Gehört, gelesen, zitiert Dylan und Biermann

Warum ein Literaturnobelpreis für den Sänger Bob Dylan in Ordnung geht, hat Marcel Reich-Ranicki schon in seiner Laudatio zu Wolf Biermanns Büchnerpreis 1991 erläutert.

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan hat eine Diskussion darüber entfacht, ob der Preis überhaupt eine angemessene Auszeichnung für einen Musiker sei. Konstituiert geschriebene Sprache nicht eine ganz andere Kunstform als gesungene Sprache? Eine ähnliche Debatte wurde in Deutschland im Jahr 1991 geführt, als der renommierteste Preis für deutschsprachige Literatur, der Büchnerpreis, an den Liedermacher Wolf Biermann verliehen wurde. In seiner Laudatio ließ der Kritiker Marcel Reich-Ranicki keine Zweifel aufkommen, dass Biermann den Preis auch als Liedermacher verdient habe:

"Seine Kunst wirkt nicht vereinigend, sie spaltet das Publikum. Und die Kritik? Oft bereitet er den Redaktionen Kummer. Wer soll denn darüber schreiben? Der Literaturkritiker will nicht recht, das sei doch etwas für den Musikkritiker; dieser wiederum meint, dessen sollte sich der Kollege annehmen, der für Unterhaltung und Kabarett zuständig sei. Einer schiebt es auf den anderen ab. Weshalb? (. . .) In Biermanns Werk bilden sie eine Einheit - die Musik und die Literatur, die Poesie und die Prosa. Viele seiner Verse haben jenen kräftigen prosaischen Ton, der aus der Werkstatt eines anderen stammt, der ihn auch nicht erfunden, wohl aber bis zur Vollkommenheit entwickelt hat - aus der Werkstatt Bertolt Brechts."