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"No Gods No Masters" von "Garbage":Vier Hashtags pro Song

Garbage - Pressefotos der Band

Früher Meisterin des scheinbar nutzlosen Ablümmelns. Heute mit mehr Pose: Shirley Manson mit Band.

(Foto: Joseph Cultice)

Irrwitzig gut gemeint: "Garbage" klingen auf ihrem neuen Album, als wollten sie in ihrem Psycho-Cyber-Rocksound Twitter vertonen.

Von Joachim Hentschel

Von den Dingen, die die schottische Sängerin Shirley Manson in ihrer Karriere zur absoluten Perfektion gebracht hat, ist eines ganz besonders beeindruckend: das Einfach-nur-so-Herumstehen. Auf Fotos, auf der Bühne, in den Videos ihrer Band Garbage. Es klingt banal, aber das schlichte, scheinbar nutzlose Ablümmeln kann zu einer eminent hohen Kunst werden - erst recht in einer popkulturellen Öffentlichkeit, in der von auffälligen Frauen oft genug die allgemeinverständlichsten Auffällige-Frauen-Posen erwartet werden. Die sieben Kardinaltugenden der Körperspannung. Der grässliche sogenannte Flirt mit der Kamera.

Im November 1997, das ist gar nicht so lange her, erschien das US-Magazin Rolling Stone mit einem Titelbild, auf dem Tina Turner, Madonna und Courtney Love zu dritt miteinander tanzten, in gut gespielter Fotostudio-Ausgelassenheit, unter der offenbar newswertigen Überschrift "Women of Rock". Es war exakt die Zeit, in der Shirley Manson mit geradezu hypnotisch schlechter Laune auf den Festivalbühnen abhing und sich im Video zu ihrem großartigen Song "Stupid Girl" auf majestätische Art furchtbar zu langweilen schien. Ausgeleuchtet in den typischen Neunziger-Farben Feuerorange und Quecksilberlila. Während die drei Garbage-Musiker mit den Instrumenten hantierten wie mit Baustellengeräten. Und sie dazu als fiese, coole Nestbeschmutzerin gegen das weibliche Erfüllungsethos sang: "Was dich antreibt, treibt dich in den Wahnsinn." So las sie dem "stupid girl" damals die Leviten, acht Jahre vor der ersten "America's Next Top Model"-Staffel. "Mehr als eine Million Lügen, um dich selbst zu verkaufen, hast du nicht."

Shirley Manson, das Gift gegen die zeitgenössische "Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?"-Zuversicht

Das erste Album "Garbage", mit den seltsamen pinken Flauschflammen und dem großen G auf dem Cover, gehört zu den CDs, die um 1995 in wirklich jedem Studentenzimmer lagen. Mehr als vier Millionen Stück wurden weltweit verkauft (die Zahl der Joints und MDMA-Kristallhäufchen, die auf ihren Plastikdeckeln gerollt oder herumgereicht wurden, kann man nur sehr grob schätzen). Und Shirley Manson, die defätistische Diva, das Gift gegen die zeitgenössische "Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?"-Zuversicht, zog allen im Publikum noch eine dreckige Grimasse. Auf dem Foto, das auf der Rückseite des Booklets war.

Umso tragischer ist es heute also, dass Shirley Manson sich für ihr neues Video ausgerechnet die symbolisch am stärksten durchgescheuerte Pose ausgesucht hat, die die jüngere Semiotikgeschichte zu bieten hat: Sie hängt am Kreuz, in einer rot erleuchteten Kapelle. Mit Dornenkrone und Engelsgewand, singend, bewacht von ihren Bandkollegen, die sich als gruselige Klosterbrüder verkleidet haben. "No Gods No Masters" heißt der Song. Er ist auch das Titelstück des neuen, inzwischen siebten Garbage-Albums, das gerade erschienen ist.

