Französische Literatur:Kulissenschieber gesucht

In seinem neuen Roman "Die Großmächtigen" lässt Hédi Kaddour, Sohn eines Tunesiers und einer Französin, eine Filmcrew aus Hollywood in ein maghrebinisches Städtchen einfallen.

Von Christoph Bartmann

Die Großmächtigen" heißen auf Französisch "Les Prépondérants", vielleicht müsste man also von den "Maßgeblichen" oder "Ausschlaggebenden" sprechen, was aber kein guter Romantitel geworden wäre. Die Großmächtigen jedenfalls nennen sich in der deutschen Ausgabe die Kolonialfranzosen, die in Hédi Kaddours Roman Anfang der 1920er-Jahre im maghrebinischen Städtchen Nahbès die Dinge regeln, wenigstens im europäischen Teil der Stadt. Im "Cercle des Prépondérants" wird beschlossen, was im Zentralorgan Présence Française verkündet wird. Ziemlich rückständig sind diese Leute, was eine eben eingetroffene Amerikanerin zu der Bemerkung veranlasst: "Die rückständigsten Leute unseres Landes, die Sklavenhalter, sind aufgeschlossener."

Tuareg in der algerischen Sahara, 1925

Wer ins Objektiv eines Fotoapparats gerät, kann am Horizont schon das Filmteam ahnen: Tuareg in der algerischen Sahara, 1925.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Amerikaner spielen in Kaddours Kolonial- und Epochenroman eine größere Rolle, weil Nahbès im Frühjahr 1922 unerwarteten Besuch bekommt. Ein Filmteam aus Hollywood will hier "Die Wüstenkrieger"drehen, einen Kostümfilm mit Außenaufnahmen am Originalschauplatz. Die Ankunft der Amerikaner bringt die konservativen Milieus von Nahbès - Franzosen hier, Einheimische dort - gründlich durcheinander. Frauen, die rauchen, trinken, flirten und wild tanzen, das kannte man in Nahbès so bis jetzt nicht. Gerüchte von wilden Ausschweifungen bei den Dreharbeiten in Amerika machen die Runde. Jedenfalls ist mit dem Eintreffen der Amerikaner der Boden bereit für einen "clash of civilizations", der die in Nahbès ohnehin vorhandenen Spannungen weiter befeuern wird.

Französische Literatur: Hédi Kaddour: Die Großmächtigen. Roman. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 476 Seiten, 24 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Hédi Kaddour: Die Großmächtigen. Roman. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 476 Seiten, 24 Euro. E-Book 16,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Kaddour hat sich viel vorgenommen. Es wäre schon anspruchsvoll gewesen, den Verwerfungen zwischen den beiden Teilen von Nahbès, zwischen spätkolonialer Erstarrung, lokaler Assimilation und Widerstand nachzugehen. Mit der "Wüstenkrieger"-Geschichte zieht er indes eine dritte, fantastische Dimension in seinen Roman ein. So kommt es, dass man die "Großmächtigen" als eine Art Burleske liest, als opulentes, überschäumendes Ausstattungs-Theater, bei dem nach Herzenslust die Kulissen geschoben werden und natürlich jeder weiß, dass es nur Kulissen sind.

Am Ende bahnt sich ein arabische Frühling an

Man könnte dem Roman, mit einem Schlagwort, "Orientalismus" vorwerfen, aber Kaddour, geboren in Tunis und nun in Paris lebend, weiß natürlich, was er tut. Er veranstaltet, mit allen Ingredienzien des Morgen- und des Abendlands, einen Karneval, aus dem die Figuren allerdings hart erwachen werden. Sie sind bunt zusammengewürfelt, werden aber auffällig leicht ziemlich beste Freunde. Und haben überhaupt unglaublich viel Zeit für die Pflege ihrer Freundschaften. "Gabrielle erzählte Kathryn am Telefon, sie habe Raouf getroffen, es gehe ihm gut, woraufhin Kathryn gleich zu Rania ging, und diesmal war es Rania, die sich aufregte . . ."

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Also: Kathryn ist die weibliche Hauptrolle, Gabrielle eine mitreisende amerikanische Journalistin, Rania eine frisch verwitwete junge Frau mit progressiven Ideen und ihr Cousin Raouf ein brillanter junger Intellektueller und Sohn des Caid, des Ortsvorstehers. Nicht nur gelingt es den Amerikanerinnen, die kulturellen Gräben von Nahbès im Flug zu überwinden, nein, die coole Suffragette Gabrielle versetzt sogar den großmächtigen Franzosen Ganthier in erotische Schwingung. Natürlich sorgt die neue Geschlechterunordnung für Unruhe in beiden Teilen des Städtchens. Was wird aus dem Rollenmodell der "ehrenwerten Frau"? "Ehrenwerte Frauen können eine echte Plage sein", meint der Händler Belkhodja lebensklug, "die anständigen Männer bedenken nicht genug, was aus dem Alltagsleben mit einer ehrenwerten Frau ohne Lächeln werden kann."

Dies ist ein Buch der Wunder, und deshalb wundert man sich nicht, wenn sich die Mehr-oder-Weniger-Paare Kathryn und Raouf sowie Gabrielle und Ganthier einige Monate später in einem Pariser Hotel erneut rein zufällig über den Weg laufen. Was machen sie hier? Was machen sie beruflich? Womit verdienen sie ihr Geld? Wir fragen lieber nicht. Kaddour hat sie hier zusammentreffen lassen, um sie gemeinsam auf Exkursion durch Frankreich und Deutschland zu schicken. Der Weltkrieg ist noch nicht lange vorbei, die Franzosen halten Teile Deutschlands besetzt, die Wirtschaft liegt am Boden, und das Reisequartett stellt an den richtigen Orten die richtigen Fragen. So Raouf in Straßburg: "Stimmt es, dass die Deutschen euch ab 1871 bei der Eroberung eurer Kolonien unterstützt haben, um von Straßburg abzulenken? Wir hätten also für eure Niederlage bezahlt?" Im Rheinland fällt ihnen das "großmächtige" Gebaren der französischen Besatzer auf. Die streikenden Arbeiter im Ruhrgebiet singen die "Marseillaise" auf Deutsch. In Berlin findet Kathryn Gefallen an einem Mann mit Monokel, Regisseur des Stummfilms "Der müde Tod." Ein "bayerischer Mussolini" macht mit zornigen Reden auf sich aufmerksam. Man hat weniger den Eindruck, dass sich hier Figuren durch die Geschichte bewegen, sondern dass die Geschichte an den Figuren vorbei bewegt wird. Der Spaß am Kulissenschieben soll sich auf die Leser übertragen, aber das gelingt nicht immer. Man wünscht sich eine Atempause, etwas Klarheit, und Figuren, die kurz einmal den Mund halten.

Erst am Ende des Romans kündigt sich etwas an, wovon man, anstelle des amerikanischen Filmteams undder kulissenhaften Europareise, gern noch mehr gelesen hätte. Ein arabischer Frühling bahnt sich an in Nahbès, Heuschrecken überrennen den Ort, Arbeiter demonstrieren, die Großmächtigen eröffnen das Feuer. Plötzlich und erstmals wird die Handlung plausibel, ob frei erfunden oder nicht. Statt des atemberaubenden, auslandenden Geschichtspanoramas eine womöglich kürzere Geschichte vom Aufstand in Nahbès, das wäre womöglich ein besseres Buch geworden.

© SZ vom 05.10.2017
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