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Französischer Sänger ist tot:Aznavour, das war Frankreich

Charles Aznavour

"Ich will nicht, dass mein Name bleibt, ich will, dass mein Werk bleibt": Charles Aznavour.

(Foto: Getty Images)

Zum Tode von Shahnourh Varenagh Aznavourian, den die Welt als Charles Aznavour liebte. Und der nicht sich, sondern alle um sich herum beobachtete.

Manchmal erahnt man die Größe eines Menschen gerade dann, wenn er ganz klein aussieht. Vergangenen Sommer bekam der französische Sänger Charles Aznavour seinen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. Auf den Videos der Zeremonie kann man den 93-Jährigen sehen, von aufgeregten Amerikanern umringt, die ihn um einen Kopf überragen. Er steht schweigend in der Mitte, ein schmaler Mann in einem blauen Anzug.

Er scheint nicht ganz sicher zu sein, was er hier tun soll und macht dann einfach einen Schritt nach vorne, stellt sich auf seinen Stern und legt auf seinem Rücken eine Hand in die andere. Wie ein Rentner, der im Park ein paar Tauben gefüttert hat und nun den Heimweg antritt, gemächlich und so elegant wie es eben geht, wenn einem langsam die Glieder wehtun. "Ich will nicht, dass mein Name bleibt", sagt Aznavour nach dem Hollywood-Auftritt, "ich will, dass mein Werk bleibt."

Es ist ein Wunsch, den Aznavour sich schon zu Lebzeiten erfüllt hat. Er hat mehr als 60 Jahre auf der Bühne gestanden, über 1 000 Chansons geschrieben und auf der ganzen Welt 100 Millionen Tonträger verkauft. Nun ging dieses voll ausgeschöpfte Leben nach 94 Jahren zu Ende. Am Montag hat Aznavours Pressesprecherin mitgeteilt, dass der Sänger in seinem Haus in der Provence gestorben ist. "Charles Aznavour, das war Frankreich", schreibt Le Monde in ihrem Nachruf.

Und es stimmt. Aznavour, das war das Frankreich der großen Gefühle und der großen Kunst, und es war das Frankreich der Einwanderer, die zu ihrer Stimme fanden. Das Land jener, die als Geflüchtete kommen und als Pariser bleiben.

Aznavour wird am 22. Mai 1924 als Shahnourh Varenagh Aznavourian im sechsten Arrondissement von Paris geboren. Seine Eltern stammen aus Armenien, osmanische Soldaten töteten zwischen 1915 und 1916 die gesamte Familie von Aznavours Mutter. Seine Schwester, Aida, wird auf der Flucht geboren, in Griechenland. In Frankreich angekommen, eröffnet Aznavours Vater ein kleines armenisches Restaurant in der Pariser Rue de la Huchette. Heute kehren in dieser Straße Touristen nach einem Besuch von Notre-Dame zu überteuerter Pizza ein. Damals gelang es der geflüchteten Familie Aznavour, einen Ort aufzubauen, an dem sich gestrandete Künstler aus ganz Europa treffen. Aznavours Vater ist Sänger, seine Mutter Schauspielerin, schon als Jugendlicher beginnt Charles in den Bistros im Viertel mit einem kleinen Repertoire armenischer Volkslieder aufzutreten.

Aznavours Paris ist ein Versprechen. Eine Stadt, in der sich die Talente drängen, in der sie gesucht und gefeiert werden. Es ist nicht auf dieselbe Art ein Versprechen wie das New York Frank Sinatras. Nicht dieses stolz in die Brust geworfene "Wenn ich es hier schaffe, schaffe ich es überall", sondern die melancholische, selbstironische, europäische Version einer Stadt, in der jeder seine eigene kleine Sedimentschicht Leben, Tragik und Erfolg anhäufen kann. Und Charles Aznavour wird ihr Geschichtenerzähler.

Ja, in seinen Liedern geht es häufig um die Liebe. Doch nie hat man das Gefühl, dass dort eine gekränkte Seele ihr Leid klagt. Die Euphorie, die Trauer und die Sehnsucht, über die Aznavour singt, weisen immer über ihn selbst hinaus. Seine Auftritte berühren deshalb, weil man ihm jedes Gefühl abnimmt, und dennoch spürt, dass er nicht in erster Linie sich, sondern alle um sich herum beobachtet. Vielleicht lag es nur an seinen schrägen Augenbrauen, doch jedes Lächeln enthielt bei ihm eine Spur Melancholie.

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Auf der Bühne gab er den Herzensbrecher. Doch immer blieb eine Spur Schüchternheit

Wenn man seine größten Erfolge durchhört, dann ist es, als bekäme man verschiedene Leben vorgestellt. In "Non, je n'ai rien oublié" begegnen sich zwei Menschen, die sich früher einmal liebten und nun, bei einem zufälligen Treffen, auf einmal wieder jung und alt zugleich sind. In "Emmenez-moi" lässt er einen Träumer am Hafen zu der Erkenntnis kommen, dass alles möglicherweise weniger schlimm wäre, wenn man nicht ständig unter diesem grauen nordischen Himmel hocken müsste, sondern wenn auch mal die Sonne schiene. In "Tu t' laisses aller" rechnet ein Mann auf relativ garstige Art und Weise mit seiner Frau ab und wirkt am Ende doch nur wie eine eher jämmerliche Person, die geliebt werden möchte.

Aus Aznavours Auftritten spricht die selbe Zurückhaltung, die ihn auch vor seinem eigenen Hollywood-Stern schweigen lässt. Mal rudert er auf der Bühne mit der Armen, denn immerhin ist er auch Schauspieler. Mal wirkt es, als wolle er jeden Frau im Publikum das Herz brechen. Doch immer bleibt auch eine Spur Schüchternheit. Als würde ihn sein Erfolg selbst überraschen.

Ästhetisch und privat kommt Aznavour ohne Eskapaden aus. Oft tritt er im Anzug auf, mindestens aber in hochgeschlossenem Oberhemd. Mit seiner dritten Ehefrau Ulla war er 50 Jahre lang verheiratet. Seine Texte schrieb er dafür umso mutiger, umso experimentierfreudiger. 1972 veröffentlicht er "Comme ils disent" (wie sie sagen). In dem Lied beschrieb er den Alltag eines homosexuellen Travestie-Künstlers, ohne ihn zu exotisieren oder der Lächerlichkeit preis zu geben. Für einen knapp 50-jährigen Mann, dessen Publikum sich eher in die Vergangenheit als in eine liberale Zukunft träumte, war das mutig. "Niemand hat das Recht mich zu verurteilen", sang Aznavour in einer Zeit, in der in Deutschland noch der Paragraf 175 galt und das Leben von Schwulen und Lesben kriminalisierte.

Sein Tod trifft nicht nur Frankreich und seine Fans auf der ganzen Welt, er berührt auch Armenien. Aznavour gelang es, sich für die Anerkennung des Genozids an den Armeniern einzusetzen, ohne neue Wut zu schüren und neue Wunden zu schlagen. 2009 wurde ihm die armenische Staatsbürgerschaft verliehen, 1995 bestellte ihn die Unesco zum Sonderbotschafter für Armenien. Auch dieser Platz ist nun leer.

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