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Galerieausstellung in Berlin:Der Strahlemann für 22 000 Euro

Künstler machen sich in der Berliner Galerie Zwinger in einer originellen Ausstellung Gedanken über die SPD. Einen schmissigen Slogan für die nächste Bundestagswahl gibt es jedoch nicht.

"No Groko". Besucher der kleinen Galerie Zwinger in einem verschwiegenen Teil von Berlin-Schöneberg schauen dieser Tage etwas ungläubig auf den Plastikball, der da von der Decke hängt. In roten Lettern prangt das Motto auf der transparenten Ampel. Hat sich jetzt auch die Kunst auf die Seite der SPD-Linken geschlagen?

Als Signal will Claus Föttinger die Losung freilich nicht verstanden wissen. Seine Skulptur erinnert an Buckminster Fullers berühmte Globus-Lampe. Die Fotos und Slogans aus der SPD-Geschichte, die der Objektkünstler, Jahrgang 1960, darauf gemalt hat, spiegeln die Schichten seiner eigenen Biografie.

Sie reicht von einem Bild des Sexualkundeatlas der einstigen SPD-Ministerin Käte Strobel in dem inneren Polyeder bis zu dem des neuen Führungsduos Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken auf dem äußeren. Fast wehmütig betrachtet der Künstler, den Kopf in die Hand gestützt, seine handvernähte Wunderlampe: "Wie lange diese Bilder mich begleitet haben."

Die Kuratoren sparen sich die Häme, die die Partei sonst von der linken Intelligenz erhält

Es zeichnet die originelle Themen-Ausstellung des Kurators und Kritikers Hans-Jürgen Hafner und des Offenbacher Malereiprofessors Gunter Reski zur "Zukunft der SPD" aus, dass sie weder in die Häme verfällt, mit der die SPD gewohnheitsmäßig von der linksliberalen Intelligenz überzogen wird. Sie stimmt auch nicht den Schwanengesang an, mit dem die Medien die "Eskabolation" von August Bebels Traditionstruppe begleiten.

SPD Ausstellung

Blick in die originelle Ausstellung "Die Zukunft der SPD" in der Berliner Galerie Zwinger. Kuratiert hat sie Hans-Günther Hafner und Gunter Reski.

(Foto: Galerie Zwinger)

Sieht man von den drei zerknäulten roten Schlipsen ab, die Manfred Pernice in eine mit rotem Samt ausgeschlagene Glasbox gelegt hat - dezent ironischer Hinweis auf die Verbürgerlichung einer einst revolutionären Bewegung. Wenig überraschend empfehlen die beteiligten 32 Künstlerinnen ihrem verzagten Wurmfortsatz eine beherzte Linkswende.

Lutz Braun hat die Köpfe von Rosa Luxemburg und Rudi Dutschke auf einen umgestürzten roten Schirm gemalt, wie er an einsamen SPD-Wahlkampfständen steht. "Hey Barista, Yoga-Lehrer, Putzhilfe, Babysitterin" hat Michaela Meise auf ihren Vorschlag für ein Wahl-Plakat in Neon-Pink geschrieben. "Das Prekariat wählt SPD!" Und in drei Videos in fröhlichem Agitprop empfiehlt Ina Wudtke den Sozialdemokraten den basisdemokratischen Kampf gegen die Gentrifizierung: "Rekommunalisierung plus - Mieterräte sind ein Muss!"

Eine schmissige Utopie für die poröse Formation fällt allerdings auch ihren ästhetischen Hilfstruppen nicht ein. "In Utopia gibt es kein Privateigentum oder Geld" - einen massenkompatiblen Slogan für die nächste Bundestagswahl gibt auch Helmut und Johanna Kandls sympathisches Motto nicht her, den die Künstler über ein mittelalterliches Paradiesbild geklebt haben.

Bleibt die Hoffnung auf eine ähnliche Kultfigur wie sie Willy Brandt auf dem ikonischen Plakat mit Gitarre und Kippe im Mundwinkel hergab. Die Fotografin Heidi Specker hat einem Exemplar die Füße der melancholischen Spaßvögel Laurel und Hardy untergeschoben.

SPD Plakat der Künstlerin Michaela Meise

Wenn Künstler Wahlplakate entwerfen: ein Vorschlag von Michaela Meise.

(Foto: Zwinger Galerie Berlin)

Dass ein ästhetischer Normalo wie Kevin Kühnert im Medium der Kunst zu dem schmerzlich vermissten Strahlemann mutieren kann, zeigt das Porträtbild des Juso-Chefs, das Norbert Bisky zu der Schau beigesteuert hat - eine Mischung aus Pop-Star und Coverboy. 22 000 Euro für das Ölgeviert sind kein Pappenstiel. Es reicht aber wohl auch nicht, um die Sozis aus der Groko freizukaufen.

Die Zukunft der SPD. Galerie Zwinger, Berlin. Bis 22. Februar 2020.

© SZ vom 21.12.2019

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