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Französische Literatur:Nicht jeder Hochstapler ist charmant

In seinem Roman "Der Widersacher" aus dem Jahr 2000 erprobte Emmanuel Carrère die Kunst der Verwandlung des Faktischen. Jetzt gibt es den auf Deutsch vergriffenen Roman in einer eleganten Neuübersetzung.

Von Hanna Engelmeier

Geschichten über Hochstapler haben einen harten Kern. Dieser Kern ist aus dem Geld gemacht, mit dem sich Hochstapler Zugang zu einem Leben und einer sozialen Klasse erkaufen, in die sie nicht hineingeboren wurden und an der sie sich für diese niemals wieder gutzumachende Ungerechtigkeit rächen. Dass es die Welt sei, die betrogen werden wolle, gibt Thomas Manns Romanfigur Felix Krull als Parole aus, führt sein Hochstaplerleben dabei aber mit größtmöglicher Lässigkeit.

Anders liegt der Fall von Jean-Claude Romand, dem Protagonisten in Emmanuel Carrères Roman "L' Adversaire" (2000), der auf Deutsch erstmals 2003 unter dem Titel "Amok" erschien und jetzt neu übersetzt wurde, diesmal unter dem Titel "Der Widersacher". Jean-Claude Romand entspringt nicht der Fantasie des Autors, seine Biografie ist aktenkundig. Carrère zeigt ihn nicht als leichtfüßigen Filou, sondern als depressiven Brüter, der bis zuletzt nur ungenügend Auskunft darüber geben kann, warum er seine Freunde und Familie finanziell ausgenommen und belogen hat.

Carrère erfuhr von der Geschichte im Gerichtsprozess gegen Romand und im Gespräch mit ihm. Er erzählt und zeigt zugleich, welche Grenzen die Wirklichkeitsbeschreibung hat und wie er sie ästhetisiert und bearbeitet. Eine Methode, die er erst mit "Der Widersacher" zu seinem literarischen Verfahren gemacht hat. Seine Bücher sind in Deutschland durch die Übersetzerin Claudia Hamm bekannt geworden, in deren elegantem Deutsch inzwischen wichtige Teile von Carrères Werk vorliegen.

Jean-Claude Romand hatte sich als erfolgreicher Arzt der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgegeben und ermordete seine Frau, Kinder und Eltern, als seine Mythomanie aufzufliegen begann. Diese Morde geschahen jedoch nicht, weil sich Romand geschämt hätte, als chronischer Lügner und Poseur enttarnt zu werden. Vielmehr wollte er vermeiden, eine andere als seine ausgedachte Lebensgeschichte erzählen zu müssen.

Die Stationen seines Lebens sind schnell erzählt. Romand wächst als Sohn eines Forstarbeiters auf und ist als Medizinstudent ein klassischer Bildungsaufsteiger, der im akademischen Milieu mit seiner eigenen Unsicherheit ebenso zu kämpfen hat wie mit den Anforderungen seines Studiums. Beim Übergang ins dritte Studienjahr verpasst er eine wichtige Prüfung. Seinen Eltern und seiner Freundin Florence, die später seine Ehefrau wird, erzählt er trotzdem, er habe bestanden. Diese Szene ist entscheidend, denn in diesem Moment legt Romand einen Schalter um.

Während er zuvor nur manchmal die Unwahrheit sagte, geht er nun dazu über, eine immer komplexere Lebenslüge aufzubauen, die gern geglaubt wird und so geschmeidig läuft, dass er selbst sie von der Wahrheit nur schwer unterscheiden kann. Um glaubhaft zu machen, dass er täglich zur WHO pendelt, setzt er sich jeden Tag in sein Auto und fährt Richtung Genf, verbringt seine Arbeitstage auf Parkplätzen, geht in den Wäldern spazieren, unterhält später auch eine Affäre.

