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Gangsterfilm:Wege zum Rum

Der Mafiathriller "Live by Night", mit Ben Affleck in Hauptrolle und Regiestuhl, krankt an der inneren Batmanhaftigkeit seines Machers.

Von David Steinitz

Seit Ben Affleck ins Superheldengeschäft eingestiegen ist und zum amtierenden Batman wurde, scheint sich in seinem Kopf eine tiefe, staatstragende Sprechstimme eingenistet zu haben. Man könnte sie als "Batman-Bass" bezeichnen. In dieser Stimmlage brummte er zum Beispiel in "Batman v Superman" Sätze wie diesen: "Es wird Zeit, dass du lernst, was es bedeutet, ein Mann zu sein."

Sein Mafia-Thriller "Live by Night", bei dem er Regie, Drehbuch und Hauptrolle übernommen hat, spielt zwar in der Prohibitionszeit zwischen den Weltkriegen, und Affleck ist kein Superheld, sondern ein Supergangster; aber trotzdem hat man das Gefühl, immer noch Batman sprechen zu hören. "Ich zog in den Krieg als Soldat, zurück kam ich als Gesetzloser", sagt er in seiner Rolle als Joe Coughlin. Der ist ein Kriegsveteran, der mit Schnaps das große Geld machen will, aber auf dem Weg zum Oberschurken steht ihm seine Batman-Haftigkeit nicht nur akustisch im Weg.

Die Geschichte basiert auf einem Roman des Krimikünstlers Dennis Lehane, der schon die Vorlagen für diverse Hollywoodfilme lieferte, "Mystic River" von Clint Eastwood oder "Shutter Island" von Martin Scorsese zum Beispiel. Ben Affleck gab 2007 sein Regiedebüt mit der Lehane-Adaption "Gone Baby Gone". Seitdem ist er ein respektierter Filmemacher, seine Regiearbeiten brachten viel Geld ein, 2013 bekam er für den Politthriller "Argo" einen Oscar. Jetzt hat er sich wieder ein Buch seines Lieblingsschriftstellers vorgenommen, und das klingt natürlich vielversprechend. Lehane hat in den vergangenen Jahren drei Romane über die irischstämmige Coughlin-Familie geschrieben, eine Kartografie des amerikanischen Traums und seiner Abgründe. "Live by Night" ist das mittlere Buch, über Joe Coughlin, der in Boston an ein paar üble Nachtschattengewächse gerät und ins sonnige Florida flieht, wo er sich mit Rumschmuggel ein Imperium aufbaut. Ein Thriller über die Liebe zum Geld und zum leichten Leben, und natürlich auch über den Todestrieb, der beiden Leidenschaften innewohnt.

Sienna Miller verführt als Femme fatale in "Live by Night" Ben Affleck.

(Foto: Claire Folger)

Das inszeniert Affleck stoisch nach den Regeln des Dreißigerjahre-Gangsterfilms, die Frauen ziehen lasziv an ihren Zigarettenspitzen und die Männer lassen das Eis in ihren Whiskeygläsern klirren. Das Problem ist nur, dass die Geschichte des Rumkönigs Joe Coughlin und seiner schönen Mädchen die Geschichte eines Verfalls ist. Der desillusionierte Veteran ist ein Antiheld par excellence, ein Nihilist, den die Zeitumstände dazu gebracht haben, nur noch an seine eigenen Gesetze zu glauben, so wie James Cagney in "Public Enemy" oder Al Pacino in "Scarface".

Aber obwohl Affleck sich redlich Mühe mit dem Noir-Charme des Gangsterumfelds gibt, versucht er, seinem Protagonisten beständig Gutmenschen-Injektionen zu verpassen, sein Verhalten zu entschuldigen. Und so wird aus der Geschichte eines Zynikers, der reich wird, weil er um die Korrumpierbarkeit seines Landes und die Verführbarkeit seiner Mitmenschen weiß, das Zerrbild eines Mannes, der gerne böse sein möchte, aber aus dem Batman-Modus nicht herauskommt.

Live by Night, USA 2016 - Regie, Buch: Ben Affleck. Kamera: Robert Richardson. Mit: Ben Affleck, Zoe Saldana, Sienna Miller. Warner, 129 Minuten.

© SZ vom 02.02.2017

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