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Französische Literatur:Paradies der falschen Versprechen

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Tristan Garcia: Faber. Der Zerstörer. Roman, Aus dem Französischen von Birgit Leib. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2017. 427 Seiten, 24 Euro. E-Book 21,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Ein Leben ohne Vorbilder und versponnene Illusionen ist trist: Mit seinem Roman "Faber. Der Zerstörer" beweist Tristan Garcia, dass Philosophen keine schlechten Erzähler sein müssen.

"Wir waren Mittelschichtskinder eines durchschnittlichen westlichen Landes (...). Wir waren weder arm noch reich, (...) noch träumten wir von irgendeiner Utopie, und die Demokratie war uns gleichgültig geworden." Das Setting von Tristan Garcias Roman ist in wenigen Eingangssätzen abgesteckt. Ein Szenario, so scheint es, wie es sich Garcias Landsmann Michel Houellebecq nicht besser hätte ausdenken können, in dem die Enkel der 68er Revolution auf die illusorische Idee verzichten müssen, "die sie sich von Freiheit und Selbstverwirklichung machten, um stattdessen die unsichtbare Uniform von Personen überzuziehen".

Garcia schreibt seinen Figuren dabei eine psychologische Tiefe auf den Leib, die in den eher soziologisch inspirierten Untergangsszenarien Houellebecqs oft auf der Strecke bleibt. Zugleich zerstreut Garcia, der als Maître de Conférences an der Universität Lyon lehrt, die Befürchtung, dass Philosophen schlechte Romanautoren sein müssen, weil es in der Philosophie nun einmal um Konzepte, in der Literatur dagegen um Figuren geht.

Garcia interessiert sich ebenso sehr für den Zustand von Gesellschaften wie für die Seelengeschichte der Menschen, die sie bevölkern. Nachdem er bereits in seinem Romandebüt "Der beste Teil der Menschen" (auf Deutsch 2010 erschienen) eine beeindruckende literarische Stilsicherheit bewies, nachdem sein philosophischer Essay über das "Intensive Leben" seit Anbruch der Moderne auf geteilte Resonanz stieß, folgt jetzt Garcias 2013 erschienener, sechster Roman: "Faber. Der Zerstörer." Das zentralfranzösische Dorf, in dem Garcia seine Geschichte um die drei Freunde Madeleine, Basile und Faber ansiedelt, trägt den fiktiven Namen "Mornay", was auf Französisch in etwa so klingt wie "totgeboren".

Der Fluss, der das Städtchen durchzieht, heißt auch noch "L'hombre" - da klingt "Schatten" an -, eine scheinbar perfekte Bühne also für eine literarische Lichtgestalt. Und doch wird Medhi Faber dem Leser zunächst als absoluter Anti-Held vorgeführt. Er ist der einzige Verbliebene einer grandios gescheiterten Aussteiger-Kommune in den französischen Pyrenäen, verwahrlost, gewalttätig, so egozentrisch wie autistisch, dahinvegetierend in einem Eselsstall irgendwo im Wald. Faber wollte um keinen Preis ein "Idiotenleben" führen: "Ich habe es versucht, es klappt nicht."

Wie konnte es so weit kommen? Fünfzehn Jahre zuvor war Faber auf dem Schulhof des Lycées in Mornay erschien, der "beste Jugendliche, der in dieser Stadt das Licht der Welt erblickt hat", davon sind jedenfalls Madeleine und Basile überzeugt, zwei Underdogs, denen der Neuankömmling durch Intelligenz und Gerissenheit, stupende Belesenheit und Mut zum radikalen Freidenkertum zu einem neuen Bewusstsein verhilft.

Gegen die Politik der Pariser Eliten organisiert Faber politische Proteste, zugleich sorgt er dafür, dass sarkastische Lehrer ihren Dienst quittieren und der auf dem Pausenhof gefürchtete Schläger endlich Ruhe gibt. Faber zeigt Madeleine, der Tochter eines Pfarrers und einer Apothekerin, und Basile, Sohn eines Zauberers und Hobby-Astronomen, Auswege aus der kleinbürgerlichen Enge auf. Bis ihm, dem scheinbaren Alleskönner, der Sinn für "das Ganze" abhandenkommt und er erkennt, dass der radikale Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit nicht durchzuhalten ist. Halluzinationen und Gedächtnislücken machen ihm und seiner Umwelt das Leben zur Hölle, wie von einem Dämon gelenkt stürzt er die Stadt ins Chaos und seine Freunde ins Unglück. Faber ist nicht nur ein "Erbauer" visionärer Welten, sondern auch ihr skrupelloser Zerstörer. Ist er gar seit seiner Kindheit ein psychopathischer Mörder und Krimineller, ein "Teufel", wie er selbst einmal behauptet? Fünfzehn Jahre später, als Madeleine und Basile sich längst in der Kleinbürgerlichkeit eingerichtet haben, schmieden sie einen perfiden Plan, um ihr einstiges Idol für ihr eigenes Unglück bezahlen zu lassen.

Trist ist ein Leben ohne Vorbilder und ohne versponnene Illusionen

Tristan Garcia hat einen packenden Entwicklungsroman mit viel psychologischer Tiefe geschrieben, "Faber. Der Zerstörer" ist aber auch eine Kriminalgeschichte über mysteriöse Todesfälle und politische Verschwörungen in der Provinz. Zugleich spielt Garcia mit Elementen der fantastischen Literatur, lässt Dämonen und Teufel auftreten, die sich wie selbstverständlich in die Geschichte einfügen. Drei Erzähler, Basile, Madeleine und Faber selbst, führen den Leser durch ein raffiniertes, von Birgit Leib in ein wunderbar flüssiges Deutsch übertragenes Verwirrspiel, ein Labyrinth aus subjektiven Perspektiven, falschen Verdächtigungen und erträumten Lebenswelten. Oder ist Faber etwa doch nur eine "in die Wirklichkeit eingeführte, fiktionale Figur"? Tristan Garcia beantwortet diese Grundfrage jeder literarischen Fiktion mittels eines ziemlich raffinierten Tricks.

In diesem Buch zerplatzen Träume, Familien werden zerstört, Freunde verfallen der Rachsucht. Und doch erzählt Tristan Garcia mit viel Zuneigung für seine Figuren eine nicht nur äußerst spannende, sondern zugleich erkenntnisreiche und zuletzt auch optimistische Geschichte über die Tücken des Erwachsenseins. Sein Roman handelt davon, wie trist ein Leben ohne hochtrabende Vorbilder und versponnene Illusionen ist, die womöglich nie eingelöst werden. Und zugleich mahnt er dazu, dass man sich nicht entmutigen lassen und die Versprechen des Lebens lieben sollte, auch wenn es unmögliche Versprechen bleiben.

© SZ vom 02.11.2017

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