Gegenwartsliteratur:Leeres Hemd

Kristine Bilkaus Debütroman "Die Glücklichen" schildert den Abstieg einer jungen Familie. Doch das Buch macht es sich zu einfach.

Von Hans-Peter Kunisch

Isabell und Georg kommen aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen und sind nicht allzu weit oben angekommen, aber für eine komfortable Wohnung, Bionahrung für Baby Matti, Himbeeressig und Urlaub im Strandhotel reicht es. So weit ist alles in Ordnung in der jungen Hamburger Kleinfamilie, werden andere Kita-Eltern denken, aber das stimmt nicht ganz: Isabell, Cellistin beim Musical, hat Probleme mit der Rückkehr aus der Elternzeit: "Meine Hände zittern nicht", schreibt sie beschwörend auf einen Zettel, aber es ist falsch. Georg ist Journalist im Gesellschaftsressort einer Zeitung, deren Redaktion in einem Jugendstilhaus residiert. Aber die Anzeigenkrise drängt das Blatt an den Abgrund - bald sind beide ohne Job. Und auch wenn Isabell sich hätte halten können, es hätte ihr nichts genützt: Kurz nach ihrem Abgang werden die Streicher "digitalisiert".

"Die Glücklichen", der Erstling der 1974 im Hamburg geborenen Kristine Bilkau, bemüht sich auf beinahe schon klassische Weise, der Roman einer Generation zu werden. "Die Angst der Mittelklasse vor dem Absturz" ist ein sogenanntes großes Thema, und Bilkaus Roman dreht sich punktgenau um die Frage, was Krisen mit Menschen machen, die sich eben noch sicher fühlten und zeittypisch geweckt werden. Ein geeignetes Mittel dazu ist der Bewusstseinsroman. Ganz dicht bleibt Bilkau an ihren Figuren. Isabell erhält die dominantere Perspektive, aber auch in Georgs Gedanken und Gefühle schmiegt sich die auktoriale Erzählerin ein. Als Leser nimmt man beinahe distanzlos an ihrem Leben teil, spürt, wie sich Erfolglosigkeitserfahrungen verdichten und gegeneinander arbeiten.

Das überzeugt da, wo die Probleme das aus Generationen-Artikeln Bekannte hinter sich lassen. Isabells Bemühen, ihre Unsicherheiten beim Spielen zu verstecken, gehen unter die Haut. Auch Georgs Ekel und Hilflosigkeit beim Bewerbungsgespräch für das Kundenmagazin einer Luxusmaklerin sind nachvollziehbar. Problematisch aber ist, dass Bilkau wenig Energie darauf verwendet, eine Dramaturgie für den gesellschaftlichen Abstieg ihrer Protagonisten zu entwickeln. Statt als Individuen lebendig zu werden, versteinern sie zu Beispielen, deren sterile Innenwelten kaum auszuhalten sind.

Kristine Bilkau: "Die Glücklichen"

Eine Leseprobe des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Der Text droht an seinem Einfühlsamkeits-Erzählkonzept zu ersticken. Weil man sie zu schnell versteht, ist die Nähe zu den Figuren nicht förderlich, und was man dabei erfährt, nimmt nicht unbedingt für sie ein. Vor allem Isabell leidet massiv unter Statusproblemen. Selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen, hasst sie Georg dafür, an Wohnungswechsel oder ein Verlassen der Stadt nur zu denken. "Sie verachtet seine Vernunft und nimmt ihm seinen Mangel an Eitelkeit übel." Beide schämen sich voreinander, weil sie Angst haben, vom anderen für die Erfolglosigkeit als Paar verantwortlich gemacht zu werden.

Natürlich müssen sich Georg und Isabell auch nach außen abkapseln. Die Väter sind tot oder verschwunden, die Mütter werden belogen. Isabell versteckt sich auch vor ihrer früher besten Freundin, einer international arbeitenden Cellistin, bis der Frust über ihre Erfolglosigkeit aus ihr herausbricht.

"Die Straßen ihres Viertels sind nichts für Versager", heißt es etwas pathetisch

Je unwilliger man Isabells bornierter Innenperspektive folgt, desto klarer wird das Problem dieses Romans. Er schildert Krisengefühle, sprachlich gediegen, mit Anteilnahme und Detailfreude, ohne den ernsthaften Versuch, sie zu verstehen. Warum sind Scham und Unduldsamkeit gegenüber dem eigenen Misserfolg so groß? Das Problem von Georg und Isabells Generation scheint zu sein, dass sie nicht viel mehr hat als ihre Erfolge. Auf Beruf und Kinder trainiert, lebt man, gänzlich entpolitisiert und wellnessorientiert, davon, zu arbeiten und sich auszuruhen. Fehlt dieser Rhythmus, wird die Leere der weißen Blusen und Hemden spürbar.

Isabell und Georg haben sich erfolgreich einreden lassen, jeder sei seines Glückes Schmied. Was aber heißt, dass es keine Ausreden gibt. So blasiert, wie sie die Erfolglosen aus ihrem Neo-Biedermeier ausgeblendet hatten, müssen die "Absteiger" jetzt auf sich und ihre Nächsten blicken. Dabei neigen Isabell und Georg, denen es materiell nie wirklich schlecht geht, dazu, das eigene "Scheitern" zu dramatisieren. Überlegungen, ob ein Schema wie Scheitern/Erfolg in einem Menschenleben viel zu suchen hat, tauchen erst gar nicht auf. Bitter wird konstatiert: "Die Straßen ihres Viertels sind nichts für Versager."

Gegenwartsliteratur: "Die Glücklichen" sind der Erstling der 1974 im Hamburg geborenen Kristine Bilkau.

"Die Glücklichen" sind der Erstling der 1974 im Hamburg geborenen Kristine Bilkau.

(Foto: Luchterhand)

Tatsächlich äußert Isabell über zweihundert Seiten keinen Gedanken, der das familiäre Unwohlsein überschreitet. Erst als Georgs Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes im familieneigenen "Radio und Fernsehen"-Laden wohnte, stirbt, kommen Isabell und der Roman etwas in Bewegung. Georg ist bei einem Aushilfsjob in Stuttgart.

Während Isabell, die die Existenz dieser Frau bisher für "grotesk" hielt, alleine bei der Toten sitzt, wird sie nachdenklich. Später, als sie ein paar Dinge verkauft, um sie nicht entsorgen zu müssen, erinnert sie sich, wie sie Georg kennenlernte: auf dem Flohmarkt, wo er sich als Sohn des Ladeninhabers entpuppte, bei dem sie mit zwölf ihren ersten Fernseher gekauft bekam. Isabells Wandlung kommt spät und bleibt schablonenhaft, aber immerhin macht sie die zwei Figuren am Ende zu einem Paar.

Kristine Bilkau: Die Glücklichen. Roman. Luchterhand Literaturverlag. München 2015. 304 Seiten. 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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