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Freundschaftsgeschichte:Der Rübenkeller als Rückzugsort

Leslie Connor folgt zwei Außenseitern in der amerikanischen Provinz und enthüllt "Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)".

Von Siggi Seuss

Man muss ihn einfach lieb gewinnen, Mason Buttle, 13 Jahre alt, ein kräftig gebauter, großer Junge. Er kann kaum schreiben und lesen und schleppt eine Menge Sorgen mit sich herum. Aber er ist ein herzensguter, dem Leben zugewandter, grundehrlicher Mensch. Ein bisschen erinnert er an den jungen Forrest Gump. Er lebt in einer Kleinstadt im Osten der Vereinigten Staaten - in einem Provinznest, das den Lesern bald so vertraut sein wird, als läge es um die Ecke.

Der Junge ist die Hauptperson in Leslie Connors Roman "Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)". Mason berichtet von den Ereignissen eines Sommers, in dem sich alles für ihn ändert. Das Geheimnis eines Sommers ist ja ein häufiges Motiv in Coming-of-Age-Romanen, wie in "Stand By Me", der Verfilmung von Stephen Kings Erzählung "Die Leiche" oder eben auch bei "Forrest Gump". Weil das Leben gerade in dieser Zeit so heftig durcheinandergeschüttelt wird, dass die Gebeutelten gar nicht mehr wissen, was oben und unten ist. Masons schlimmste Traumata sind der frühe Tod der Mutter (ein Vater spielt keine Rolle) und der tödliche Sturz seines besten Freundes von einer Leiter. Über dem Leben seiner Grandma und seines Onkels, die nun für ihn sorgen, liegt ein grauer, undurchdringlich erscheinender Schleier. Das, was die Familie bisher zusammenhielt - das Bewirtschaften wunderschöner Streuobstwiesen mit seltenen Apfelsorten - bricht auseinander. Der Onkel hat große Flächen verkauft, und die Neubaugebiete rücken immer näher an das idyllische Fleckchen mit dem charmanten alten Wohnhaus der Buttles in der Mitte, der "Bruchbude".

Und dann gibt es natürlich Matt und Lance, die ewigen Bösewichte der Kleinstadt, die Außenseiter wie Mason und seinen neuen Freund Calvin - ein kleiner, dürrer, blitzgescheiter Junge - bis aufs Blut triezen. Auch Calvin erinnert an eine halb reale Romanfigur, an den schmalen Dill (also den jungen Truman Capote) in Harper Lees "Wer die Nachtigall stört". Zu guter Letzt kommt die gute Fee ins Spiel, die man auch von irgendwoher zu kennen glaubt. Sie versucht, in jeder nicht ganz hoffnungslosen Geschichte das Allerschlimmste abzuwenden. In diesem Fall ist es Miss Blinny, die Schulsozialarbeiterin mit ihrem Büro, einer Insel der Ruhe in tosender See.

Die Charaktere des Romans erinnern an Menschen, denen man als literarische Figuren schon einmal begegnet ist. Mit quicklebendiger Sprache - von André Mumot nahtlos ins Deutsche übertragen - und allmählich steigernder Dramatik verstrickt Leslie Connor gekonnt die einzelnen Handlungsfäden. Sie arrangiert das Geschehen so, dass man sich sofort mit Haut und Haar an diesen Ort versetzt fühlt. Man leidet mit Mason und Calvin, wenn sich die beiden in einem verlassenen Rübenkeller einen Rückzugsort bauen, und die Wände bemalen mit Bildern, die sie an die Höhlen von Lascaux erinnern.

Man wünscht sich von ganzem Herzen, dass Menschen wie Mason ihr Leben meistern, mit den Miss Blinnys dieser Welt, mit Freunden wie Calvin und einer Großmutter, die einem zur rechten Zeit einen köstlichen Apfelcrumble auf den Tisch stellt. Das Einzige, was am Ende ein Wimpernzucken verursacht: Für die kurze Zeit eines Sommers ist der steinige Weg zum guten Ende hin eine Spur zu breit gepflastert. Auf diese Weise könnte man ihn leicht bis nach Hollywood verlängern. (ab 12 Jahre)

Leslie Connor: Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt). Aus dem Englischen von André Mumot. Hanser, München 2021. 320 Seiten, 16 Euro.

© SZ vom 26.02.2021
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