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Gegenwartslyrik:Zeit streuen, Frachthallen sprengen

In seinem neuen Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" folgt Nico Bleutge dem Takt der physischen Welt.

Von Christoph Bartmann

"Versenk dich" und "öffne die tür", diese zwei Imperative ziemlich am Anfang des ersten von Nico Bleutges sieben Gedichtzyklen geben vielleicht einen Hinweis darauf, wie hier in der Folge gesprochen wird. Es sind keine Befehls-, sondern eher Ermahnungs- oder Ermunterungsformen, an die eigene und alle Adressen. "Versenk dich in die Bewegung des Wassers", und dann sieh zu, wie sich innere und äußere Anmutungen mischen und ein Text Fahrt aufnimmt, der vieles mitnimmt und von vielem affiziert wird.

Das Mitnehmen von Fremdmaterial hat bei Bleutge, hier wie den drei vorangegangenen und viel gelobten Gedichtbänden, Methode. Die Gedichte schlössen, so heißt es in einer Anmerkung am Ende, "ganz unterschiedliche Materialspeicher auf". Es geht um "Hintergrundstimmen", um "Überschreibungen" und "Pastiches", mal von Alfred Döblin, mal von Droste-Hülshoff, Heiner Müller oder Inger Christensen. Große Namen der literarischen Tradition haben auf eine vertrackte Weise Eingang in Nico Bleutges Texte gefunden und können aus ihnen wieder herausgelesen werden.

Nico Bleutge: nachts leuchten die schiffe. Gedichte. Verlag C.H. Beck, München 2017. 87 Seiten, 16, 95 Euro. E-Book 13,99 Euro.

Man muss das nicht wissen, um an diesen Gedichten ein sinnliches und intellektuelles Vergnügen zu erleben. Man kann sich der Bewegung dieser Verse überlassen und ist gut beraten, nicht nach jeder Zeile nach dem Sinn zu fragen - zumal wenn eine Zeile gerne mit der nächsten verschwimmt: "versenk dich in die bewegung des wassers/mischte sich jenes licht mit dem licht, erzeugte ihre verbindung/ein anderes licht". In die Bewegung des Wassers mischte sich also jenes Licht mit dem Licht? Und erzeugte jenes Licht ihre Verbindung, oder erzeugte ihre Verbindung ein anderes Licht? Stellen wir uns einfach vor, das Verschwimmende sei der Bewegung des Wassers geschuldet.

Am Gestade des Bosporus hat Bleutge ausdauernd auf die passierenden Schiffe geschaut und ihnen ein kleines Epos des globalen Schiffsverkehrs abgewonnen. "und die schiffe werden schneller, laufen deutlicher schwankend/auf der meeresoberfläche wie auf schienen, als wollten sie/die zeit streuen, mit erhöhter umschlagsfrequenz/in die gebäude dringen, die frachthallen sprengen/".

Im Glücksfall folgen diese Gedichte dem Takt der physischen Welt, weder bloß sprachliche Tatsachen noch bloß Darstellung von etwas, das auch ohne sie existiert, sondern Früchte einer Versenkung, die für den Schreibmoment Welt und Sprache miteinander in Einklang bringt. Das kann natürlich auch scheitern, nämlich dann, wenn die Sprache nicht nah genug an den Tatsachen bleibt und ihr das materielle Gegenüber aus dem Blick gerät.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Gedichtband stellt der Verlag auf seiner Webseite zur Verfügung.

Damit ist nichts gegen objektive Dunkelheiten gesagt, wie etwa in den Versen "als ob die stimme/abwärts ginge, richtung/schletten, richtung schluff". "Schletten" bedeutet salziges Wasser, haben wir nachgeschlagen, "Schluff" sind "unverfestigte klastische Sedimente". Wir sehen hier immerhin die Sprache allmählich im Erdreich versinken, während wir bei einer anderen Zeile nichts mehr sehen: "nur ohr sein/für die masern im holz, an den stauungen wachsen/anbranden, im drehen, gelöst zu flachem staub/verwandelt in nichts als streuung."

Schon anderswo hat Bleutge mit der Vokabel "streuen" operiert, kein Zufall wohl, ihn beschäftigt alles, was mit Verteilung, Verbreitung, Dispersion, Verstreuung, Zerstreuung zu tun hat. Hier wollen wir aber gerne einmal buchstäblich verstehen. Also: "Verwandelt in nichts als Streuung". Wer oder was kann in Streuung verwandelt sein, und zwar sogar in "nichts als"?

Vielleicht hängt die Idee der Verwandlung zu stark von der Gegebenheit einer bestimmten, wandelbaren Gestalt ab, als dass wir die Streuung als Zielgröße einer Verwandlung nachvollziehen könnten. Entweder stimmt also etwas mit der Verwandlung nicht, oder aber mit der Streuung, und in jedem Fall erscheint uns das feierliche "nichts als" an dieser Stelle etwas überflüssig hingesetzt.

Es spricht allerdings für diese Gedichte, dass sie einen, anders als viele andere Exempel der Gegenwartslyrik, nur selten zu dieser Art Protest einladen. Nicht ins Sprach-Laboratorium geht hier die Fahrt, sondern in die weite Außenwelt der wirklichen Dinge, um dort mit ihr die innigsten und verwickeltsten Korrespondenzen aufzunehmen.

© SZ vom 19.07.2017
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