Französische Literatur Rache ist Präzisionsarbeit

Pierre Lemaitre erzählt in "Die Farben des Feuers" von Intrigen im Paris der Zwischenkriegszeit.

Von Joseph Hanimann

Der Beschleunigungsruck des Geschehens kommt bei Pierre Lemaitre meistens gleich zu Beginn. In seinem früheren Roman "Wir sehen uns dort oben" war es ein Geschosseinschlag an der Front am letzten Tag des Ersten Weltkriegs. "Die Farben des Feuers" setzt 1927 ein. In Paris soll der angesehene Bankier Marcel Péricourt zu Grabe getragen werden. Die Trauergemeinde vertritt sich am nasskalten Wintertag beim Warten aufs Eintreffen des Sargs vor dem Haus die durchfrorenen Füße. Plötzlich wenden sich alle Blicke nach oben, zum zweiten Stock, wo der siebenjährige Paul, Péricourts einziger Enkelsohn, im Fenster erscheint. Was dann passiert, ist zugleich tragisch und skurril. Es lenkt die Geschicke des Imperiums Péricourt auf eine neue Bahn.

Madeleine, die Tochter des Bankiers und Mutter des kleinen Paul, wird sich nicht mehr stark um die Bank kümmern können. Sie lässt den langjährigen Prokuristen ihres Vaters machen. Gleichzeitig muss sie sich den verschwenderischen Parlamentsabgeordneten Charles Péricourt, ihren Onkel, vom Hals halten. Zum Trost wirft sie sich dem schwärmerischen Poeten André Delcourt in die Arme, den sie als Liebhaber und als Hauslehrer ihres Sohns in einem Dachzimmer ihres Stadtpalais unterhält. Ihre Aufmerksamkeit gilt aber ganz dem querschnittsgelähmten und schwer stotternden Paul. Das klingt wie ein Roman von Guy de Maupassant.

Mit fliegenden Szenen- und Perspektivenwechseln versetzt Lemaitre uns in die knisternde Atmosphäre der Zwischenkriegszeit. Börsenkrach, soziale Spannungen, neue Wirtschaftsimperien etwa der Flugzeugindustrie, demokratiemüde Nationen, ein wiederaufrüstendes Deutschland, der Machtantritt faschistischer Regime und Anzeichen eines neuen Kriegs bestimmen den Kontext. In dieser Situation bemüht sich der Prokurist der Bank Péricourt, der vergeblich auf die Heirat mit der Erbin Madeleine spekulierte, auf anderem Weg in den Besitz des Unternehmens zu kommen. Er ermuntert die Frau zum desaströsen Ankauf rumänischer Erdölaktien, investiert selbst aber mit Gewinn ins irakische Erdöl. Nach dem Sturz Madeleines in die Armut lässt auch der mittlerweile journalistisch erfolgreiche Liebhaber die Frau fallen. In einer bescheidenen Dreizimmerwohnung kümmert sie sich weiterhin ums verkümmerte Glück ihres heranwachsenden Sohns.

Pierre Lemaitre ist bekannt als Feinmechaniker der Rache. Der infernalische Abstieg Madeleines im Unwissen darüber, warum ihr Sohn am Tag des Begräbnisses seines Großvaters aus dem Fenster gestürzt ist, erreicht ihren Tiefpunkt in der langen Nacht, in welcher Paul ihr stotternd alles erzählt. Alles hat mit dem ehemaligen Hauslehrer Delcourt zu tun. Von da an läuft die Präzisionsmechanik der Rache wie am Schnürchen. Über Spitzel dringt Madeleine in die tiefsten Winkel der anständigen Bürgerwelt vor und bringt einen Akteur nach dem anderen zu Fall.

Aber nicht das Ergebnis dieser Wende ist im Roman entscheidend. Es wird uns eher beiläufig in einem Epilog nachgereicht. Wichtig ist bei diesem ausgeklügelten Zweitaktmotor der Intrigen - Einwickeln, Aufrollen - allein das Ticken der kleinen Schritte und der großen Fehltritte. An den Rändern des Geschehens bahnen sich hübsche Nebenhandlungen an. So widerwärtig oder grotesk dabei manche Figuren erscheinen, verklebt keine Spur von Moral das Gesamtbild. Es gibt weder wirklich Gute noch Böse in diesem Roman, im Grunde auch keine Gewinner und Verlierer. Nichts kommt am Ende ins Lot, keine Rechnung geht auf. Die Welt ist, wie sie ist. Manche haben die schlechten, manche die besseren Karten. Doch wechseln die Karten die Hände.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers. Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart, 2019. 480 Seiten, 25 Euro.