Wenn er angeblich auf Dienstreisen ist, liegt er in Hotelzimmern auf dem Bett und sieht fern. Da er kein Einkommen hat, muss er viel Geld beschaffen, um das Leben eines erfolgreichen Arztes vorspiegeln zu können. Und so veruntreut Romand große Summen, die ihm seine Familie vertrauensvoll überschreibt. Irgendwann ist dieses Geld aufgebraucht, und er sieht keine Möglichkeiten mehr, an neues zu gelangen. Weil er davon ausgeht, dass seine Nächsten die Wahrheit nicht ertragen können, bringt er sie um, scheitert an einem halbherzigen Selbstmordversuch und wird vor Gericht gestellt. Dort trifft er auf Carrère. Die entscheidende Frage in der Geschichte Romands ist: Warum wurde ihm geglaubt?

Für Carrère ist diese Frage nicht in praktischer Hinsicht interessant. Romand ist es unter anderem zugutegekommen, noch nicht in Zeiten ständiger Erreich- und Auffindbarkeit durch Mobiltelefone gelebt zu haben. Carrère stellt vielmehr allgemeinere Probleme des Umgangs mit Wahrheit, Plausibilität und Fiktion in den Vordergrund, die in allen seinen Büchern verhandelt werden.

In einem Interview mit Claudia Hamm, das der Ausgabe beigegeben ist, sagt Carrère: "Die Fiktion ist an Plausibilität gebunden, die Wirklichkeit nicht." Hätte er sich die Geschichte Romands ausgedacht, wäre es schwer gewesen, sie seinem Verleger zu verkaufen, fügt er hinzu, zu drastisch und deshalb unglaubwürdig habe sie gewirkt.

Und auch auf eine religiöse Dimension von Carrères Schreiben weist der von Hamm korrigierte Titel hin: Der "Widersacher" ist einer der vielen biblischen Namen des Teufels, der als großer Versucher der Menschen auftritt. Dieser Verweis ist zentral für Carrère, der an einer französischen Übersetzung des Markusevangeliums mitgewirkt hat. Romands Geschichte ist für ihn nicht in erster Linie ein interessanter Kriminalfall, sondern eine Charakterstudie, und zwar nicht nur die des Mythomanen Roman, sondern auch eine des Erzählers, der geraume Zeit seines Lebens mit der Geschichte eines Hochstaplers und Mörders verbringt. Eines Mannes, der sogar seine Familie ermordet hat, um eine fiktive Biografie aufrechterhalten zu kön-nen. Und in gewisser Weise hat Romand ja selbst sein Leben mit dem eines anderen, eines ausgedachten Mannes verbracht, der er gern gewesen wäre. Carrère geht diesem Sich-Spiegeln in einem anderen nach und stellt die Frage, warum es in Romands Fall zu Lüge und Mord, in seinem eigenen Fall aber zu einem literarischen Verfahren wurde.

Carrères Werk ist voller psychischer Extreme. Zu diesen gehört auch seine eigene Arbeitsweise. Die Verstrickung seiner eigenen Lebensgeschichte mit der seiner Figuren hat sich mit jedem seiner Bücher zugespitzt. Er studiert die intimsten Eigenschaften seiner Figuren ebenso intensiv wie seine eigenen. Nicht alle Personen, die er zu literarischen Figuren gemacht hat, waren darüber so erfreut wie Jean-Claude Romand. Dessen Eitelkeit schmeichelte es, Protagonist eines Buches zu werden. Carrères Familienmitglieder dagegen waren, wie der Autor in Interviews berichtete, zum Teil sehr verletzt von der Art und Weise, wie sie in seinen Büchern auftauchten.

Der literarische Reichtum, den er auf seiner unaufhörlichen Wahrheitssuche ansammelt, entsteht wie jeder Reichtum auf Kosten anderer. Auch dies ist ein Thema, das Carrère in "Der Widersacher" angelegt hat.

© SZ vom 19.10.2018

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