Worum es hier gehen soll, kann man fast schon erraten, bevor man den gellenden Synthesizer-Rock gehört hat. Shirley Manson singt in "No Gods No Masters" gegen alle fremdgesetzten Autoritäten, gegen jeden Glauben, der nicht allein auf die individuelle Entscheidungskraft des Menschen vertraut. Dass man diese Emanzipation durchaus schon durchgemacht haben könnte, seit damals in der Schule Immanuel Kants "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" von 1784 drankam (auch wenn der Refrain da noch keine so tolle Melodie hatte), das ist das eine. Das andere ist, dass man nun aber plötzlich auch noch ernsthaft zu grübeln beginnt, was Shirley Manson mit der plakativen Jesus-Szene eigentlich sagen will.

Entweder: Sie setzt sich hier als weiblicher Heiland, als Gesicht des irdischen Individualismus an die Stelle Christi, was ja doch irgendwie Blödsinn wäre, wenn sie die alten Ikonen eigentlich wegfegen will. Oder: Es geht um die Gewalt, die Kreuzigung als Akt, durch den die Freisprechenden von Institutionen mundtot gemacht werden, was wiederum eine Geschichte wäre, in der die Sängerin sich als Opfer darstellt. Am wahrscheinlichsten ist Option drei: Shirley Manson, die früher die Meisterin des demonstrativen Nichtposierens war, hat hier zur Sicherheit einfach mal den größten metaphorischen Hammer ausgepackt, der zur Hand war. Irgendwer wird sich schon drüber aufregen.

So gesehen ist der Song auch für den Rest des neuen Garbage-Albums symptomatisch, das in ein ganz seltsames künstlerisches Paradox hineinfällt: Die elf Stücke von "No Gods No Masters" sind inhaltlich wahnsinnig aktuell, irrwitzig gut gemeint, phänomenal konstruktiv formuliert - und wirken genau deshalb so unfassbar überholt und gestrig.

Es ist, als hätte die Band versucht, in ihrem bewährten Psycho-Cyber-Rocksound die Plattform Twitter zu vertonen. Als wolle sie in jedem Stück zwei bis vier relevante Hashtags unterbringen, Klimakrise, "Black Lives Matter" oder "Me Too", und dabei auf keinen Fall missverstanden werden. Bloß ein Bezug zur Corona-Debatte fehlt. Was wohl daran liegt, dass die Platte schon im März 2020 vollendet und wegen des Stillstands der Branche zurückgehalten worden war.

"The Men Who Rule The World", das Stück über Kapitalismus und Umweltzerstörung, beginnt zur Lernzielsicherung mit dem Klimpern von Münzen im Spielautomat und hat einen Chorus, in dem Manson tatsächlich einfach nur "Money, money, money" singt. "Waiting For God" vergleicht das Knallen der Fourth-of-July-Raketen mit Polizistenschüssen in die Rücken schwarzer Männer, endet mit einem gewisperten Vaterunser, während "A Woman Destroyed" die gewohnte Erzählung vom maskulinen Stalker umdreht: Hier stellt die Frau sadistisch dem Mann in Aussicht, ihm das Leben zur Hölle zu machen.

Das erfreulich Hybride, das den Sound von Garbage bis heute auszeichnet, das Ineinander von Körperlichkeit und Abstraktion, von Rock'n'Roll-Verzerrung und technoider Klarheit, haben diese Geschichten leider überhaupt nicht mehr. Als nähmen Shirley Manson und ihre Band die Gegenwart viel zu ernst, um sich das Abgründige, die schwere Schlampigkeit und leichte Todessehnsucht ihrer schwarzromantischen Frühphase noch leisten zu wollen. Man kann das natürlich so machen. Für die Kunst wäre es aber eben dramatisch.

Ganz am Ende kommt dann immerhin der mit Abstand beste Song. "This City Will Kill You" ist der versöhnliche Moment, der dann auch ein wirkliches Eigenleben entwickelt: eine vernebelte, flirrende Rückschau auf Jugendtage im viel zu heißen Los Angeles. Shirley Manson kommt selbst aus Edinburgh, macht aus diesem Song aber ein umso berückenderes Sinnbild für die verdammte Widersprüchlichkeit des Jungseins. "You've got to wake up", singt sie, "and figure things out."

Wach auf, begreif die Realität. Wahrscheinlich ist die Zeit des Rumstehens 2021 einfach abgelaufen.

© SZ/biaz
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