen Wissenschaftskollegs. Denn im Gegensatz zu vielen elitären Akademiker-Clubs, die abgeschottet unter sich debattieren und Residenzen in edlen Instituten primär dazu nutzen, dicke Bücher zu schreiben, ist das programmatische Ziel dieser Neugründung: "Change". Das New Institute will aktive Wissenschaftler an der Warburgstraße versammeln, die der Wille eint, Wissen für Wandel nutzbar zu machen.

Göpel, die im Moment noch in einem edlen Loftkontor mit Glasbüros direkt neben dem Hotel Vier Jahreszeiten residiert, bis das New Institute nächsten Herbst in den Prachtvillen offiziell eröffnen kann, formuliert einen klaren Anspruch an die versammelten Wissenschaftler, die sich als Fellows an dem Projekt beteiligen. Die hier entwickelten Forschungen und Analysen sollen Wandel durch drei Maßnahmen erzielen: Als Dienstleister für Transparenz werden die Experten "Erklärbären" sein, wie Göpel es scherzhaft ausdrückt. Wenn Bewegungen oder Aktivisten Expertise benötigen, um ihre Argumente für eine vernünftigere Welt zu untermauern, sollen sie aber nicht nur Aufklärungshilfe von dem Institut erhalten.

Göpel will auch Auftragsforschung beim New Institute implantieren. Ihr Angebot an Akteure, die einen Systemwechsel anstreben, lautet: "Welche Fragen habt ihr? Was braucht ihr für Antworten von uns?" Und drittens zielen die Projekte, die am New Institute entwickelt werden, darauf, neue Fragen zu generieren. Um einen Paradigmenwechsel im wirtschaftlichen und sozialen Denken zu befördern, der andere Werte betont und Modelle einführt als die bestehenden mit ihren offensichtlich dysfunktionalen Ergebnissen für das Leben auf diesem Planeten, braucht es "Klarheit, Kreativität und Courage", wie es Göpel in Anlehnung an ein Buch von Frances Moore Lappé formuliert.

Die ersten Projekte, für die das New Institute jetzt Fellows sucht, präzisieren diesen Anspruch. "Wie kann ein nachhaltiges Wertesystem für das 21. Jahrhundert aussehen?" oder "Wie könnte eine andere Ökonomie funktionieren?" lauten Missionsfragen, die Ansätze internationaler Wissenschaftler, aber auch von Journalisten, Autoren oder Künstlern zu bündeln versuchen, die nicht bei der Kritik der bestehenden Verhältnisse verharren. Es ist das Verlangen, neue Perspektiven zu formulieren, Blaupausen zu konkreten Maßnahmen zu entwickeln, mit denen politische Dynamiken angestoßen werden können, um Grundsätzliches zu ändern. Darauf zielt auch ein Projekt, das genau die Möglichkeiten untersucht, wie neue Anstöße den Kreis der Weisen verlassen und zu gesellschaftlichen Umgestaltungen führen, Titel: "How can change happen?"

Es ist dieser Wille zum Konkreten, der in der Ankündigung des New Institute aufhorchen lässt, diese Konzentration auf die wichtigste Debatte, die keiner wirklich führen möchte, weil sie Ängste auslöst: Wie ist "Wohlstand ohne Wachstum" möglich, und zwar gerecht verteilt in der Welt? Doch Maja Göpel begleitet diese Konzentration auf die Kritik des Wachstumsdenkens mit einem erfrischenden Optimismus. Sie weiß sehr gut um die großen Ängste, die das Infragestellen der globalen Wachstumsmaschinerie auslöst, und erlebt sie immer wieder am eigenen Leib in Form heftiger Anfeindungen. Aber sie beharrt fast siegesgewiss lächelnd auf der Kraft von Nüchternheit und Fakten: "Lasst uns mal den Mut aufbringen, ehrlich hinzugucken, wie es um die Behauptungen des allgemeinen Wohlstands durch Wachstum wirklich steht. Nur diese Transparenz kann eine neue Kreativität bei der Lösungssuche freisetzen. Aber dazu müssen wir unideologisch und vernünftig reden!"

Dazu hat Göpel bereits jetzt ein hochkarätiges Team um sich. Der Geschäftsführer des New Institute ist Wilhelm Krull, der langjährige Leiter der Volkswagenstiftung zur Förderung der Wissenschaften. Zum wissenschaftlichen Team gehören unter anderem Francesca Bria, die energische Entwicklerin von innovativen Lösungen für eine bürgerfreundliche Daten-Souveränität ohne Konzernmacht, die bekannte amerikanische Demokratieforscherin Simone Chambers, oder Geoff Mulgan, der sich von Tony Blairs Berater zu einem Vordenker des sozialen und politischen Wandels entwickelt hat. Und der Wunsch Göpels ist es ausdrücklich, die international führenden Denker zum Thema Systemwandel an das neue Institut zur Mitarbeit zu locken. Dazu muss jetzt nur noch Erck Rickmers dem eigenen Wandel treu bleiben.

© SZ vom 11.09.2020

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