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Gehört, gelesen, zitiert:Der neue Piketty

In seinem neuen 1200-Seiten-Wälzer "Capital et Idéologie", der gerade in Frankreich erschienen ist, vertieft der berühmt gewordene Ökonom Thomas Piketty seine Studien zur Ungleichheit. Einer ihrer Gründe sei die "Sakralisierung des Privateigentums".

In seinem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" analysierte der französische Ökonom Thomas Piketty vor sechs Jahren kritisch die vermeintlichen Stabilisierungseffekte der Vermögensungleichheit für die Demokratie. In seinem neuen Buch "Capital et Idéologie", einem in Frankreich gerade erschienenen 1200-Seiten-Wälzer, vertieft er seine Forschung. Unterschiedliche Vermögens- und Einkommensverteilung sei nicht wirtschaftlich oder technisch begründet, also keine unabwendbare Tatsache, sondern eine ideologische und politische Konstruktion, lautet die Grundthese. Via Steuersatz und Rechtssystem, Bildungsangebot und politischem Programmspektrum spiegele sie die jeweilige Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit der Epoche.

Seit dem 18. Jahrhundert, schreibt Piketty, hätten diese Vorstellungen sich stark verändert. Nach einem relativen Ausgleich in den westlichen Sozialdemokratien um die Mitte des 20. Jahrhunderts sei man heute in Sachen Ungleichheit wieder beinahe zu den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt. Die reflexhafte Verteidigung allen Privateigentums unter Hinnahme wachsender Gegensätze zwischen Arm und Reich sieht der Autor als Reaktion der Gesellschaft auf die labile Weltlage. Die "harte Eigentümerideologie" ("idéologie propriétariste dure") stelle einerseits für viele einen durchdachten und potenz iell überzeugenden Diskurs für die gesellschaftliche Entwicklung des Individuums bereit; andererseits verschleiere sie den harten Kern gesellschaftlicher Inegalität. Thomas Piketty will sein neues Buch als Beitrag zu der Einsicht verstanden wissen, dass ungerechte Vermögensverteilung nie in der Natur der Sache liege, sondern immer gemacht sei und alternative Lösungsmodelle verlange.

"Die Sakralisierung des Privateigentums ist im Grunde eine natürliche Antwort auf die Angst vor dem Vakuum. Sobald man das Drei-Funktionen-Schema zur Ausbalancierung der Macht zwischen Kriegern und Klerus aufgegeben hat, das weitgehend auf einer religiösen Transzendenz beruhte (einer für die Legitimierung des Klerus und seiner weisen Ratsprüche notwendigen Transzendenz), muss man neue Vorrichtungen finden, um die Stabilität der Gesellschaft sicherzustellen. Die absolute Einhaltung des in der Vergangenheit errungenen Eigentumsrechts bietet eine solche neue Transzendenz, die vor dem allgemeinen Chaos schützt und das durch das Verschwinden der Drei-Funktionen-Ideologie hinterlassene Vakuum füllt. Die Sakralisierung des Privateigentums ist gewissermaßen eine Antwort auf das Ende der Religion als ausformulierte politische Ideologie. Auf der Grundlage der historischen Erfahrung und eines auf Beobachtung gestützten rationalen Wissens ist es meiner Einschätzung nach möglich, diese natürliche und nachvollziehbare, aber auch etwas nihilistische, faule und hinsichtlich der menschlichen Natur wenig optimistische Antwort zu überwinden."