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Geburtstag:Aribert Reimann wird 80

Aribert Reimann

Aribert Reimann der gebürtige Berliner gehört zu den bedeutendsten deutschen Komponisten unserer Zeit. Sein Werk umfasst Opern, Orchester- und Kammermusik und ein reiches Liedschaffen.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Der Komponist hat einen Faible für ein Genre, das als "Literaturoper" verachtet wurde. Aber in seiner dunklen Musk ist Aribert Reimann ein großer Seelenforscher.

Von Reinhard J. Brembeck

"Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vor bei . . ." Das Orchester hat sich schleppend aus Dunkel und Tiefe herausgewunden, als urplötzlich die Frauenstimme einsetzt, ganz Unbedingtheit, Lodern, Hass. Ja, Medea wird gleich ihre Kinder umbringen, um sich an Jason für dessen Treulosigkeit zu rächen. Das ist die grausigste unter allen grausigen Geschichten, die das Theater seit zweieinhalbtausend Jahren heimsuchen. Nur selten aber fand sie auf die Opernbühne. Doch als Aribert Reimann vor sechs Jahren in der Wiener Staatsoper seine Version uraufführte, da war das sein größtes Meisterstück in einem an Meisterstücken nicht armen Œuvre.

In den letzten 50 Jahren, seit seinem "Traumspiel" nach Strindberg, hat sich Reimann als einer der erfolgreichsten Opernkomponisten in Deutschland etabliert. Und das gegen große Konkurrenz. Denn die Nachkriegszeit wurde dominiert vom Synkretisten Hans Werner Henze, dann kam der Expressionist Wolfgang Rihm ins Spiel. Reimann ist verglichen mit diesen Giganten ein Klassiker, einer, der die Erforschung von Seelen geradezu traditionell mit einer gern dunklen und anschmiegsamen Musik betreibt.

Sein erster Großerfolg war 1978 "Lear" in München. Auch weil Dietrich Fischer-Dieskau den unglücklichen König sang, den die Familie und sein eigener Hochmut in den Abgrund reißen. Dieses Stück mit seinem endlos gedehnten Orchesterklangband voller Einsamkeit und Tristesse verrät die Vorlieben Reimanns. Er hat ein Faible für Theaterstücke, was einst als "Literaturoper" verachtet wurde, und für Frauengestalten. So ist im "Lear" nicht der Antiheld, sondern die Tochter Cordelia die musikalisch und dramaturgisch überzeugendste Gestalt, nicht zuletzt, weil sie von Júlia Várady mit unsentimental ans Herz gehender Innigkeit gesungen wurde, davon legt auch die Aufnahme Zeugnis ab.

Frauen im Kollektiv waren die Zentralgestalten in Reimanns anderen Opern für München: in den "Troades" nach Euripides über die Schicksale der Trojanerinnen nach dem Fall ihrer Stadt, genauso wie in "Bernarda Albas Haus" nach Lorca, die von der sexuellen Hölle in einem Frauenhaushalt erzählt. Immer zeigte sich Reimanns Neigung zu hohen und agil geführten Sopranen, die, wie zuletzt in "Medea", stets nicht realisierbare Utopien formulieren. An diesem Freitag wird Aribert Reimann 80 Jahre alt.

© SZ vom 04.03.2016
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